Traumazentrum

„Der Schockraum ist kein Debattierclub“

Von Marie Lisa Kehler
05.07.2022
, 09:50
Der Rettungshubschrauber Christoph 2 landet auf der BG Unfallklinik in Frankfurt am 26. September 2017.
Die BG Unfallklinik in Frankfurt übernimmt seit 60 Jahren die Behandlung von Schwerstverletzten. Die Überlebensrate von Patienten konnte seither kontinuierlich verbessert werden. Aber es gibt auch Entwicklungen, die dem Leiter der Klinik Sorgen bereiten.
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Reinhard Hoffmann ist einer, auf den die Bezeichnung „von der alten Sorte“ passt. Er spricht aus, was er denkt. Direkt und ungeschönt. Schweigend, so scheint seine Philosophie, lässt sich die Welt nicht verändern. Die Klinikwelt, ein ganz eigener Kosmos, erst recht nicht. Hoffmann, Mitte 60, ist Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädischen Chirurgie sowie Ärztlicher Direktor an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU). Nach all den Jahren im Beruf treibt ihn noch immer eines an: Er will die Versorgung der Patienten verbessern.

Die BG Unfallklinik übernimmt seit 60 Jahren als traumatologisches Schwerpunktzentrum im Rhein-Main-Gebiet die Versorgung von schwerst verletzten Patienten aus der Region. Ein Jubiläum, das in diesem Jahr gefeiert wird.

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Wenn der Hubschrauber auf dem Dach der Klinik landet, macht sich ein paar Stockwerke tiefer ein Team aus Ärzten und Pflegern verschiedener Fachrichtungen im Schockraum bereit. Die Anspannung, wenn ein Patient mit unklarem Verletzungsmuster eingeliefert wird, lässt sich auch durch viel Routine nicht abtrainieren. Das war vor 60 Jahren so. Und das ist auch heute noch der Fall. Die Art zu arbeiten aber hat sich im Laufe der Jahre stark verändert, wie Hoffmann erzählt. Durch standardisierte Abläufe, unter anderem festgelegt durch das sogenannte Traumanetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie, in dem auch die BGU als überregionales Traumazen­trum Mitglied ist, sei es in der vergangenen Jahrzehnten gelungen, die Überlebensrate schwerst verletzter Patienten immer weiter zu erhöhen. Es seien viele kleine Bausteine gewesen, etwa eine Verbesserung der Lagerungstechniken sowie die Weiterentwicklung der Intensivmedizin, die zu besseren Ergebnissen geführt hätten. Hoffmann nennt auch die Kooperation mit spezialisierten Fachärzten anderer Kliniken, die dazu beitrage, dass immer mehr Schwerstverletzte überleben. Für jeden zehnten Patienten allerdings komme, trotz aller Versuche, noch effizienter, schneller und innovativer zu arbeiten, aufgrund der Schwere der Verletzungen jede Hilfe zu spät.

Krankenkassen sparen bei Rehamaßnahmen

Die Statistik hilft, die Arbeit im Schockraum mess- und vergleichbar zu machen. Was die Zahlen nicht abbilden, ist die Schwere der Beeinträchtigungen, mit denen die Patienten nach einem Unfall zu kämpfen haben. Eingeteilt wird binär in „überlebt“ und „nicht überlebt“. Dass es aber nach einem solchen Ereignis, das für Körper und Psyche oft gleichermaßen traumatisierend sein kann, um die Anschlussversorgung geht, macht Hoffmann immer wieder deutlich. Hier, so sagt er in seiner gewohnt deutlichen Art, seien die Unterschiede im Gesundheitssystem eklatant.

Wenn ein Rettungshubschrauber auf dem Dach der Unfallklinik landet, macht Chefarzt Reinhard Hoffmann sich mit seinem Team bereit.
Wenn ein Rettungshubschrauber auf dem Dach der Unfallklinik landet, macht Chefarzt Reinhard Hoffmann sich mit seinem Team bereit. Bild: Lucas Bäuml

Wenn die Versorgung der Patienten durch die Berufsgenossenschaften abgedeckt sei, etwa weil es sich um einen Arbeitsunfall handelt, seien die Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten oft vielfältiger. Die Genossenschaften hätten erkannt, dass besonders bei jungen Patienten, die im Idealfall noch einmal im Arbeitsmarkt integriert werden, „der frühe Einsatz von allen geeigneten Mitteln ein besseres Ergebnis bringt“ – besonders langfristig betrachtet. Die Rechnung ist nach Hoffmanns Meinung einfach: Wer schnell wieder auf eigenen Beinen steht und wieder aktiv am Leben teilnehmen kann, der kostet die Berufsgenossenschaften auf lange Sicht weniger. „Umso mehr schmerzt es, dass wir das nicht für alle Patienten bieten können.“ Denn oft machen die gesetzlichen Krankenkassen laut Hoffmann diese Rechnung nicht auf. Versorgt werde hier lediglich mit dem, was in dem Moment unbedingt nötig sei, nicht mit dem, was zwar kurzfristig eine Investition verlange, sich aber langfristig auszahle. Das treffe insbesondere auf Rehamaßnahmen zu.

