Arbeitsplatz Standstreifen

Unterwegs mit einem Pannenhelfer des ADAC

29.10.2003
, 19:16
Irgendwo in Richtung Köln müßte sie stehen. Aber wo genau? 200 Meter hinter der Anschlußstelle zum Flughafen - so hat es die Frau am Telefon gesagt, so steht es nun in roten Lettern auf dem Display unterhalb der Heizungsregler, zwischen Fahrer- und Beifahrersitz.
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Irgendwo in Richtung Köln müßte sie stehen. Aber wo genau? 200 Meter hinter der Anschlußstelle zum Flughafen - so hat es die Frau am Telefon gesagt, so steht es nun in roten Lettern auf dem Display unterhalb der Heizungsregler, zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Schon seit zehn Minuten sucht Michael Schüler die Standstreifen rund um den Flughafen ab, aber wohin er auch schaut, er sieht kein liegengebliebenes Fahrzeug. Schließlich fordert er die Kollegen in der Zentrale auf, ihm den Standort der Frau mit der Autopanne genauer durchzugeben.

Es ist ein Freitag in den Herbstferien, und zugleich setzt der übliche Wochenendverkehr langsam ein. Tausende fahren wie jede Woche über die Autobahnen rings um Frankfurt. Manche bleiben liegen: Arbeit für Schüler. Der KFZ-Mechanikermeister ist seit zwölf Jahren Pannenhelfer bei der ADAC-Straßenwacht. Das Einsatzgebiet für ihn und seinen großen, gelben Opel ist das Gebiet südlich von Frankfurt. Jeden Tag hilft er ungefähr zehn Personen aus der Pannen-Patsche. "Ab und zu habe ich auch Fehlfahrten", berichtet er. Das passiert, wenn die Anrufer nicht genau wissen, wo sie sind und Schüler deshalb umherirrt. So wie jetzt. Wenige Minuten später kommen aber dann doch präzisere Daten aus der ADAC-Zentrale in Groß-Gerau: Keine 200 Meter hinter der Anschlußstelle, wie zuerst beschrieben, sondern fünf Kilometer weiter Richtung Köln steht die Frau, am Mönchhof-Dreieck, bei Kilometer 163,5.

Michael Schüler schaltet das Gelblicht auf seinem Auto an und hält auf dem Standstreifen hinter einem BMW. Noch bevor er ein Wort mit der Fahrerin wechselt, holt er ein großes Warndreieck, eine blinkende Leuchte sowie drei rot-weiß gestreifte Hütchen aus dem Auto und stellt sie gut sichtbar auf. Nur eine Armlänge weiter rauscht der Verkehr mit 100 Kilometer pro Stunde und mehr vorbei. Dann berichtet die Fahrerin, sie habe gerade ihren Mann zum Flugzeug gebracht, und plötzlich sei das Auto heißgelaufen. Schüler schaut kurz unter die Kühlerhaube, die Sache ist klar. Das Kühlwasser tropft wahrscheinlich an einer undichten Stelle heraus. Der Pannenhelfer füllt aus seinem Kanister nach, der BMW schafft es so auf den nächsten Parkplatz. "Wir versuchen immer, möglichst schnell von der Fahrbahn wegzukommen", sagt der Mechaniker. Trotz aller Hütchen und Warndreiecke seien Standstreifen immer gefährlich.

Dort, auf dem Autobahnparkplatz, passiert dann das Malheur. Das Kühlwasser tropft nicht mehr nur, es spritzt aus dem Wagen heraus. "Das kann ich nicht mehr reparieren. Da hilft nur noch Abschleppen", sagt der ADAC-Mann zu der Frau, die noch ein ordentliches Stück Weg bis nach Hause hat: Sie kommt aus Remagen. Die ärgert sich über ihr Pech, murmelt zähneknirschend etwas Unverständliches und verabschiedet sich von ihrem heutigen Terminplan. Es hilft nichts, Schüler ruft den Abschleppdienst. Weil sie kein ADAC-Mitglied ist, muß die Frau dafür 350 Euro berappen. In bar. Etwas entsetzt steckt sie sich viele Schokoladestückchen in den Mund. "Nervennahrung", sagt sie. Pannenhelfer Schüler jedenfalls braucht nicht viele Worte, um eine Unterschrift unter einen Mitgliedsantrag zu bekommen. Die Frau aus Remagen wird an Ort und Stelle Mitglied im Automobilclub. Die "gelben Engel", wie sie oft genannt werden, sind auch Werbeleute in eigener Sache.

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Pannenhilfe ist eine Frage des Fingerspitzengefühls. "Manche Leute muß ich erst beruhigen, die können sonst gar nicht weiterfahren, so sehr zittern sie", berichtet der 36 Jahre alte Schüler von der täglichen Arbeit auf der Autobahn. Jeden Tag trifft er andere Menschen: Sie dabei ein bißchen kennenlernen zu können, findet er reizvoll. Nicht immer streike die Technik, manchmal seien es kleine Gefallen, die er tut. Wie zum Beweis kommt gerade ein Senegalese auf ihn zu, der in gebrochenem Deutsch fragt, wo die nächste Tankstelle ist. Schüler weiß Bescheid, schließlich kennt er die Straßen rund um Frankfurt: "Sieben Kilometer weiter." "Thank you", sagt der Senegalese.

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Das Display im Straßenwachtwagen kündigt schon den nächsten Auftrag an: Ein Kastenwagen steht in der Nähe auf dem Standstreifen der A 3, seit einer Stunde schon. Schüler mußte ihn wegen des BMW warten lassen. Jetzt aber ist Schüler bei ihm und schleppt ihn mit seinem 150 PS starken Auto auf einen Parkplatz. Aus der Kühlerhaube habe es geraucht, berichtet der Fahrer, der als Kurier unterwegs ist. Der Heizungskühler ist defekt, findet Schüler heraus. Der Kurier wollte Autoteile von Simmern nach Schwäbisch Hall fahren. Danach muß er nach Schweden - bis dahin muß die Heizung wohl repariert sein. Immerhin: Abschleppen ist nicht nötig. Die Heizung klemmt Schüler provisorisch ab, das Werkzeug dazu hat er dabei. Hinten in seinem Auto hat er ein Dutzend Schubladen mit Schläuchen, Schrauben oder Sicherungen. "Man muß vor allem improvisieren können", sagt er. Nach getaner Arbeit kann der Kurier weiterfahren und die Heizung in einer Werkstatt reparieren lassen.

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Danach bleibt es ruhig im Süden Frankfurts - ungewöhnlich ruhig für einen Freitag. "Das macht die Sache aber auch interessant", sagt Schüler, "kein Tag läßt sich planen." Zwei Autos ohne Sprit versorgt er noch, bei zwei weiteren Wagen streikt der Anlasser, danach hat eine Batterie versagt - leichte, aber alltägliche Fälle. Nebenbei wirbt Schüler drei neue Mitglieder für seinen Arbeitgeber. Seine Schicht endet diesmal um 19 Uhr. Er macht kehrt, fährt nach Hause zu seiner Frau und den zwei Töchtern. Schluß für heute. Die meisten, sagt er, seien froh, wenn er auftauche. Manchmal bekomme er auch Dankesbriefe. Aber das passiere nur selten. THIELKO GRIESS

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