Kriminelle Jugendliche

Erst randalieren, dann losprügeln

Von Katharina Iskandar
08.01.2008
, 14:19
Resozialisierung: Jugendliche Gewalttäter werden durch ein Anti-Aggressions-Training therapiert
Was treibt Jugendliche zu Gewalttaten? Im Heddernheimer Fall, bei dem ein U-Bahn-Fahrer krankenhausreif traktiert wurde, gehen Polizei und Sozialarbeiter von einer „Zufallstat“ aus - ein Verbrechen aus Spaß und Langeweile.
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Die sieben jungen Männer steigen in die U-Bahn-Linie 2 in Richtung Südbahnhof. Als der Zug die Station in Bonames verlässt, fangen sie an zu randalieren. Sie nehmen die Nothämmer aus der Halterung, schlagen fünf Fensterscheiben und eine Trennscheibe ein. An der Station Sandelmühle steigen sie aus, kurz darauf nehmen sie eine andere U-Bahn nach Heddernheim. Dort treffen sie auf ihr Opfer, einen U-Bahn-Fahrer, der gerade Dienstschluss hat. Sie prügeln ihn nieder, schlagen ihm mit der Faust ins Gesicht. Als er am Boden liegt, tritt einer der Jugendlichen noch einmal nach. Vor noch schlimmeren Gewaltexzessen bleibt das Opfer nur verschont, weil eine Polizeistreife rechtzeitig am Tatort eintrifft.

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Nach dem Angriff auf den U-Bahn-Fahrer in Heddernheim stellt sich die Frage, was die Jugendlichen zu dieser Tat getrieben hat. Sind sie mit dem Vorsatz in die U-Bahn gestiegen, dort ihre Zerstörungswut auszuleben und anschließend einen Menschen niederzuschlagen? Oder haben sie aus purer Langeweile gehandelt, einfach aus einer Laune heraus, ohne sich bewusstzumachen, was es bedeutet, einen Mann niederzuprügeln und ihm so heftig auf den Kopf zu schlagen, dass er mit Verdacht auf Gehirnerschütterung in ein Krankenhaus gebracht werden muss? Fachleute sagen, das eine komme ebenso vor wie das andere. Im Heddernheimer Fall nehmen Polizei und Sozialarbeiter jedoch an, dass es eine „Zufallstat“ war – ein Verbrechen aus Spaß und Langeweile.

Gruppenzwang und Imponiergehabe

„Wir beobachten schon seit geraumer Zeit ein gewisses Schema bei jungen Straftätern“, sagt Frank Goldberg, der sich als Geschäftsführer des Präventionsrats seit zehn Jahren mit Jugendkriminalität befasst. „Die Heranwachsenden verabreden sich lose, trinken Alkohol und beschließen dann, durch die Stadt zu streifen. Plötzlich werden sie übermütig und fangen mit Sachbeschädigung an. Wenn die Hemmschwelle noch weiter sinkt, gehen sie über zu körperlicher Gewalt.“ Oft kämen die Täter sogar nur durch Zufall zusammen.

Das bestätigt auch die Polizei, bei der sich die Sondergruppe „EG Kompass“ ausschließlich mit Intensivtätern befasst. Sie weist darauf hin, dass es mittlerweile keine festen Stadtteil-Gangs mehr gebe, wie sie in den neunziger Jahren noch zu beobachten gewesen seien. Stattdessen identifizierten sich die Jugendlichen über ihre Nationalität. Sie kämen an bestimmten Treffpunkten zusammen. Ihre Straftaten begingen sie meist nicht im eigenen Stadtteil, sondern in benachbarten Vierteln oder in der Innenstadt. Auch die sieben Tatverdächtigen von Heddernheim, die laut Polizei fast alle aus der Gegend um den Ben-Gurion-Ring im Norden der Stadt kommen, sind den dort tätigen Sozialarbeitern nicht negativ aufgefallen – obwohl sie bereits vorbestraft waren, unter anderem wegen Körperverletzung und Raub.

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Mehr denn je suchen Kriminalitätsfachleute nun nach den Gründen, die erklären, weshalb gerade diese nächtlichen Streifzüge jugendlicher Gruppen allzu oft mit Straftaten verbunden sind. Goldberg vermutet als Ursache den Gruppenzwang, „dem sich vor allem junge Männer aus Zuwandererfamilien unterwerfen“. Untersuchungen hätten gezeigt, dass sie allein nie den Mut hätten, jemanden anzugreifen, sich aber in der Gruppe stark fühlten. Darüber hinaus wollten sich die Jugendlichen beweisen und ließen sich zu Gewalttaten hinreißen, um in der Clique respektiert zu werden. „Es ist eine Art Mutprobe, und der Stärkere ist der Gewinner.“

„Der Härteste wird geradezu verehrt“

Das bestätigt auch Marc Merly, der junge Straftäter im Verein Kinder- und Jugendhilfe betreut. „Der Härteste in einer Gruppe wird geradezu verehrt“, sagt der Sozialpädagoge. Dabei sei es weniger eine Frage der ethnischen Herkunft, sondern der sozialen Schicht. „Jugendkriminalität wird oft als reines Ausländerproblem gesehen. Wir haben aber auch viele Müllers, Meyers und Schmidts hier.“ Gemeinsam ist den Tätern laut Merly, „dass sie nie gelernt haben zu diskutieren“. Viele seien schon zu Hause geprügelt worden und deshalb abgestumpft. Zudem habe ein Großteil der Straftäter die Schule abgebrochen und folglich auch auf dem Schulhof nicht gelernt, sich mit anderen auseinanderzusetzen. In der „Peer Group“, ihrem Freundeskreis, agierten die Jugendlichen wie Schauspieler, sagt Merly. „Es gibt den Chef, der alles bestimmt, und die Anstifter, die danebenstehen und anfeuern. Und es gibt die, die sich hocharbeiten wollen, um zu imponieren. Das sind die Gefährlichsten.“

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So könnte es auch in der Heddernheimer Siebenergruppe zugegangen sein. Nach Erkenntnissen der Ermittler haben nur zwei Jugendliche den U-Bahn-Fahrer tätlich angegriffen, während die anderen offenbar daneben standen. Es könnte sogar sein, dass die Attacke nur den Zweck hatte, die anderen aus der Clique zu übertrumpfen, die „nur“ randaliert hatten. Nach Ansicht Goldbergs „sehen wir nur die Spitze des Eisbergs,“ Gewalttaten würden in der Regel nur öffentlich, wenn Dritte die Opfer seien. „Wir wissen jedoch nicht, was zwischen den Jugendlichen abläuft.“ Wahrscheinlich handele es sich aber um „die ganze Palette dessen, was in der Jugendkriminalität heute üblich ist“.

Ein Patentrezept hat Goldberg nicht. Zumindest sei es ratsam, den Heranwachsenden Freizeitmöglichkeiten zu bieten. Das versuchen auch die Jugendbüros der Stadt, die Irene Kessler-Stenger als Geschäftsführerin betreut. „Es hilft, den Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen“, sagt sie. „Alle retten können wir jedoch nicht.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Iskandar, Katharina
Katharina Iskandar
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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