Hesse mit mutiertem Virus

Impftermine für 16.000 Personen – Millionen Versuche vergeblich

Von Thorsten Winter
13.01.2021
, 15:42
Das RKI meldet für Hessen 128 weitere Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie. Das ist nur knapp unter dem bisherigen Höchstwert. Die 15-Kilometer-Regel gilt nun in vier Landkreisen. Sie zu missachten, kann teuer werden.

Auch am zweiten Tag nach Beginn der Impfterminvergabe an Menschen in Hessen über 80 Jahre müssen sich Interessierte in Geduld üben. Darauf weist das Innenministerium hin. Wartezeiten seien „leider unvermeidbar“. Termine werden grundsätzlich online vergeben oder über die zentrale Telefonnummer 116117. Am Dienstag verlief der Start sehr holprig, Hessen ließ die Call-Center deshalb bis 22 Uhr arbeiten. Daten aus dem Innenministerium lassen erahnen, weshalb das so war und auch heute nicht alles glatt läuft: Demnach konnten rund 9.000 Personen Impftermine in den sechs Regionalen Impfzentren vereinbaren. Mittlerweile seien es 16.000.

Aber: Insgesamt habe das Ministerium rund zehn Millionen Terminierungsversuche zur Schutzimpfung gegen Corona über Telefon oder Internet registriert. „Mehr als acht Millionen Zugriffe erfolgten auf das Online-Anmeldeportal, parallel wurden fast zwei Millionen Anrufe auf die Hotline registriert“, heißt es in Wiesbaden. Insgesamt müssten 400.000 Frauen und Männer über 80 geimpft werden. 60.344 Personen sind schon geimpft, vor allem Menschen in Altenheimen sowie medizinisches Personal.

Bei Person aus England angesteckt

Erstmals ist bei einem Mann aus Hessen die mutierte Variante B.1.1.7 das Coronavirus nachgewiesen worden. Das teilt das Sozialministerium mit. Der Mann habe sich durch den direkten Kontakt zu einer Person, die aus Großbritannien nach Deutschland eingereist sei, angesteckt. Diese Person sei bei der Einreise symptomfrei gewesen und zunächst negativ auf SARS-CoV-2 getestet worden. bald darauf habe sie aber Krankheitszeichen gezeigt. Das Uni-Klinikum Frankfurt habe das mutierte Virus nachgewiesen. „Der Fall zeigt noch einmal, wie wichtig es ist, die Quarantänemaßnahmen einzuhalten. Die Tests nach der Einreise sind wichtig, den größten Schutz vor einer Infektion bietet aber die Quarantäne“, zitiert das Ministerium Gesundheitsminister Kai Klose (Die Grünen).

Von diesem Mittwoch an gilt die 15-Kilometer-Regel in zwei weiteren Landkreisen in Hessen. Folglich ist der Aktionsradius für Bewohner und Besucher von vier Landkreisen beschränkt. Auf diese Weise sollen die Kontakte beschränkt werden, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Alle Kreise sind vor allem ländlich geprägt. Ein weiterer Kreis in Osthessen könnte bald hinzukommen. Anders als Bayern plant Hessen keine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken, wie es in Wiesbaden heißt.

128 weitere Todesfälle gemeldet

Unter den neuen Corona-Daten aus dem Robert-Koch-Institut für Hessen fällt vor allem die Zahl der weiteren Todesfälle in Zusammenhang mit der Pandemie ins Auge. Sie liegt nur knapp unter dem bisherigen Tageshöchstwert. Die Inzidenz, das sind die binnen Wochenfrist eingelaufenen positiven Corona-Tests unter 100.000 Einwohnern, ist seit Montag etwas gesunken, sie bleibt aber merklich höher als vor einer Woche.

Das RKI meldet 1551 neue Fälle nach 1913 vor einer Woche. Weitere 128 Menschen sind demnach an oder mit Covid-19 verstorben. Vor Wochenfrist hatte das Institut 116 Todesfälle gemeldet. Seit Beginn der Pandemie sind 152.844 positive Tests und 3716 Todesfälle bekannt geworden. 24.200 Infektionen gelten als noch nicht ausgestanden, rund 400 weniger als am Vortag.

