Drogenhilfe

Ins "La Strada" kommen Abhängige, um Heroin zu spritzen

31.07.2005
, 21:36
Niemand steht ohne Grund vor der Mainzer Landstraße 93. Wer sich hier aufhält, wartet darauf, endlich in das Gebäude zu kommen. Denn im "La Strada" können sich Süchtige Heroin spritzen, ohne von der Polizei belangt zu werden.

Niemand steht ohne Grund vor der Mainzer Landstraße 93. Wer sich hier aufhält, wartet darauf, endlich in das Gebäude zu kommen. Denn im "La Strada" können sich Süchtige Heroin spritzen, ohne von der Polizei belangt zu werden. Hier ist einer der vier Druckräume in Frankfurt.

Nach dem Klingeln öffnet ein gebückt laufender Mann mit großen, leeren Augen. Im Cafe, dem sogenannten Kontaktladen, sitzen etwa ein Dutzend Menschen, Männer und Frauen. Manche nippen an ihrem Zitronentee, andere schlafen mit dem Kopf auf dem Tisch. Papiertücher liegen auf dem Boden, der ein bißchen klebrig ist. Am Tresen stehen Sozialarbeiter und verkaufen Getränke und Brötchen. Rechts an der Theke können benutzte gegen neue Spritzen getauscht werden. Ein Süchtiger wirft seine Spritze in die Spüle, darunter steht ein Mülleimer; er ist randvoll mit den Fixerwerkzeugen.

"Jeder hat Angst vor uns", sagt der 43Jahre alte Christian. "Die Anwohner kippen uns manchmal Wasser auf den Kopf, wenn wir vor dem La Strada stehen." Er sitzt mit hängenden Schultern an einem Tisch im Cafe, sein Kopf wiegt manchmal nach unten, als würde er in Sekundenschlaf fallen. Dann zuckt er kurz und redet weiter. Die Polizei habe ihre Kontrollen verstärkt und nehme ihm die Drogen weg, wenn er sie sich öffentlich spritze, erzählt er. "Hosen runter, Mund auf", forderten die Polizisten dann und untersuchten seinen Körper auf illegale Substanzen. Aus der Heroinstudie, an der in Frankfurt 191Drogenabhängige teilnehmen, sei er "rausgeflogen", weil er neben dem verabreichten Heroin regelmäßig Crack konsumiert habe und im Grunde "alles außer Pillen und Trips". Jetzt muß sich sein Körper von Heroin mit 99,8prozentiger Reinheit auf fünf- bis siebenprozentigen Stoff umstellen, den er auf dem Schwarzmarkt kauft. "Ich drücke jetzt zehnmal am Tag Heroin." Christian hat eine Leberzirrhose. Die entsteht durch Alkohlmißbrauch oder eine Erkrankung an HepatitisC oder B. Ob ein Arzt ihn behandele? Er schüttelt nur den Kopf und sagt: "Für mich ist der Zug abgefahren."

Christian bekommt eine Cola spendiert. "Die geht aufs Haus", sagt Jürgen Klee, Leiter des La Strada in Trägerschaft der Aids-Hilfe. Auch David, der sich an den Tisch setzt, erhält ein Freigetränk. Er stößt dagegen, der Becher fällt um, und die Cola läuft quer über den Tisch auf den Boden. David ist, verglichen mit den anderen Besuchern, noch relativ jung. 24Jahre, schulterlanges, blondes Haar. Seine Arme sind dürr, Adern sieht man nicht. Langsam streift er sich die Haare aus dem Gesicht und schaut müde auf seinen Colabecher. "Methadon benebelt einen, man will nur noch schlafen." Als Fünfzehnjähriger hat er an seiner Schule Ecstasy gekauft, Speed und Cannabis. "Da gab es einfach alles." Mit 17 hat er sich zum ersten Mal Heroin gespritzt, mit 20 dann Crack geraucht. Im vergangenen Jahr hat er in Frankfurt auf der Straße gelebt. Seit seiner Entgiftung nimmt er an einem Methadonprogramm teil und besucht die Hermann-Hesse-Schule, wo ehemals Süchtige ihren Schulabschluß nachholen können. "Da will ich meinen Realschulabschluß machen." 345 Euro bekommt er vom Sozialamt, das reicht natürlich nicht. "Ich gehe aber nicht klauen. Einmal war ich zwei Tage in U-Haft, das hat mir gereicht." Seine Eltern wissen von seinen Drogenproblemen und geben ihm manchmal Geld. Im La Strada läßt man ihn vier Wochen lang übernachten.

