Fotoprojekt zur RAF-Geschichte

Schauplätze der Gewalt

Von Alexander Jürgs
16.10.2021
, 18:54
Heusenstamm, einstiges Erdlager der Roten Armee Fraktion
Die Terroristen der RAF wollten einst Frankfurt zu ihrem Hauptquartier machen. Der Fotograf Olaf Jahnke ist für ein Buchprojekt ihren Spuren in der Region gefolgt.
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An der Ecke Bockenheimer Landstraße und Unterlindau sitzt der Fotograf Olaf Jahnke. Im Schatten, auf einem kleinen Mäuerchen, unter einem alten Baum, hat er Platz genommen und erzählt nun davon, was hier, an dieser Straßenkreuzung, vor mittlerweile mehr als 50 Jahren passierte.

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Ein Kriminalobermeister aus Bonn hatte damals, am 10. Februar 1971, gegen 21.15 Uhr, zwei Terroristen der RAF, der Roten Armee Fraktion, erblickt, Astrid Proll und Manfred Grashof. Als er und ein zweiter Beamter, ein Verfassungsschützer, die beiden stellen wollten, kam es zum Schusswechsel. Diese Schießerei im Frankfurter Westend war die erste direkte Konfrontation zwischen den Linksterroristen und der Polizei. Gefangen genommen wurden Proll und Grashof an dem Abend nicht. Bei der Verfolgungsjagd gelang ihnen die Flucht in die dunkle Nacht.

Olaf Jahnke hat diesen Ort fotografiert, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus und so sachlich wie nur möglich. Herbstbäume sieht man auf seinem Bild, wie gemalt wirkende Wölkchen, eine prächtige Gründerzeitvilla, einen modernen Büroklotz in Grau. Und die verwischten Spuren von Fußgängern, Radfahrern und einem weißen Auto.

Berlin, Hamburg und das Rhein-Main-Gebiet

Jahnke, 58 Jahre alt, hat viele solche Bilder gemacht. Der Fotograf aus Kelkheim hat die Orte im Rhein-Main-Gebiet aufgesucht, die in der Geschichte der RAF eine Rolle gespielt haben, Schauplätze von Gewalt, von Toden, von Festnahmen. Die Garagen im Frankfurter Stadtteil Dornbusch, Hofeckweg 2-4, an denen im Juni 1972 Andreas Baader, der Kopf der ersten RAF-Generation, Jan-Carl Raspe und Holger Meins, der hochbegabte Filmstudent aus Berlin, der die Akademie verließ, um in den bewaffneten Kampf zu ziehen, und sich im Gefängnis später zu Tode hungerte, verhaftet wurden, hat er genauso fotografiert wie das Café Voltaire, in dem Baader im April 1968 prahlte, dass er und seine Komplizen in zwei Kaufhäusern auf der Zeil Feuer gelegt hatten, oder das Rathaus in Langgöns, in dem die Terroristen eine große Menge an Blankopersonalausweisen erbeuteten.

„Beschreiben, nichts überhöhen“: Olaf Jahnke über sein Fotobuch mit RAF-Orten.
„Beschreiben, nichts überhöhen“: Olaf Jahnke über sein Fotobuch mit RAF-Orten. Bild: Maximilian von Lachner

Die Bushaltestelle im Bad Homburger Seedammweg, an der Alfred Herrhausen, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ermordet wurde, hat er mit seiner Kamera eingefangen, ein Waldstück bei Heusenstamm, in dem die Terroristen in einem Erddepot Waffen gehortet hatten, und einige der Wohnhäuser, in denen sie sich versteckt hielten. Drei Dutzend Orte hat Jahnke für sein Projekt, das er eine Topographie nennt, dokumentiert. In einer Galerieausstellung hat er seine Bilder gezeigt. In einem Fotobuch, das er über seine eigene Website vertreibt, hat er sie zusammengefasst, mit kurzen Texten, in denen er beschreibt, was sich an den abgebildeten Orten ereignete.

