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Frankfurter Festhalle

Jagt den Star von der Bühne

Von Stefan Raulf
Aktualisiert am 17.02.2020
 - 11:20
Hier sind sie zu fünft: Deickind gibt es während des Konzerts in verschiedenen Größen.
Die Musik kommt gut an, und das Musizieren als Kollektiv gelingt Deichkind in der Frankfurter Festhalle so gut wie immer. Wenn nur Lars Eidinger nicht wäre.

Nach gut zwei Jahrzehnten klappt es immer noch. Deichkind rufen „Rollt das Fass rein“, das Fass ist frisch und bunt gestrichen, und die Festhalle tobt. Anlässlich des siebten Albums „Wer sagt denn das?“ aus dem vergangenen September hat das Hamburger Rap- und Elektropunk-Kollektiv abermals eine sympathisch einfallsreiche Show unters Volk geworfen wie Kamelle-Bonbons. Die Karnevalsstimmung an diesem Februarwochenende dürfte für zusätzliche Euphorie gesorgt haben. Der eine oder andere Programmpunkt weniger.

„Wir haben den Vorfilm überlebt, wir haben das Intro überlebt, wir können eigentlich wieder nach Hause gehen“, ruft einer der Deichkind-MCs nach den ersten fünfzehn Minuten. Ein Scherz fürwahr, denn zehn von ihnen gehörten dem nackten Lars Eidinger, Berlins Vorzeigeschauspieler mit dem Faible für gut abgehangene Performance-Extreme. Er baumelt im elegischen Vorfilm kopfüber an einem Kran, lässt sich in blaue Farbe tunken und wie ein Pinsel klecksend über eine weiße Fläche schleifen. Im Publikum kichert es zunächst, dann mischt sich genervtes Gepfeife dazu.

Vermutlich haben Deichkind länger gekichert, als der Einfall zu diesem dramaturgisch etwas ernüchternden Start aufkam. Immerhin ziehen sich im weiteren Verlauf Pinselstriche und Farbkleckse als graphische Grundmotive durch das Bühnendesign. „Bitte ziehen Sie durch“ hieß übrigens 2000 das Debütalbum der Band, gewürdigt mit den beiden Songs „Komm schon“ und „Bon Voyage“ in der zweiten Hälfte der Show, als sich, partydramaturgisch nun optimal, längst die historischen Hits ballen – aber wir schweifen ab.

Die Zurschaustellung Eidingers (der Name fällt, versprochen, an dieser Stelle zum letzten Mal) mag sich über seinen amüsanten Auftritt in einigen Videoclips zur neuen Platte rechtfertigen lassen, etwa in „Keine Party“ und „Richtig gutes Zeug“. Als erste Lieder der Show, ohne Clips, generieren sie in der Halle einen deftigen Stimmungsschub. Der virtuelle Gaststar widerspricht allerdings Deichkinds grundsätzlicher Idee des Kollektivs. Sie wird von der Truppe, die sich mal drei-, mal sieben- und mal zwanzigköpfig auf der Bühne tummelt, sonst konsequent durchgehalten.

Ausgefallene Performance

Die zum Teil verblüffend schicken Kostüme verbergen fast immer die Gesichter der Protagonisten. Auch die blinkenden Tetraeder-Hüte, Erkennungszeichen der Band seit vierzehn Jahren, sind zu diesem Zweck weiterhin im Einsatz. Andere sind neu, etwa die mit unzähligen Sportmarkensocken behängten Überwürfe zur hinterhältig groovenden Kapitalismus-Verhöhnung „Gewinne Gewinne“.

Und so zerrt nach dem Start, wie bei Deichkind gewohnt, kein individuelles Performer-Ego mehr an der Partyfreude der Fans herum. Unbeschwert können sie sich den Choreographien des Kollektivs auf der Bühne widmen, die dafür immer wieder leergeräumt wird. Manchmal geben die mittlerweile zum Patent angemeldeten Omnipods, die selbstfahrenden großen Säulen und bunten Podeste, mit ihrem irritierend stoischen Zeitlupenballett das Tempo vor. Manchmal springen Deichkind zu zehnt und wie die Irren zum Technobeat auf Trampolins herum. Und wenn sich zum langgezogenen Finale, das wie gewohnt in der Hymne „Remmi Demmi“ endet, auf der Bühne Kindergeburtstagsutensilien wie eine Hüpfburg häufen, dann geht es halt raus unter die Leute.

Das Schlauchboot-Crowdsurfing auf den Händen der Besucher fehlt da genauso wenig wie das Fass, das reingerollt wird und sich durch die Menge schiebt. Drinnen Deichkind als krakeelendes Quintett. Darüber eine weiße Fahne, auf der handgemalt „The Power of You“ steht. Das dürfte im Plural gemeint sein, erst im Dezember waren Deichkind bei einem Fest für Fridays for Future aufgetreten: „Die Stärke von euch allen.“

Quelle: F.A.Z.
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