Brennpunkt Hauptbahnhof

Alkoholverbot und Polizeipräsenz

Von Karin Truscheit, München
14.11.2016
, 14:03
Mehr Streifengänge: In München zeigt die Polizei dauerhaft Präsenz.
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Wie gegen Dealer und Süchtige vorgehen - darüber wird in Frankfurt diskutiert. In München bereitet vor allem die Trinkerszene Sorge. Nun soll ein Alkoholverbot erlassen werden.
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Galt der Münchner Hauptbahnhof vor einigen Jahren noch - im Vergleich zu den Bahnhöfen anderer Großstädte - als sicherer Ort, so wird die Lage dort inzwischen in Stadtratsanträgen als „besorgniserregend“ bezeichnet. Was Polizei und Stadt zunehmend Sorge bereitet, ist vor allem die Situation am Bahnhofsplatz und am Eingang unter dem „Schwammerl“, wie das langgezogene Vordach genannt wird. Rund hundert Personen, im Polizeijargon „Stammsteher“ genannt, treffen sich dort Tag für Tag, um stundenlang in Kleingruppen Alkohol zu trinken. Mit dem Alkoholpegel nimmt die Gewaltbereitschaft zu: Lautstarke Pöbeleien, Prügeleien, Raubdelikte und sexuelle Belästigungen sind die Folge. Oft genug werden Passanten in Mitleidenschaft gezogen, Ladenbesitzer beschweren sich über Drogenabhängige, die vor den Eingängen liegen. Zu den „Stammstehern“ zählen Deutsche, Osteuropäer und Schwarzafrikaner. Drogendelikte, illegale Prostitution und aggressive Bettelei tragen zudem zur Kriminalitätsbelastung bei.

Gerade in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Situation aus Sicht der Polizei immer weiter verschärft. Allein im ersten Halbjahr 2016 nahm die Zahl der Straftaten im Bahnhof und in der Umgebung gegenüber 2015 um 60 Prozent zu. Besonders drastisch ist die Zunahme der Körperverletzungen im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs zwischen 22 Uhr und sechs Uhr morgens: Sie stiegen von 63 auf 167 Delikte - eine Steigerung um 165 Prozent gegenüber 2015.

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Alkoholverbot und Videoüberwachung

Ein nächtliches Alkoholverbot soll nun die Situation entschärfen, die Polizei unterstützt diesen Vorstoß des Kreisverwaltungsreferats ausdrücklich: Demnächst soll der Stadtrat über den Vorschlag abstimmen. Von 22 Uhr bis sechs Uhr morgens soll der Konsum und der Besitz von Alkohol im öffentlichen Raum rund um den Bahnhof und die angrenzenden Straßen verboten werden. Betroffen von dem Verbot wird dabei nicht der Reisende sein, der sich für die Heimfahrt eine Flasche Bier kauft. Man wisse schon, wen man im Visier habe, heißt es bei der Polizei.

Mit dem Alkoholverbot soll das „Tor zur Stadt“ für Bürger, Pendler und Touristen sicherer und sauberer werden. Die Statistik zeigt, dass ein erheblicher Teil der Delikte unter Alkoholeinfluss begangen wird. Teil des Sicherheitskonzepts der Stadt ist auch, das Vordach über dem Eingang, unter dem sich der Szene-Brennpunkt entwickelt hat, im Zuge der Neugestaltung des Bahnhofs abzureißen. Der Platz soll so „besser einsehbar“ für die Videoüberwachung werden. Zwei Kameras der Polizei überwachen den Bahnhof seit 2004, zwei weitere Kameras in der Umgebung des Bahnhofs sind geplant.

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Wie das Sicherheitsgefühl der Bürger erhöht werden soll

Mit zahlreichen miteinander verzahnten Aktionen, zu denen auch ein beim Kreisverwaltungsreferat eingesetzter „Runder Tisch Hauptbahnhof“ gehört, will die Polizei zudem die Sicherheit verbessern. Wie bei der Bekämpfung der Einbruchskriminalität, setzt die Münchner Polizei auch am Bahnhof vor allem auf eine sichtbare Präsenz. Wer über den Bahnhof läuft, trifft meist immer auf uniformierte Polizisten. Auch zahlreiche zivil gekleidete Beamte sind im Einsatz. Mit Einheiten der Bereitschaftspolizei, Polizeibeamten verschiedener Inspektionen sowie mehrmals pro Woche auch durch Streifen zusammen mit der Bundespolizei soll Kriminalität bekämpft und das Sicherheitsgefühl der Bürger erhöht werden.

Jede Straftat werde zur Anzeige gebracht, heißt es im Münchner Polizeipräsidium. Werden „Anbahnungsgeschäfte“ von Drogendealern erkannt, observiert die Polizei die Personen und verfolgt sie gegebenenfalls bis zur Übergabe. Diese finden nach Polizeiangaben weniger im Hauptbahnhof und mehr in den angrenzenden Gebieten wie dem Alten Botanischen Garten statt. Für 2016 wurden bislang allein für den Bahnhof und Umgebung rund 1660 Betäubungsmitteldelikte registriert. Mehr als 3500 Platzverweise hat die Polizei dieses Jahr schon ausgesprochen. Als Folge hat sich nun die Szene, auch bedingt durch die erhöhte Polizeipräsenz, schon weg vom Hauptbahnhof in Richtung des Alten Botanischen Gartens verlagert. Auch dort werden nun verstärkt Beamte eingesetzt.

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Brennpunkt Hauptbahnhof: Wie andere Städte auf Drogenkriminalität und andere Missstände reagieren.

Ständige Polizeipräsenz, Alkoholverbote, klassische Musik: An Hauptbahnhöfen anderer deutscher Großstädte gibt es ebenfalls Probleme mit der Drogenszene, aber zumeist sind Stadt, Polizei und Justiz schon weiter als in Frankfurt, was passende Lösungen angeht. In der Regel hat vor allem Druck der Ordnungsbehörden einen Wandel erzeugt. SO groß wie in Frankfurt sind die Missstände jedenfalls nirgendwo. F.A.Z.-Korrespondenten berichten über die Zustände in München, Hannover, Hamburg und Köln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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