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Wie ist er darauf gekommen? Was hat den Fotografen, der auch als Kameramann für den Hessischen Rundfunk arbeitet, angetrieben? Am Anfang, sagt Olaf Jahnke, sei es vor allem die Irritation darüber gewesen, dass kaum jemand davon weiß, welche Bedeutung das Rhein-Main-Gebiet für die RAF hatte. Denken die Menschen an den Linksterrorismus der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre, dann kommen ihnen meist Berlin und Hamburg in den Sinn. Oder das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim, in dem sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben nahmen, nachdem ihren Nachfolgern nicht gelungen war, sie durch die Entführung von Hanns Martin Schleyer freizupressen.

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Viele Akten immer noch geheim gehalten

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet dagegen bleiben Leerstellen. „Doch das ist falsch“, sagt Olaf Jahnke. Und erzählt, wie Andreas Baader schon kurz nach der Gründung der RAF darauf bestand, das ihm zu eng und gefährlich gewordene Berlin zu verlassen. Stattdessen wollte er Frankfurt zum „Hauptquartier der RAF“ machen. Dann steht der ganz in Schwarz gekleidete Fotograf auf und läuft los, die Unterlindau entlang, in Richtung Westend-Campus. An der Hausnummer 28 hält er an. Auch diesen Wohnblock hat er für sein Projekt fotografiert. In einer der Wohnungen in dem Gebäude hatten die Terroristen Quartier bezogen. Als die Polizei in das Versteck eindrang, fanden die Beamten dort Waffen, Munition, Werkzeuge zum Aufbrechen von Pkws und eine komplett ausgestattete Fälscherwerkstatt, aber keine Terroristen.

Gleich um die Ecke, in der Oberlindau 67, im Hinterhof eines unscheinbaren Hauses, hat Anfang der Siebzigerjahre ein Metallbauer seine Werkstatt betrieben. Holger Meins kannte ihn noch aus seiner Zeit als Filmstudent in Berlin. Der Terrorist bat den Mann, ein kleines Werkzeug herzustellen, angeblich für ein Filmprojekt, tatsächlich wurden damit schon wenig später Autos geknackt. Mit immer neuen Aufträgen kamen die RAF-Terroristen zu dem Metallbauer. Der ahnte längst, dass er keine Utensilien für Dreharbeiten, sondern Zubehör für den bewaffneten Kampf anfertigte und wollte aussteigen. Doch die Terroristen machten ihm klar, dass er sein Leben verlieren würde, sollte er sich weigern, weiter für sie zu arbeiten.

Frankfurt, Dornbusch: Festnahmen Baader, Meins, Raspe
Frankfurt, Dornbusch: Festnahmen Baader, Meins, Raspe Bild: Olaf Jahnke

Olaf Jahnke kennt viele solcher Geschichten, er hat sich in die Details vertieft. An Informationen zu gelangen sei oft nicht einfach gewesen, sagt er, weil viele der Akten aus der damaligen Zeit noch immer geheim gehalten werden. Beim Bundeskriminalamt blitzte er ab, als er nach Hintergründen fragte. In den Zeitungsarchiven hatte er mehr Erfolg. Adressen von Tatorten oder Verstecken wurden damals in den Artikeln präzise benannt und beschrieben. Seine allerbeste Quelle aber sei am Ende immer „Der Baader-Meinhof-Komplex“ von Journalist Stefan Aust gewesen. „Dieses Buch wird nicht umsonst Standardwerk genannt“, sagt Jahnke.

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Werden aus mordenden Terroristen Ikonen?

Dass Künstler sich mit der RAF ausein­andersetzen, ist keine Seltenheit. Gerhard Richter hat aus Fotos, die die Toten von Stammheim zeigen, großformatige, düstere Malereien geschaffen, Joseph Beuys widmete ihnen auf der Documenta eine Performance, der Filmregisseur Uli Edel verwandelte Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ in Popcorn-Kino. Bei all diesen Werken, und nun auch bei den Fotos von Jahnke, muss man sich auch die Frage stellen: Glorifizieren sie den Terror? Machen sie aus den mordenden Terroristen Ikonen?

Bad Homburg, Seedammweg: Tatort Alfred Herrhausen
Bad Homburg, Seedammweg: Tatort Alfred Herrhausen Bild: Olaf Jahnke

„Ich wollte nur beschreiben, nichts überhöhen“, sagt der Fotograf Jahnke. Darum habe er die Orte so nüchtern eingefangen, „ganz ohne Dramatisierung, ohne schräge Linien, so neutral, wie es eben geht“. Und darum habe er in seine Texte zu den Fotografien auch keine Gerüchte aufgenommen, habe nichts erwähnt, was nur durch Hörensagen zu ihm gelangt ist. Die Wirklichkeit abbilden, dokumentieren, was passiert: Diese Journalistentugend soll für sein Projekt gelten.