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Und noch eine weitere Entwicklung bereitet ihm Bauchschmerzen. Die reale Weiterbildungszeit von Unfallchirurgen habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verlängert, sagt Hoffmann. Er macht dafür unter anderem strenge Arbeitszeitrichtlinien verantwortlich. „Traumamanagement und Operieren lernt man nicht im Internet auf der Couch daheim, das lernt man im Schockraum und im OP.“ Weil den Ärzten aber untersagt werde, nach einer gewissen Zahl an Arbeitsstunden noch einer Operation beizuwohnen, dauere es länger, bis sie das breite Spektrum der Unfallchirurgie kennenlernen und auch in Extremsituationen routiniert Entscheidungen treffen können. „Wir bekommen ja die schweren Fälle“, sagt Hoffmann, der schätzt, dass sich die Weiterbildungszeit zur Erlangung der Zusatzweiterbildung „Spezielle Unfallchirurgie“ von acht bis neun auf rund zehn bis elf Jahre verlängern werde.

Eine frustrierende Situation, auch für viele Ärzte, wie Hoffmann sagt. Denn sie seien durchaus bereit, auch außerhalb der regulären Arbeitszeit Erfahrungen zu sammeln – etwa wenn ein Patient mit einem Verletzungsmuster angekündigt werde, das ihnen bisher noch fremd sei. Strikte, elektronisch erfasste Arbeitszeiten untersagen jedoch diese Sondereinsätze. „Ein absehbares Know-how-Pro­blem droht“, sagt Hoffmann. Denn klinisch-praktische Erfahrung sei nicht zu ersetzen.

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Auch deshalb kommt seiner Einschätzung zufolge speziellen Trainingsangeboten, bei denen Verletzungen und Stresssituationen simuliert werden, in Zukunft eine noch größere Bedeutung zu. Kann die Routine nicht am Patienten gewonnen werden, muss eben eine Alternative her. Befriedigend sei das nicht, sagt Hoffmann – aber eben unausweichlich. „Sie brauchen doch auch Flugstunden, bis Sie auf einen Airbus losgelassen werden“, sagt er, wohl wissend, dass er mit seiner kritischen Haltung zum Thema „Work-Life-Balance“ auch aneckt. Aber wer den Job des Unfallchirurgen wähle, der müsse das aus Überzeugung tun. „Dieses Berufsbild kann man nicht an einen Lifestyle anpassen. Unfälle sind eben nicht planbar.“ Es seien – daran habe sich all die Jahre nichts verändert – robuste, motivierte Charaktere mit handwerklichem Geschick gefordert, die in der Lage seien, schnell kompetente Entscheidungen zu treffen und Teams zu führen. „Da kann man nicht rumeiern und taktieren. Das darf im Schockraum kein Debattierclub werden.“

Fünf verwundete Ukrainer unter den Versorgten

Debattieren möchte Hoffmann durchaus. Auch darüber, wie die Versorgung Kriegsversehrter aus der Ukraine in Zukunft sinnvoll gestaltet werden könne. Derzeit werden fünf Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren in der BG Klinik betreut. Hoffmann, der schon viele schwerst verletzte Menschen in seinem Leben gesehen hat, geht das Schicksal der Ukrainer nahe. „Das fasst mich an. Das sind zerschossene arme Kerle“, sagt er. Jeder Einzelne habe noch einen langen Weg mit zahlreichen Operationen vor sich.

Der Chefarzt der Unfallchirurgie rechnet mit Liegezeiten in den Kliniken von mehreren Monaten. Fünf Patienten mit einem solchen Pflegeaufwand, zumal sie aufgrund multiresistenter Keime auf der Isolierstation lägen, brächten die Klinik schon an ihre Grenzen. Zumal noch immer nicht final geklärt sei, wer für die Kosten aufkomme, sagt Hoffmann. Dazu laufen nach Angaben des hessischen Sozialministeriums noch Abstimmungen zwischen Bund und Ländern.

Hoffmann fordert, das Verfahren zu überdenken – und stattdessen über „Hilfe vor Ort“ ins Gespräch zu kommen. Fünf Patienten in der Frankfurter Klinik seien zu wenig, um von echter Hilfe zu sprechen. Fünf Patienten seien aber fast zu viele, um sie, bedingt durch den hohen Pflege- und Isolationsaufwand, einfach in den Klinikalltag zu integrieren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kehler, Marie-Lisa
Marie Lisa Kehler
Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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