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FAZ plus Artikel Aufsichtsrat als Minijobber

Fragwürdige Awo-Transaktionen

Von Bernd Günther
 - 09:29
In anderer Rolle: Awo-Führungspersonal als Berater der Firma „Consowell“ auf der abgeschalteten Webseite.

Es ist ein folgenschwerer Beschluss, der im September 2006 in der Geschäftsstelle des Awo-Kreisverbandes Frankfurt gefasst wird. Der 50. Geburtstag von Jürgen Richter lag gerade zwei Tage zurück. Richter, der damals in Personalunion Geschäftsführer der Johanna-Kirchner-Stiftung und des Awo-Kreisverbandes Frankfurt sowie stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes Wiesbaden ist, erhält eine weitere Position im Konzerngeflecht des Wohlfahrtsverbandes. Richter wird für die Awo Wiesbaden in den Aufsichtsrat der Social Management Consulting Limited berufen. Weitere Aufsichtsratsmitglieder sind Wolfgang Stasche, Vorsitzender der Awo Wiesbaden, sowie Erich Nitzling und Ottilia Altmann vom Vorstand der Awo Frankfurt.

Das Unternehmen firmiert unter dem Titel Somacon. Als Unternehmenszweck wird im Handelsregisterauszug „Beratung und Betrieb von sozialen Einrichtungen, mit Ausnahme von Steuer- und Rechtsberatung“ genannt. Der Firmensitz ist in Birmingham, die Rechtsform ist eine englische GmbH. Vorteile einer Limited Company sind unter anderem, dass sie unkomplizierter, schneller und kostengünstiger zu registrieren ist. Es ist kein Notar notwendig, und es sind auch nicht 25.000 Euro Stammkapital aufzubringen. Das im Companies House in Cardiff registrierte Unternehmen weist ein Stammkapital von 100 Britischen Pfund aus.

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Jürgen Richter – Chronik eines angekündigten Rückzugs

Der umstrittene Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo), Jürgen Richter, ist am Donnerstag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Schriftlich teilte er mit, er verbinde damit „kein Schuldanerkenntnis, räume aber ein, dass es in verschiedenen Phasen der laufenden Auseinandersetzung Fehler unsererseits gegeben hat“. Es gehe jetzt darum, weiteren Schaden von der Arbeiterwohlfahrt abzuwenden und den Aufarbeitungsprozess nicht zu belasten. „Die vielen haupt- und ehrenamtlich tätigen Menschen dürfen nicht länger verunsichert werden“, äußert Richter weiter. Zu den eigenen Fehlern zählt er die Dienstwagenrichtlinie und „eine mangelnde Kommunikation“.

Der Frankfurter Awo-Verband steht seit mehr als einem halben Jahr unter anderem wegen undurchsichtiger Geldflüsse, hoher Honorare an Ehrenamtliche und Mobbingvorwürfen in der Kritik. Im Zusammenhang mit vermutlich ungerechtfertigt bezogenen Zuwendungen für Flüchtlinge ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Anfangsverdachts des Betrugs und der Untreue. In seinem Rücktrittsschreiben beklagt Richter, der nach eigenen Worten 27 Jahre als Geschäftsführer tätig war, dass die Debatte um die Arbeiterwohlfahrt „in den letzten Tagen zunehmend an Momentum gewonnen“ habe und zudem „immer öfter jedes Maß zu verlieren“ scheine.

Die Arbeiterwohlfahrt werde seit einem Jahr „durch Presseberichterstattungen mit Kampagnencharakter überzogen“. Die dort erhobenen Vorwürfe, „die wesentlich aus entwendeten und anonym durchgestochenen, internen Dokumenten gespeist werden“, nehme er sehr ernst, „obwohl ich der Meinung bin, dass die eingeleiteten Aufklärungsmaßnahmen schlussendlich die Vorwürfe widerlegen werden“. Durch die „ständigen personalisierten Angriffe in den Medien“ seien seine Familie und er schwer getroffen worden – „teilweise auch gesundheitlich“. Dem könne und wolle er sich nicht länger aussetzen.

Eigentlich hätte der langjährige Awo-Geschäftsführer längst nicht mehr im Amt sein sollen. Nach eigenen Angaben hatte er schon 2017 angekündigt, im Sommer 2019 in den Vorruhestand zu gehen. Doch als im Frühsommer dieses Jahres die ersten Berichte über Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung von Leistungen für Flüchtlinge erschienen, gab er sich kämpferisch. „Angesichts der laufenden, ganz offenbar politisch motivierten Kampagne gegen unseren Verband sehe ich es als meine persönliche Aufgabe an, die fortdauernde Bedeutung der Awo für eine solidarische Stadtgesellschaft deutlich zu machen.“ Deshalb sei er der Bitte nachgekommen, die Geschäfte fortzuführen. „Die weitere Übernahme von Verantwortung ist die einzig politisch richtige Antwort auf einen derartigen verleumderischen Angriff auf die Awo und meine Person, auch wenn meine persönliche Planung anderes vorsah.“

In den Monaten danach war öffentlich nur noch wenig von Richter zu vernehmen. Mitte November verschärfte sich der Druck durch weitere Enthüllungen über die Geschäftspraktiken der Awo. In den Fokus geriet der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), früher selbst in leitender Position für die Awo tätig. Seine Frau Zübeyde hatte als Leiterin einer deutsch-türkischen Awo-Kita, die von ihrem Mann mitgegründet worden war, ein unüblich hohes Gehalt und einen Dienstwagen bekommen. Auch über den luxuriösen Lebensstil der Awo-Führung und die undurchsichtigen Geschäfte zwischen den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden wurde immer mehr bekannt.

Vor Richter hatten sich schon andere Protagonisten der Awo-Affäre zurückgezogen. Seine Frau Hannelore, 20 Jahre Geschäftsführerin in Wiesbaden, war Anfang November verabschiedet worden. In Frankfurt legten SPD-Politiker ihre Arbeit im Awo-Vorstand nieder, die ehrenamtlichen Revisoren gaben ihr Amt auf, weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlten. Anfang dieser Woche trat dann Wolfgang Stasche, der 78 Jahre alte ehrenamtliche Vorsitzende des Kreisverbands Wiesbaden, zurück. Zur Begründung sagte er: „Die Vorwürfe gegen uns sind größtenteils berechtigt“, er habe seine Kontrollfunktion nicht richtig wahrgenommen. Mitte der Woche folgte dann Gereon Richter, der Sohn von Jürgen und Hannelore Richter. Er verzichtet auf sein Amt als Geschäftsführer in Wiesbaden, will aber weiter die pädagogischen Einrichtungen der Awo leiten. Seine Mutter, die im Ruhestand weiterhin Projekte betreuen sollte, werde nicht mehr für die Awo arbeiten.

Der Kreisverband Frankfurt will nun Mitte Januar ein neues Präsidium wählen, wie der ehrenamtliche Vorstand inzwischen heißt. Dessen Vorsitzender Ansgar Dittmar, ein Anwalt und früherer SPD-Politiker, ist zugleich hauptamtlicher Geschäftsführer der Awo Hessen-Süd. Er teilte vergangene Woche mit, der Kreisverband werde das Gehaltsgefüge und die tariflichen Eingruppierungen von Mitarbeitern „kritisch prüfen“.

(trö./trau.)

Quelle: F.A.Z.
Günther Bernd  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Bernd Günther
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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