FAZ plus ArtikelCorona-Krise der Drogenhilfe

Unter Druck

Von Theresa Weiß
12.04.2020
, 09:30
Warten auf den nächsten Schuss: Derzeit ist es auf den Straßen des Bahnhofsviertels zwar ruhiger als üblich – doch vor den Konsumräumen kommen noch immer viele Süchtige zusammen.
Wer Drogen nimmt, hat meist ein schlechtes Immunsystem und ist geschwächt. Süchtige sind vom Coronavirus darum besonders bedroht. Mitarbeiter der Drogen- und Obdachlosenhilfe schlagen Alarm.

Vor dem Druckraum in der Niddastraße sieht es nie besonders aufgeräumt aus. Doch auch hinter den Türen herrscht derzeit Ausnahmezustand. Vor einer Woche haben Mitarbeiter in einem offenen Brief die Zustände beklagt: Zu viele Menschen warten vor der Einrichtung, weil es wegen des Abstandsgebots weniger Konsumplätze gibt, die Mitarbeiter haben keine Schutzkleidung. Die Abhängigen weichen immer öfter auf die Straße aus, um ihren Stoff zu nehmen. Nachdem sie ihre Drogen besorgt haben, können die meisten nicht mehr lange warten. „Da suchen die sich das nächste stille Eck und drücken da – ohne Aufsicht“, sagt Angela Grünzel.

Grünzel arbeitet im Konsumraum, sie tauscht Spritzbesteck aus und steht bereit, falls ein Konsument nach einer Überdosis beatmet werden muss. „Es ist ein komisches Gefühl“, sagt sie. Grünzel hat selbst Asthma, gehört also zur Risikogruppe, aber arbeitet weiter. Sie muss die Leute immer wieder mal anfassen, rütteln, wenn sie nach dem Druck nicht mehr ansprechbar sind. „Trotzdem ist mein Immunsystem ja vielleicht besser als das der Klienten, und ich stecke sie an, ohne es zu merken.“ Inzwischen gibt es zwar ein paar Plexiglasscheiben an der Theke, wo frisches Spritzbesteck ausgegeben wird. Die hat der Hausmeister angebracht. Die Mitarbeiter haben FFP-2-Masken, die sie vor einer Ansteckung schützen. Doch die Besucher sind immer noch ohne Schutz und könnten sich untereinander und von den Mitarbeitern anstecken.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weiß, Theresa
Theresa Weiß
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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