Brennpunkt Hauptbahnhof

Wenig Drogen, viel Diebstahl

Von Christine Scharrenbroch, Köln
14.11.2016
, 12:01
Wieder sicherer: Auch bei Nacht können Passanten den Bahnhofsvorplatz in Köln wieder ohne Angst betreten.
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Nach der Silvesternacht ist die Polizei am Kölner Hauptbahnhof stärker präsent. Verschärfte Kontrollen haben auch die Rauschgiftkriminalität zurückgedrängt
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Seit der Silvesternacht steht der Kölner Hauptbahnhof massiv im Fokus der bundesweiten Öffentlichkeit. Nach den sexuellen Übergriffen auf Hunderte Frauen hat die Kölner Polizei ihre Anwesenheit deutlich verstärkt. Im Rahmen des sogenannten „Präsenzkonzepts“ unterstützen Bereitschaftspolizisten den Streifendienst. An den Wochenenden und vor Feiertagen sind rund 100 zusätzliche Beamte in der Innenstadt mit Schwerpunkt Hauptbahnhof und Dom im Einsatz, an den Wochentagen etwa 50. Auch werden vermehrt Zivilbeamte eingesetzt. Zudem dient auf dem Bahnhofsvorplatz eine mobile Wache als Anlaufstelle. Zwischen 12 und 20 Uhr sind dort Mitarbeiter der Polizei, der Bundespolizei und des Kölner Ordnungsamts für die Bürger ansprechbar. Künftig soll darüber hinaus im Umfeld des Bahnhofs verstärkt auf Videoüberwachungen gesetzt werden.

Durch die erhöhte Polizeipräsenz und die verschärften Kontrollen habe sich die Situation am Bahnhof in puncto Drogenkriminalität entspannt, berichtet die zuletzt viel gescholtene Kölner Polizei. Zu dieser Einschätzung kommt auch der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Zwar wurden auf dem Vorplatz mehr Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert als im Vorjahr. Doch gilt der Rauschgifthandel als klassisches „Kontrolldelikt“: Je mehr kontrolliert wird, desto mehr Strafanzeigen sind die Folge.

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Die Drogenszene wird verdrängt, findet aber auch andere Orte

Von der für das Bahnhofsinnere zuständigen Bundespolizei heißt es, die Kriminalitätslage im Kölner Hauptbahnhof lasse sich „in keinster Weise“ mit der im Frankfurter Bahnhof vergleichen. „Wir haben keine ,Drogenszene‘ im Bahnhof“, sagt eine Sprecherin. Die Schwerpunkte lägen bei Taschendiebstählen, Gewaltdelikten und unerlaubter Migration. Falls gelegentlich Drogendelikte festgestellt würden, handele es sich meist um sehr geringe Mengen zum Eigenkonsum. Im Bahnhof tätige Geschäftsleute berichten von einer positiven Entwicklung. Noch im vergangenen Jahr hätten sich mitunter Drogensüchtige am Bahnhof aufgehalten, dies sei heute nicht mehr der Fall, berichtet Uwe Kröger, Inhaber eines Schuhgeschäfts in der Ladenpassage. So massiv wie derzeit in Frankfurt sei es in Köln aber auch früher nicht zugegangen, schildert der Unternehmer die Eindrücke seines jüngsten Aufenthalts am Main. Reduziert hat sich in den vergangenen Monaten auch die Zahl der Diebstähle in seinem Laden. „Akzeptabel“ findet er die Situation am Hauptbahnhof inzwischen.

Allerdings hat sich die Drogenszene vom Bahnhof an andere Stellen in der Stadt verlagert, etwa Richtung Ebertplatz sowie an den schon seit längerem als Treffpunkt beliebten Neumarkt. Die Verlagerungsprozesse habe man im Blick, heißt es von der Polizei. „Wenn es mehr Kontrolldruck gibt, kommt es stets zu solchen Verschiebungen“, stellt Ernst Rettinghaus, NRW-Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, fest. Diese Effekte zu kompensieren, sieht er als große Herausforderung. Zumal vor dem Hintergrund der seiner Einschätzung nach zu dünnen Personaldecke. Bei der nordrhein-westfälischen Landespolizei haben sich seinen Angaben zufolge knapp vier Millionen Überstunden angehäuft. Die beantragten langfristigen Observationen von Verdächtigen würden vom Amtsgericht in aller Regel genehmigt, berichtet Rettinghaus weiter. Auch Oberstaatsanwalt Bremer kann hier keinen Engpass erkennen. Bei den Überwachungen stelle sich vielmehr die Frage des Personalaufwands für die Polizei.

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Brennpunkt Hauptbahnhof: Wie andere Städte auf Drogenkriminalität und andere Missstände reagieren.

Ständige Polizeipräsenz, Alkoholverbote, klassische Musik: An Hauptbahnhöfen anderer deutscher Großstädte gibt es ebenfalls Probleme mit der Drogenszene, aber zumeist sind Stadt, Polizei und Justiz schon weiter als in Frankfurt, was passende Lösungen angeht. In der Regel hat vor allem Druck der Ordnungsbehörden einen Wandel erzeugt. SO groß wie in Frankfurt sind die Missstände jedenfalls nirgendwo. F.A.Z.-Korrespondenten berichten über die Zustände in München, Hannover, Hamburg und Köln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scharrenbroch, Christine
Christine Scharrenbroch
Freie Autorin in der Wirtschaft.
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