Außer dem Landkreis Gießen und dem Kreis Limburg-Weilburg haben nun auch der anfangs zögerliche Landkreis Fulda und der Vogelsbergkreis die 15-Kilometer-Regel eingeführt. In all diesen Kreisen liegt die Inzidenz seit Tagen merklich über der Marke 200, die den Beginn der schwarzen Warnstufe nach dem Eskalationskonzept des Landes ausweist (siehe Grafik). Hotspot bleibt der Landkreis Fulda mit einer Inzidenz von 327 bei leicht sinkender Tendenz; vor einer Woche lag der Kennwert bei 187. Es folgt Limburg-Weilburg (252 nach 243), Vogelsberg (245 nach 188) und Gießen (230 nach 239). Am zweiten Tag in Folge liegt der Kennwert im Kreis Hersfeld-Rotenburg über der kritischen Marke, nun beträgt er 212 nach 139 vor Wochenfrist. Hier droht nun ebenfalls die 15-Kilometer-Regel.

Im Landkreis Gießen haben Menschen in Gesprächen mit der F.A.Z. überwiegend Verständnis für die neue Vorgabe gezeigt, einige verwiesen aber darauf, in sehr ländlichen Gebieten sei die Bewegungsfreiheit zu stark eingeschränkt. Dort hat die Polizei nach der Einführung der Regel zunächst keine Verstöße registriert, Gleiches gilt nach Angaben des Präsidiums Westhessen auch für den Kreis Limburg-Weilburg. Dabei unterstützt die Polizei allerdings auch nur die örtlichen Ordnungsbehörden bei der Aufgabe, die Vorgabe durchzusetzen.

Die Landkreise setzen mit Blick auf den begrenzten Aktionsradius durchaus unterschiedliche Akzente. Der Landkreis Fulda weist ausdrücklich darauf hin, die Entfernung werde per Luftlinie gemessen. „Ausgangspunkt ist nicht die Wohnadresse, sondern der Punkt der Grenze der Großgemeinde, der dem avisierten Ziel am nächsten liegt“, heißt es in einer Erklärung. Wandern bleibe als freizeitsportliche Aktivität erlaubt.

„Wintersport fällt nicht unter den Begriff ,tagestouristischer Ausflug', er ist im Vogelsbergkreis weiterhin möglich, wenn auch nur sehr eingeschränkt“, teilt der Kreis zu seiner Allgemeinverfügung mit. Denn die drei Zufahrtsstraßen zum Hoherodskopf und die Zufahrt zur Herchenhainer Höhe blieben weiterhin zwischen 9 und 16 Uhr gesperrt. Der Kreis appelliert an die Menschen, die Vorgabe zu beachten. Andernfalls drohen Bußgelder von bis zu 25.000 Euro. „Sollte der Inzidenz-Wert sinken und schon vor dem Monatsende fünf Tage in Folge unter 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegen, wird die Allgemeinverfügung aufgehoben“, merkt der Kreis weiter an.

Gut 57.000 Hessen geimpft

Hessen bereitet keine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im öffentlichen Nahverkehr und Einzelhandel vor. Aktuell sei nichts entsprechendes geplant, teilte das Sozialministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden mit. Bayern ist diesen Schritt gegangen. Die Regelung gilt in dem Bundesland ab dem kommenden Montag. Nach der derzeit in Hessen geltenden Corona-Verordnung zählt als Mund-Nasen-Bedeckung jeder vollständige, eng an der Gesichtshaut anliegende Schutz vor Mund und Nase, der geeignet ist, eine Ausbreitung von übertragungsfähigen Tröpfchenpartikeln oder Aerosolen durch Husten, Niesen oder gewöhnliche Aussprache zu verringern.

Die Impftrupps haben in Hessen seit Dientag fast 2900 weiteren Personen eine vorbeugende Spritze gegen das Coronavirus gegeben. Alles in allem sind es nun 60.344. Das geht aus aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts hervor. 9,6 von 1000 Hessinnen und Hessen sind demnach bisher geimpft, nach 9,1 zuvor. Einen höheren Anteil weisen unter den Flächenländern Schleswig-Holstein (14,9) und seit Montag auch Bayern (11,5) im Westen sowie Mecklenburg-Vorpommern als Tabellenführer (18,1) und Sachsen-Anhalt auf. Allerdings liegen auch Berlin und Bremen sowie das Saarland vor Hessen, Rheinland-Pfalz hat Hessen ebenfalls überholt und kommt auf 11,1. Das sind 2,1 über dem Durchschnitt im Bund.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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