Hat sich sein Blick auf die RAF durch seine Arbeit verändert, sieht er heute mit anderen Augen auf die Terroristen? „Ja“, antwortet Olaf Jahnke. „Dass die RAF sehr brutal vorgegangen ist, das war mir auch schon vorher klar, doch dieser Eindruck hat sich noch verstärkt. Die enorme Brutalität der Gruppe ist mir noch viel bewusster geworden.“ Geschockt habe ihn auch das „Erpressungssystem“ innerhalb der RAF, die Härte der Terroristen gegeneinander. „Dass man einem einfachen Metallbauer, der nicht mehr mitmachen will, dann kurzerhand die Pistole an den Kopf hält, das ist schon krass.“

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Bis heute noch immer Sympathisanten

Nachdem die Ausstellung seiner Bilder eröffnet hatte, haben sich viele Menschen, die die damalige Zeit miterlebt haben, bei ihm gemeldet. Vor allem Polizisten hätten ihm geschrieben oder ihn angerufen, erzählt Jahnke. Wie bedrohlich sie die damalige Lage wahrgenommen haben, welche Ängste sie hatten, haben sie ihm berichtet. „Die Polizisten fürchteten wirklich um ihr Leben“, sagt der Fotograf.

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Irritiert hat ihn der Anruf eines Betreibers einer Wiesbadener Kneipe. Warum Jahnke sein Lokal nicht auch für sein Projekt ausgewählt habe, wollte der Anrufer wissen. Schließlich sei der Terrorist Wolfgang Grams bei ihm doch ein und aus gegangen, bevor er in den Untergrund abtauchte.

Dieses Kokettieren mit der Nähe zu gewalttätigen Extremisten hat Jahnke erschreckt. Es zeigt aber auch, dass es wohl bis heute noch immer Sympathisanten der mordenden Revoluzzer gibt, dass sie noch immer Faszination ausüben. Trotz allem, was man über das brutale Vorgehen der Terroristen mittlerweile weiß.

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Wie Geister erscheinen

Die letzte Station des Spaziergangs mit Jahnke ist der Westend-Campus der Goethe-Universität. Über die grüne Wiese geht er zum Casino des Gebäudekomplexes, den einst der Architekt Hans Poelzig entworfen hat. Von 1930 an Firmensitz des Chemiekonzerns I.G. Farben (der die Konzen­trationslager der Nazis mit dem todbringenden Gas Zyklon B belieferte), wurde es nach Kriegsende zum Hauptquartier des amerikanischen Militärs in Europa. Am 11. Mai 1972 explodierten drei Bomben am Eingang zum und im Offizierskasino des Gebäudes. Der Oberstleutnant Paul A. Bloomquist, zweifacher Familienvater, kam bei dem Anschlag, zu dem sich das „Kommando Petra Schelm“ bekannte, ums Leben.

Jahnke hat das ikonische, aus Cannstatter Travertin erbaute Gebäude für sein Projekt in einer Abendstimmung aufgenommen. Das Licht im Inneren des Casinos lässt das Bauwerk leuchten, Langzeitbelichtung sorgt dafür, dass auch bei dieser Fotografie die Person und ein Hund, der vor dem Gebäude entlangstrolcht, wie Geister erscheinen.

Auch zu dieser Aufnahme erhielt Jahnke eine Reaktion, einen Anruf. Ein Bekannter meldete sich, den Jahnke aus Künstlerkreisen kannte. Der Mann, der surreale Bilder malt, hat viele Jahre bei der Polizei gearbeitet. Genau am 11. Mai 1972 hatte er seinen ersten Einsatz bei der Kriminalpolizei. Kurz nachdem die Bomben am Offizierskasino explodiert waren, wurde er an den Tatort gerufen. Der amerikanische Soldat, der bei dem Attentat das Leben verlor, sei damals in seinen Armen gestorben, erzählte er nun dem Fotografen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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