Brennpunkt Hauptbahnhof

Konzerte gegen Pöbeleien

Von Reinhard Bingener, Hannover
15.11.2016
, 12:02
Unwirtlich: In Hannover ist vor allem der Raschplatz ein Problem.
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Dealer sorgen am Frankfurter Hauptbahnhof für Ärger. An der Nordseite des Hannoveraner Hauptbahnhofs hat sich eine hartnäckige Trinkerszene etabliert. Ein Kulturprogramm dagegen scheiterte.
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Die Straßen rund um den Hauptbahnhof in Hannover sind ein berüchtigtes Pflaster. Manch Hannoveraner hat bis heute nicht vergessen, wie ihn seine Eltern einst gewarnt haben vor dieser Gegend. Schon in den zwanziger Jahren hatte sich der Serienmörder Fritz Haarmann hier seine männlichen, jungen Opfer gesucht. In den siebziger Jahren etablierte sich in den neuen Passagen unter dem Hauptbahnhof eine offene Drogenszene.

Mit der gelungenen Aufwertung des Hauptbahnhofs zur Weltausstellung „Expo 2000“ besserte sich die Lage. Reisende konnten seither in Hannover vergleichsweise rasch, komfortabel und sicher umsteigen. In allerjüngster Zeit haben sich die Probleme aber wieder verschärft. Im Februar geriet der Hannoveraner Hauptbahnhof in die überregionalen Schlagzeilen. Eine 15 Jahre alte Schülerin hatte dort einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals gerammt und damit das mutmaßlich erste direkt vom „Islamischen Staat“ gesteuerte Attentat in Deutschland begangen. Zudem besteht der Verdacht, dass ihr Bruder, ebenfalls ein Salafist, bereits einige Tage zuvor Molotow-Cocktails vom Dach des Einkaufszentrums auf der Westseite des Bahnhofs geworfen hat.

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„Die Trinker finden die Darbietungen richtig klasse“

Zum tagtäglichen Ärgernis entwickelt sich hingegen die schmuddelige Nordseite des Bahnhofs. Erst vor einigen Jahren hat die Stadt dort Millionen Euro investiert, um den betongrauen Raschplatz ansehnlicher zu gestalten. Vergeblich. Der Ort ist nach dem Umbau weder deutlich schöner geworden, noch ist er weniger verdreckt als zuvor. Mittlerweile hat sich dort eine hartnäckige Trinkerszene festgesetzt. Insbesondere gestrandete Osteuropäer bevölkern mit ihren Flaschen den Nordausgang des Hauptbahnhofs. Die Stadt hat das lange wenig gekümmert. „Es ist ausdrücklich nicht unser Ziel, Menschen, die sich am Raschplatz aufhalten oder sich auf ihm bewegen, zu verdrängen“, befand Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) noch im Juli. Statt gegen Pöbler durchzugreifen, versuchte die Verwaltung, die Lage am Raschplatz durch ein kostenfreies Kulturprogramm zu verbessern. „Wir zählen etwa 80 bis 100 Zuhörer pro Konzert, inklusive Trinkergruppen“, bilanzierte die Stadtbezirksmanagerin das Vorhaben einen Monat später. „Die Trinker finden die Darbietungen richtig klasse.“

Die Kritik an der rot-grün regierten Landeshauptstadt wurde immer lauter. Zumal die Behörden schon zuvor am benachbarten Weißekreuzplatz eineinhalb Jahre lange ein Protestcamp von Sudanesen geduldet hatten, das im Lauf der Zeit immer stärker verdreckte. Vom politischen Charakter des Camps war dort immer weniger zu spüren. Stattdessen breiteten sich Ratten über den Platz aus. Kaufleute und Familien zeigten sich verärgert. Die Einsicht, dass man den Fragen von Sauberkeit und Sicherheit rund um den Hauptbahnhof mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, setzte sich bei den Verantwortlichen von SPD und Grünen jedoch nur zögerlich durch. Zu zögerlich: Bei der Kommunalwahl am 11. September verlor das Bündnis seine Mehrheit.

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Brennpunkt Hauptbahnhof: Wie andere Städte auf Drogenkriminalität und andere Missstände reagieren.

Ständige Polizeipräsenz, Alkoholverbote, klassische Musik: An Hauptbahnhöfen anderer deutscher Großstädte gibt es ebenfalls Probleme mit der Drogenszene, aber zumeist sind Stadt, Polizei und Justiz schon weiter als in Frankfurt, was passende Lösungen angeht. In der Regel hat vor allem Druck der Ordnungsbehörden einen Wandel erzeugt. So groß wie in Frankfurt sind die Missstände jedenfalls nirgendwo. F.A.Z.-Korrespondenten berichten über die Zustände in München, Hannover, Hamburg und Köln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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