Die Wahrheit über Apfelwein

Egalitär schlägt elitär

Von Jakob Strobel y Serra
31.10.2021
, 19:19
Eine Frankfurter Institution: Die Apfelweinwirtschaft „Zum Gemalten Haus“ in Sachsenhausen beweist Tag für Tag, wie die Menschheit friedlich zusammen leben könnte.
Apfelwein ist aus gutem Grund Frankfurts Nationalgetränk. Er hält diese Stadt der Widersprüche zusammen, weil sein Wesen zutiefst demokratisch, brüderlich und harmonisierend ist. Eine Extra-Kolumne Geschmackssache.
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Der Sitz der Frankfurter Seele ist kristallklar, wie ein Diamant von Rhomben eingefasst und in aller Regel spülmaschinenfest. Es ist das Gerippte, das traditionelle Schoppeglas für den Äpfelwein, Frankfurts Nationalgetränk und Seelentrunk, der alles in sich vereint, was diese Stadt so besonders macht und in ihrem Innersten zusammenhält. Wir wohnen seit vielen Jahren im „Gemalten Haus“ in Sachsenhausen, Frankfurts berühmtester Apfelweinwirtschaft, und fühlen uns deswegen zu solcher Kühnheit bemächtigt. Die Schoppepetzer, die ihrerseits mit dem Gerippten drei Etagen unter uns im Schankraum sitzen, wissen natürlich, was sie da in Händen halten: nicht nur einen Wein aus Äpfeln, sondern auch eine Formel, um aus der Welt eine bessere zumachen – was ihnen allerdings worschtegal ist, weswegen der Frankfurter Äpfelwein im Gegensatz zum Portwein aus Porto oder zum Sherry aus Jerez niemals Weltkarriere gemacht hat.

Frankfurt ist die Herzkammer der deutschen Demokratie. Das liegt aber weniger an der Paulskirche als am Äpfelwein, dem demokratischsten aller Getränke, das wie kein zweites die Prinzipien von Gleichheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit verkörpert. Erfunden wurde der Ebbelwei vor einem halben Jahrtausend in Sachsenhausen, dem Stadtteil südlich des Mains, dessen Bewohner den Fluss traditionell als Demarkationslinie betrachten und nur in Zeiten größter Not oder schlimmsten Zwangs ihren Fuß nach Nordfrankfurt setzen.

Nur im gerippten Glas satisfaktionsfähig: Ein anderes Trinkgefäß kommt für den Apfelwein unter keinen Umständen in Frage.
Nur im gerippten Glas satisfaktionsfähig: Ein anderes Trinkgefäß kommt für den Apfelwein unter keinen Umständen in Frage. Bild: Lukas Kreibig

Von Anfang an war der Äppler eine Manifestation des Freiheitswillens, eine Rebellion des einfachen Volkes gegen die Tyrannei der Obrigkeit. Denn aus Äpfeln alkoholische Erfrischungsgetränke zu keltern war damals strengstens verboten und wurde als „mutwilliges Vertrinken von Gottes Frucht“ gebrandmarkt. Diese Blasphemie nahmen die Sachsenhäuser gerne in Kauf, und da sie sich in ihrem sturen Stolz keine Vorschriften vom Rat der Stadt jenseits des Flusses machen ließen, florierte ihre Äpfelweinkultur schon zu Zeiten des Bierfreundes Luther. So ist es bis heute geblieben, nichts hat die Liebe der Frankfurter zu ihrem Stöffche erschüttern können, schon gar nicht Hitler, der den Äpfelwein während des Zweiten Weltkriegs vergeblich als „Friedensluxus“ zu verbieten versuchte.

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Subversive Lust am Eigensinn

Warum dem Diktator der Äppler verhasst war, kann man bis heute im „Gemalten Haus“ besichtigen, das seinen Namen der bunt mit bukolischen Szenen von Ernte und Zeche bemalten Fassade verdankt: Der Äpfelwein ist ein großer Gleichmacher, der aber jede Gleichschaltung mit subversiver Lust am Eigensinn konterkariert. Vor dem Gerippten und dem Bembel, dem traditionellen blau-grauen Steingutgefäß fürs Stöffche, sind alle Menschen Brüder und Schwestern.