Immer mehr Süchtige setzen sich an den Tisch, nippen an ihrer Cola und fangen an zu erzählen. Matze ist seit 25Jahren "druff". Im Gefängnis in Hessen und in den Niederlanden erhielt er als Heroinersatz Methadon. Er ist 40, sein Gesicht ist vernarbt. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in Frankfurt, momentan ist er obdachlos; von 1993 bis 2001 war er in Amsterdam, und am liebsten würde er dorthin zurück. "Aber da bin ich nicht mehr erwünscht." "Methadon gibt keine Satisfaktion", versucht er zu reimen. Alle die, die Methadon bekämen, konsumierten auch noch andere Drogen. "Zeig mir einen, der keinen Beigebrauch hat." Um von Methadon loszukommen, brauche man Monate. Von Heroin sei er nach zehn Tagen Entzug körperlich wieder clean. "Aber Heroin gibt dir ein Gefühl von Geborgenheit, man fühlt sich beschützt wie ein Embryo." Einen Druck braucht er alle vier bis fünf Stunden. "Sonst fängt der Turkey an" - Matze meint die Entzugserscheinungen.

Ein Gramm Heroin kostet 30 bis 40Euro, aber meistens kauft er kleinere "Plomben" - das ist in Plastikfolie verpacktes Rauschgift. Crack ist aufgebackenes Kokain und kostet etwas zehn Euro pro Stein. Auf die Frage, wie er seine Sucht finanziere, antwortet er lapidar: "Durch Geschäfte." Was für Geschäfte er macht, verrät er nicht. Mit ein bißchen Phantasie kann man sich vorstellen, daß Diebstahl dazugehört, vielleicht streckt er auch Drogen und verkauft sie weiter. Manche hier gehen auf den Strich, Männer wie Frauen. Matze hat auf der Straße 35Kilo abgenommen. Dort hat er sich auch mit Hepatitis C infiziert. Trotzdem gibt er sich zufrieden. Für ihn ist Heroin eine Art Lifestyle. Clean werden will er nicht. Ein Leben nach der Sucht kann er sich nicht vorstellen.

Ein junger türkischer Mann setzt sich an den Tisch. "Kann ich auch mal was sagen", fragt Yavzyigit. "Das La Strada hat mir nämlich richtig geholfen." Yavzyigit ist mit 17 Jahren zu Hause ausgezogen. In seiner Familie gab es immer nur Streit. Vor allem mit seinem Vater kam er nicht aus: "Der hat den ganzen Familienfrieden zerstört." Vielleicht hat er deshalb zu Drogen gegriffen. Jetzt ist er 24Jahre alt und meint, ohne die Sozialarbeiterin, die sich um ihn gekümmert habe und mit ihm bei den Behörden gewesen sei, würde er immer noch Heroin konsumieren. Jetzt hat Yavzyigit eine Wohnung und wird mit Methadon behandelt. An der Hermann-Hesse-Schule will er im nächsten Frühjahr seinen Hauptschulabschluß nachholen. Seine Arme sind nicht von Einstichen übersät, eine Seltenheit hier im Cafe. Er faßt in seine Tasche und holt ein kleines Plastikfläschchen mit einer gelben Flüssigkeit heraus: "Methadon, 80 Milligramm. Das trinke ich mittags um drei Uhr, mit Eistee vermischt, weil es sonst so bitter schmeckt." Yavzyigit gerät ins Philosophieren: "Wir Süchtigen ticken anders im Kopf. Jeder von uns ist potentiell rückfallgefährdet. Wer aussteigen will, braucht einen starken Willen." Und Menschen, die ihm dabei helfen. FLORIAN LECLERC

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