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Regisseurin stellt sich Kritik

Mit Gemüsebergen gegen den Krebs

Von Tobias Hausdorf
 - 14:15
Umstritten: Hilft Gemüse im Kampf gegen den Krebs?

Kaum eine Erkrankung ist mit mehr Hoffnung, Ängsten und Schmerz verbunden als diese: Krebs. Ihn zu besiegen ist ein Menschheitstraum. Umso erstaunlicher sind die Geschichten von denen, die den Krebs überlebt haben. Die Journalistin Sarah Mabrouk hat für ihren Dokumentarfilm „The Food Cure – Hoffnung oder Hype“, der heute von 19.30 Uhr an im Naxos Kino in Frankfurt zu sehen ist, sechs Menschen über Jahre hinweg begleitet. Sie haben an Stelle von oder zusätzlich zu konventionellen Krebstherapien eine Ernährungsumstellung vorgenommen. Die Therapie ist kein Heilsversprechen. Für Kritik bleibt in dem Kinofilm aber wenig Raum.

Als die Journalistin Sarah Mabrouk, die unter anderem für ZDF, BBC und CNN aus dem Nahen Osten und Iran berichtet hat, in Amerika eine Pause vom Krieg machen will, hört sie in einem Radiobeitrag von einer alternativen, auf Ernährung basierenden Therapie gegen Krebs. Es ist das erste Mal, dass sie mit der sogenannten Max-Gerson-Therapie in Berührung kommt. Im Beitrag wird Gersons Tochter Charlotte zitiert, die behauptet, eine Heilmethode sei schon vor Jahren von ihrem Vater gefunden worden. Mabrouks journalistischer Zweifel ist geweckt: „Das geht nicht, dass man so offensichtlich falsche Informationen verbreitet“, sagt die Regisseurin, die zwei Onkologen zu ihrem engsten Freundeskreis zählt.

Nicht aufgeschrieben, sondern verfilmt

Sie nimmt sich vor, einen Artikel darüber zu schreiben, wie alternative Krebskliniken in Mexiko Geld mit verzweifelten Kranken machen. Sie habe damals aufzeigen wollen, wie Schwerkranke später doch zu konventionellen Therapien überwechseln, erzählt sie. Doch da sie lang recherchierte und die sechs Krebskranken, die sie über Gerson-Kliniken in Mexiko und Ungarn kennenlernte, mehr als fünf Jahre begleitet habe, sei es eine ganz andere Geschichte geworden, erzählt sie. Und die hat sie nicht aufgeschrieben, sondern verfilmt.

Der wohl bekannteste Protagonist ist der kleine Jeremiah. Mit nur sechs Monaten wird bei ihm ein seltener Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Das stellt die Eltern vor die Gewissensfrage: Chemotherapie – ohne Garantie auf Erfolg, dafür aber verbunden mit dem Risiko, dass ihr Kleinkind durch die Nebenwirkungen der Medikamente bleibende Schäden zurückbehalten könnte. Oder? Ja, was eigentlich? Das Hadern, das Zweifeln und die Angst der Eltern gehen unter die Haut. Um es vorwegzunehmen: Die Eltern des kleinen Jeremiah haben sich für eine reine Ernährungstherapie entschieden. Und die hat geholfen. Zwei Jahre nach Beginn der Therapie in Südamerika kann der Krebs bis heute bei dem Jungen nicht mehr nachgewiesen werden. Die Eltern kommen für sich zu dem Schluss, den „richtigen Weg für Jeremiah gewählt“ zu haben. Fünf Jahre nach der Diagnose gilt man als Krebsüberlebender, Jeremiah ist einer davon.

Eine umstrittene Immuntherapie

Die Therapie basiert auf den Lehren von Max Gerson, einem deutscher Arzt. 1881 im damaligen Deutschen Reich geboren, entwickelte er seine umstrittene Immuntherapie in den zwanziger und dreißiger Jahren. Als Jude musste er 1933 flüchten und landete in New York. Die von ihm entwickelte Therapie soll das Immunsystem stärken und beruht auf einer „Überflutung mit Obst und Gemüse“, etwa 20 Pfund pro Tag sollen die Patienten essen. Diese Mengen stehen mindestens für die Dauer von zwei Jahren auf dem Speiseplan. Das Obst und Gemüse soll vor allem in Form von Säften stündlich getrunken werden.