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Man kann dumm sein oder schlau, reich oder arm, schön oder schiech, ein Sachsenhäuser oder Singapurer, ein Stammtischbruder oder Gelegenheitstrinker, James Bond oder der größte Hosenscheißer – alle hocken Schulter an Schulter beisammen, Unterschiede werden keine gemacht, schon gar nicht von den Kellnern, deren Ruppigkeit nicht das Geringste mit Unhöflichkeit oder Unfreundlichkeit zu tun hat, sondern ein Selbstschutz davor ist, den einen höflicher oder freundlicher als den anderen zu behandeln – ausnahmslos alle bekommen mit derselben beiläufig bärbeißigen Nonchalance den Bembel oder den Handkäs mit Musik auf den Tisch geknallt und spätestens um elf Uhr abends den letzten Äppler, denn in Lokalen wie dem „Gemalten Haus“ trinkt man vielleicht ab und zu einen über den Durst, aber man versackt nicht, sondern tritt rechtzeitig den geordneten Rückzug nach Hause an. Wer saufen will, geht niemals in eine Apfelweinwirtschaft.

Der Name ist kein Phantasieprodukt: Das „Gemalte Haus“ heißt wegen seiner bemalten Fassade so.
Der Name ist kein Phantasieprodukt: Das „Gemalte Haus“ heißt wegen seiner bemalten Fassade so. Bild: Finn Winkler

Zugleich löst der Äppler den Zechern die Zunge, inspiriert ihren Geist, lässt ihren Gedanken freien Lauf und wird nicht umsonst „Babbelwasser“ genannt. Laut ist es immer im „Gemalten Haus“, Lärm oder Streit jedoch hören wir nie, weil der Äpfelwein keine Aggressionen weckt, sondern Lebensfreude. Hart sind die hölzernen Bänke in der Schankwirtschaft, Klagen oder Sitzkissenwünsche aber gibt es nicht, weil alle Schoppepetzer wissen, warum sie hier sind: um ein Hochamt des Egalitären, nicht des Elitären zu feiern. Denn in einer Stadt wie Frankfurt, in der die dramatischsten Gegensätze auf engstem Raum zusammenprallen, ist ein Getränk wie der Äpfelwein die beste Versicherung dafür, dass einem die Widersprüche nicht um die Ohren fliegen.

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Die Rettung der hysterischen Welt

Im „Gemalten Haus“ und den meisten anderen Wirtschaften gibt es keine Äpfelweinkarte, sondern Äpfelwein, und zwar nur einen, das ist man dem geheiligten Grundsatz der Egalität schuldig. Das heißt aber nicht, dass der Äppler ein Einheitsgetränk ist, ganz im Gegenteil. Seit einigen Jahren knüpft eine neue Generation von Äpfelweinwinzern an die kurze goldene Zeit des Frankfurter Seelentrunks in der Belle Époque an, als Äpfelwein-Champagner bei den Banketten an Europas Fürstenhöfen und in den Salons der elegantesten Transatlantikdampfer als „German Champagne Cider“ entkorkt wurde. Enthusiasten wie Jens Becker, Norman Groh oder Jörg Stier haben für eine Renaissance des Qualitätsäpfelweins gesorgt und stellen der Massenware der Großkeltereien aus osteuropäischem Apfelsaftkonzentrat ihre kunstvollen Manufaktur-Stöffche entgegen.

Jens Becker, der auch ein Spezialitätengeschäft in Sachsenhausen als Schaufenster der neuen Äpfelweinkultur betreibt, keltert sortenreine Jahrgangsäpfelweine und Äpfelweinsekte nach der Méthode champenoise selbstverständlich ausschließlich aus Früchten von heimischen Streuobstwiesen und verkauft sie zum Preis hochwertiger Winzerschaumweine. Norman Groh aus Friedberg hat sich mit seinen charakterstarken Äpfelweinen aus seltenen Sorten wie Kaiser Wilhelm, Goldparmäne oder Bohnapfel einen Namen weit über die Wetterau hinaus gemacht. Jörg Stier aus Maintal veredelt seine Äppler mit Quitte, Schlehe, Mispel und widmet sich außerdem der historischen Äpfelweinforschung. Aber selbst diese Kollektionen verweigern sich rigoros allem Elitarismus und Snobismus – Jens Beckers Hausschoppen kostet 3,50 Euro pro Liter –, denn das wäre ein Verrat am Wesen und an der Seele des Äpfelweins, dieses Frankfurter Friedensgetränks, an dem unsere hysterische Welt genesen könnte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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