Digitales Senckenberg-Archiv

Naturforschung braucht Wissenschaftsgeschichte

Von Kevin Hanschke
30.07.2022
, 12:09
Aussenansicht des Senkenberg -Museums.
Für jeden einsehbar und öffentlich verfügbar: Im Frankfurter Senckenberg-Museum ist das digitale Senckenberg-Archiv freigeschaltet worden. Die Daten sind insbesondere für die historische Forschung spektakulär.
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Archivierung kann eine Sisyphusarbeit sein – besonders im digitalen Zeitalter. Mehr als 370.000 Seiten aus zwanzig Beständen und mehr als 56 Regalmeter sind in den vergangenen vier Jahren digital erfasst worden, eine ungeheuer große Menge. Das digitale Senckenberg-Archiv, das im Senckenberg-Museum nun freigeschaltet und vorgestellt worden ist, dient dem Andenken an einen der wichtigsten Wissenschaftler der Stadt – Johann Christian Senckenberg (1707–1772), dessen 250. Todestag dieses Jahr begangen wird. Das Archiv ist ein Großprojekt der Universitätsbibliothek, des Instituts für Stadtgeschichte und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung mit ihrem Museum, das Daten zu Senckenberg, seinen Stiftungsaktivitäten und deren Folgen bereitstellt. Erfasst worden sind mittlerweile unter anderem zahlreiche Nachlässe früher Mitglieder und Forscher der Senckenberg-Gesellschaft.

Bis heute ist der Name Senckenberg in Frankfurt mit Kultureinrichtungen, Wissenschaftsinstitutionen und Medizin verbunden. Doch die Dokumente sind über mindestens drei Einrichtungen verteilt, die Archiv-Kooperation hofft auf weitere Funde. Dabei bilden die „Senckenberg-Bestände“ der drei beteiligten Institutionen die wichtigste Quellenbasis für die Frankfurter Wissenschafts- und Medizingeschichte und sind für die historische Forschung spektakulär.

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Digital an einem Ort

Sie umfassen bislang Dokumente aus dem Zeitraum von 1730 bis 1950. Es gibt Akten und Bücher, auch Objekte, anhand derer die Entwicklung von der universalen zur systemischen Wissenschaft nachvollzogen werden kann oder die Geschichte der heute „Citizen Science“ genannten ehrenamtlichen Bürgerforschung. Auch bei der Aufarbeitung der Rolle von naturwissenschaftlichen Einrichtungen im Nationalsozialismus können Archivmaterialien helfen. Zuletzt machten Teile des Archivs von sich reden, als der Historiker Andreas Hansert die Vergangenheit des Senckenberg- Museums im Nationalsozialismus aufarbeitete.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Bestände bisher nur analog katalogisiert und in nur relativ geringem Maß systematisiert waren. Was auch daran lag, dass die Archivmaterialien nicht zusammengeführt wurden. Nun sind sie digital an einem Ort: durch das seit 2018 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einem sechsstelligen Betrag finanzierte Projekt, das in eine übersichtliche Website mündete. Brigitte Franzen, die Direktorin des Senckenberg-Museums, berichtet, dass dabei erstaunliche Entdeckungen gemacht wurden: Etwa sind Tagebücher, die als verschollen galten, wieder aufgespürt worden. Deswegen sei das Archiv auch ein Aushängeschild der Forschungskooperation in der Stadt. „Ein gutes Archiv erfordert Kooperation“, so Kristina Odenweller, Leiterin der Abteilung Sammlungen am Institut für Stadtgeschichte dazu.

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In der von Eva-Maria Magel, leitende Kulturredakteurin der Rhein-Main-Zeitung, moderierten Podiumsdiskussion anlässlich der Freischaltung des digitalen Archivs ging es auch um die Frage der Vermittlung des digitalen Archivgutes. Katharina Schmidt-Loske, die in Bonn das auf Wissenschaftsgeschichte der Naturwissenschaften spezialisierte Biohistoricum am Museum Alexander Koenig leitet, plädierte dafür, das Archiv auch für „Bürgerwissenschaftler“ zu öffnen und den Digitalisierungsprozess auch gegenüber Schülern und Studenten zu vermitteln. Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass auch mehr Mittel dafür benötigt werden, die Dokumente vertiefter zu erschließen, beispielsweise mithilfe von Künstlicher Intelligenz zur Erkennung von historischen Schriften.

Zum Bestand zählen etwa die Tagebücher Senckenbergs, dessen unleserliche Handschrift und Einträge in mehreren Sprachen als ungewöhnliche Herausforderung gelten: 53 Bücher mit 35.000 Seiten und 660 Mappen insgesamt. Auch sie können nun von jedem eingesehen, heruntergeladen und erforscht werden.

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Mathias Jehn, Leiter des Archivzentrums der Universitätsbibliothek und seit zehn Jahren in Digitalisierungsprojekte involviert, betonte die öffentliche Bedeutung solcher Archive und plädierte dafür, dass auch die Naturwissenschaften stärker auf historische Dokumente und Quellentexte zurückgreifen sollten. In Zukunft will sich auch das Senckenberg-Museum stärker auf seine Geschichte fokussieren. Einige Projekte sind in Vorbereitung, in einer Sonderausstellung zu „Natur und Medizin“ im nächsten Jahr soll auch die Wissenschaftsgeschichte des Museums thematisiert werden, so Franzen. Und das Kabinett des Museums zur eigenen Geschichte neben dem Sauriersaal soll auch umgearbeitet werden. „Naturwissenschaft braucht die Disziplin der Wissenschaftsgeschichte“, so Franzen.

Das Archiv ist im Internet unter der Adresse senckenberg-archiv.de zu finden.

Quelle: F.A.Z.
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