Tempolimit in der Innenstadt

Frankfurt fährt jetzt 40

Von Mechthild Harting
08.12.2020
, 19:21
Seit Tagen werden in der Innenstadt Tempo-40-Schilder montiert. Und die Stadt mahnt die Autofahrer, die Geschwindigkeitsvorgabe auch einzuhalten. Auf diese Weise will sie ein immer noch drohendes Dieselfahrverbot abwenden.

Jetzt gilt also Tempo 40 am nördlichen Mainufer. Wo bis vor vier Monaten Betonpoller und Blumenkübel Autofahrern die Durchfahrt versperrten, um allen anderen Bewohnern und Besuchern der Stadt – zumindest probeweise für ein Jahr – eine neue Lebensqualität zu bieten, rollt wieder der Verkehr. Allerdings seit dieser Woche nicht mehr mit der innerörtlichen Regelgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern, sondern nun also mit 40 Kilometern je Stunde.

Diese Tempobeschränkung gilt nicht nur am Mainufer, sondern in der gesamten Innenstadt – auf allen Straßen innerhalb des Anlagenrings. Anlass ist nicht, Fußgängern und Radfahrern mehr Lebensqualität zu bieten oder für ein besseres Miteinander aller Verkehrsteilnehmer zu sorgen. Ziel ist vielmehr, die Schadstoffbelastung in der Luft zu reduzieren und das drohende Dieselfahrverbot zu verhindern.

In Mainzer Innenstadt gilt Tempo 30

Den gleichen Weg ist die Stadt Mainz bereits vor einem halben Jahr gegangen. Allerdings ist dort Tempo 30 eingeführt worden, das nahezu in der gesamten Innenstadt, also in Alt- und Neustadt sowie auf den zentralen Straßen am Rhein, der sogenannten Rheinachse, gilt. In Mainz hatte man die Festlegung auf Tempo 30 damit begründet, dass Gutachten zeigten, dass auf diese Weise die Stickoxid-Belastung um bis zur vier Mikrogramm je Kubikmeter Luft gesenkt und damit der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm eingehalten werden könne.

Die Stadt Mainz mit ihrer Grünen-Verkehrsdezernentin Katrin Eder hatte die Einführung des Tempolimits als „Meilenstein“ bezeichnet, da auf diese Weise nicht nur die Schadstoffbelastung gesenkt werde, sondern dies auch zu einer Entschleunigung des Stadtverkehrs führe und damit zu weniger Lärm und mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger. Autofahrer sprechen davon, dass Tempo 30 „gewöhnungsbedürftig“ sei. In den Abendstunden und bei wenig Verkehr gelte es extrem aufzupassen, um nicht zu schnell zu fahren und teure Kontrollen zu riskieren. Für Mainz hat sich allerdings der Erfolg schon eingestellt: Eder konnte vermelden, dass der Lärm insbesondere auf der Rheinachse um bis zu drei Dezibel gesunken sei. Und im Oktober hat die Stadt mit der Deutschen Umwelthilfe vor Gericht einen Vergleich schließen können, so dass kein Fahrverbot mehr droht.

Deutlich geringerer Bremsweg

Das bestätigt Organisationen wie den Radverkehrsverband ADFC oder den Verkehrsclub Deutschland, die seit Jahren fordern, die Regelgeschwindigkeit in den Städten auf Tempo 30 festzulegen und nur dort, wo es risikolos möglich ist, Tempo 50 zuzulassen. Das hieße, das Regel-Ausnahme-Verhältnis umzukehren. Begründet wird die Forderung mit dem deutlich geringeren Bremsweg – bei Tempo 50 ist er mehr als doppelt so lang wie bei 30, und auch die Aufprallwucht unterscheidet sich deutlich. Bei Tempo 30 entspricht sie einem Sturz aus 3,6 Metern Höhe, bei Tempo 50 sind es zehn Meter Fallhöhe.

Trotz dieser Argumente hat die hessische Umweltministerin Priska Hinz, ebenfalls eine Grünen-Politikern, für Frankfurt einen anderen Weg eingeschlagen. Das Land, das in Hessen für die Luftreinhaltung zuständig ist, während in Rheinland-Pfalz die Städte eigenverantwortlich handeln, hat in den Luftreinhalteplan für die Mainmetropole Tempo 40 für die Innenstadt und für besonders hoch belastete Straßen vorgegeben. Hinz erläuterte kürzlich, Tempo 40 sei gewählt worden, weil bei dieser Geschwindigkeit die Emissionen am geringsten seien. „Bei Tempo 30 fahren die meisten Leute im zweiten Gang, während sie bei Tempo 40 in den dritten hochschalten.“

Mit Ausweichverkehr wird gerechnet

Das Umweltministerium stützt sich nicht nur auf empirische Erfahrungen, sondern auf neueste Berechnungen. Denn erst jetzt liegt ein „Handbuch der Emissionsfaktoren des Straßenverkehrs“ vor, das die tatsächlichen Emissionen der Fahrzeuge auf den Straßen abbildet. Zuvor war nur auf dem Prüfstand und mit Schummeltechnik der Ausstoß gemessen worden. Die jetzt mögliche rechnerische Ermittlung der Wirkung von Tempo 30 oder Tempo 40 auf Hauptverkehrsstraßen ergab, so steht es im Entwurf des Luftreinhalteplans, dass Tempo 40 bei fast allen Verkehrszuständen die „günstigste Geschwindigkeit darstellt, um den Stickoxid-Ausstoß bei Autos gering zu halten“. Auch bei Lastwagen ist der Schadstoffausstoß bei 40 geringer als bei 30, er wäre jedoch bei Tempo 50 noch geringer.

Und noch etwas spricht aus hessischer Sicht gegen Tempo 30 in der Frankfurter Innenstadt. Je stärker die Geschwindigkeit für den Autoverkehr verringert wird, desto mehr weichen Fahrer auf andere Straßen aus. Auch die jetzt aufgestellten Tempo-40-Schilder und die damit verbundenen Geschwindigkeitskontrollen werden nach Einschätzung des Ministeriums Folgen haben: Es wird mit Ausweichverkehr vom nördlichen Mainufer und der Berliner Straße auf den äußeren Anlagenring und das südliche Mainufer gerechnet.

Der ADAC dringt deshalb darauf, die Folgen der Tempo-40-Zone durch ein wissenschaftliches Monitoring zu begleiten. Mit Blick auf immer sauberere Fahrzeuge sei die Tempobeschränkung möglicherweise gar nicht dauerhaft notwendig.

Unter Hinweis auf statistische Untersuchungen warnen andere davor, die Folgen der Tempobeschränkung überzubewerten. Eine Auswertung statistischer Daten aller deutschen Städte ergab, dass 2018 tagsüber in Frankfurt die Durchschnittsgeschwindigkeit für Autofahrer bei 18 Stundenkilometern lag. Einer, der täglich die Stadt von Ost nach West im Auto durchquert, bestätigt, dass in der Regel in Frankfurt „schmerzhaft langsam“ gefahren werde. In der Regel liege die Durchschnittsgeschwindigkeit bei Tempo 30. Sein Fazit: Würde künftig am Mainufer und in der Innenstadt Tempo 40 erreicht, „dann wäre das schon ein Fortschritt“.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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