Außerdem: kompletter Verzicht auf Salz, Zucker, Fisch, Fleisch, Fette, verarbeitetes Essen, Tee und Kaffee. Obwohl, auf Kaffee muss nur als Getränk verzichtet werden. Fred, ein Lastkraftwagenfahrer aus Toronto, zeigt, wie das geht: „Zehn bis zwölf Minuten drin behalten. Das ist der spaßige Teil“, sagt er, als er auf einer Liege wartet. Den Kaffee hat er sich eben als Einlauf selbst verabreicht. Fred ist zu Beginn der Therapie 67 Jahre alt und leidet an Prostatakrebs, der in Samenleiter und Knochen metastasiert hat. Die Einläufe sollen angeblich die Leber entlasten und toxische Spaltstoffe der abgebauten Tumore ausscheiden. Fred gehört zu den vier Überlebenden, die in Film gezeigt werden. Sein Krebs hat sich zurückgezogen, er arbeitet wieder, nun als Zimmermann. Nichtstun kann er sich nicht leisten. Die Bio-Nahrungsmittel für seine Ernährungstherapie waren teuer, ebenso muss er noch die Kosten für die Behandlung in der Klinik in Mexiko aufbringen.

Kein direkter Einfluss auf das Tumorwachstum

Im Film kommen zwar Ärzte zu Wort, eine kritische Beleuchtung der Methode bleibt aber aus. Nachgefragt bei Sebastian Theurich, Onkologe an der Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der meint: „Die aktuelle Lehrmeinung der Wissenschaft und Schulmedizin ist: Es gibt keine spezifische Krebsdiät.“ Weder Fasten noch Diäten, die bestimmte Nahrungsmittel vorschreiben oder verbieten, könne er empfehlen. Sobald eine Tumorerkrankung bestehe, könne mit der Wahl bestimmter Lebensmittel oder gar dem Verzicht auf ganze Nahrungsmittelgruppen kein direkter Einfluss auf das Tumorwachstum genommen werden. Wissenschaftliche Studien zur Gerson-Therapie gebe es auch nicht.

Die im Film gezeigten Kaffeeeinläufe seien sogar gefährlich, da sie zu Elektrolyt-Entgleisungen führen könnten, zum Beispiel einem Kaliumüberschuss. „Der kann Herzrhythmusstörungen hervorrufen.“ Der Oberarzt warnt vor Einläufen, da das eine „invasive Maßnahme“ sei. Es bestehe die Gefahr von Reizungen oder gar einer Perforation des Darms. „Der Grundsatz der Onkologie ist es, Mangel- oder gar Unterernährung zu verhindern“, sagt Theurich. Diäten, wie die nach Gerson, könnten solche jedoch verursachen. Stattdessen spiele eine ausgewogene, nicht restriktive Ernährung eine wichtige Rolle.

Für eine bessere Aufklärung von Erkrankten kooperiert die Uniklinik mit dem Verein „Eat What You Need“, dessen Website wissenschaftlich geprüfte und leicht verständliche Tipps und Rezepte bei Krebstherapien bietet. Es sei extrem gefährlich, onkologische Therapien hinauszuzögern, sagt Theurich. Zwei Protagonistinnen, Michele und Christine, die von Filmemacherin Sarah Mabrouk begleitet wurden, sind mittlerweile gestorben. Bei Verena, Marie, Fred und Jeremiah dagegen ist der Krebs nicht mehr nachweisbar.

„The Food Cure – Hoffnung oder Hype“ ist heute von 19.30 Uhr an im Naxos Kino in Frankfurt zu sehen. Im Anschluss gibt es ein Filmgespräch mit der Regisseurin.

Quelle: F.A.Z.
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