<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Novalis und die Romantik

Lasst blaue Blumen blühen

Von Florian Balke
Aktualisiert am 25.03.2020
 - 17:38
Die blaue Blume gilt als zentrales Motiv in der Literatur der  Romantik (Archivbild).
Mehr Romantik als mit Novalis geht nicht. Wer am Dichter Anteil haben will, hat jetzt Gelegenheit.

Es ist der Roman zum Museum. Hier taucht sie zum ersten Mal auf, die blaue Blume, das Symbol von Traum, Sehnsucht, Erkennen und Werden, das später für die gesamte Romantik zu stehen kam.

In „Heinrich von Ofterdingen“, dem 1802 erstmals veröffentlichten Roman Friedrichs von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte, geht sie dem Titelhelden, einem jungen Minnesänger im Wartestand, von den ersten Zeilen des Buches an nicht aus dem Kopf. „Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben“, denkt Heinrich, als er sich in einer mondhellen Nacht unruhig auf dem Bett hin und her wirft: „Fernab liegt mir alle Habsucht, aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn und ich kann nicht anders dichten und denken.“

Dabei weiß der junge Bürgerssohn aus dem mittelalterlichen Eisenach, der vom Kaplan des Landgrafen unterrichtet wird, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was sie ist und wofür sie steht, diese Blume, von der ihm und seinen Eltern ein reisender Fremder erzählt hat. Einen ganzen unvollendeten, heute kaum noch gelesenen und überaus schwerverdaulichen Roman lang steht sie für das Rätselhafte, das man um der Verlockung willen sucht, es zu lösen; für ein Begehren, dem sich alles unterordnet, weil es verspricht, alles zu verwandeln. So wie die Kunst das Leben. Zumindest aus Sicht der Romantiker, zu denen der 1772 zur Welt gekommene Adelige, der Jura, Bergbau und die idealistische Philosophie Fichtes studiert hatte, in den Jahren um 1800 gehörte.

Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden“

„Die Welt muss romantisiert werden“, heißt es in einem der Fragmente, die Novalis als künstlerische Ausdrucksform besonders schätzte. „Bruchstücke des fortlaufenden Selbstgesprächs in mir“, nannte er sie seinem Freund Friedrich Schlegel gegenüber. Heute vor 219 Jahren ist der Mann, der im Begriff war, ein bewunderter Avantgardeschriftsteller und ein fähiger Verwaltungsbeamter zugleich zu werden, gestorben – mit nicht einmal 29 Jahren.

„Heinrich von Ofterdingen“ war zu diesem Zeitpunkt unvollendet. Begonnen hatte Novalis den Roman Ende 1799, nachdem er sich dazu entschlossen hatte, ein besseres Buch zu schreiben als Goethes „Wilhelm Meister“ und in Chroniken auf die Gestalt des Minnesängers sowie die später von Wagner im „Tannhäuser“ aufgegriffene Geschichte vom Sängerkrieg auf der Wartburg gestoßen war. Anderthalb Jahre später war er tot, gestorben vermutlich an einer Lungentuberkulose, der Lungenkrankheit seiner Zeit. Der zweite Teil des Romans, „Die Erfüllung“, war über das erste Kapitel sowie zahlreiche Entwürfe und Ideen nicht hinausgekommen.

Rätselhaft und vieldeutig wie die blaue Blume ist der gesamte Roman selbst. Nicht, weil ihm das Ende fehlt, das Heinrich nach Italien, Griechenland und Jerusalem, an den Kaiserhof und schließlich an die Grenze von Traum und Wirklichkeit hätte führen sollen. Eher, weil das als erzählerischer Text äußerst schwachbrüstige Werk, prall gefüllt mit Liedern und Gedichten, arm an packender Handlung, aber reich an Empfindungen und Gedanken, eine Prosa darstellt, die bewusst den Gesetzen des Gedichts folgt, in dem alle Klänge, Wörter und künstlerischen Kniffe zusammengehören, sich aufeinander beziehen und zusammen Effekt machen.

Als Geschichte mit Figuren, denen etwas zustößt, in der sich Unerwartetes ereignet, das Folgen für die Entwicklung der Charaktere zeitigt, hat Novalis den Roman nie gesehen. Und das ist gut so. Auch wenn spannend anders ist. Und nicht viel passiert außer einer Reise, die Heinrich und seine Mutter von Thüringen zum Großvater nach Augsburg führt. Die beiden reisen zusammen mit einer Gruppe wohlhabender und gebildeter Kaufleute, die vieles berichten, unterwegs begegnet Heinrich einem Ritter, der am Kreuzzug teilgenommen hat, und einer jungen Muslima, die dieser mit in die Heimat gebracht hat. Das romantische Kunstwerk zeigt alles aus vielen Blickwinkeln. „Der wahre Leser muss der erweiterte Autor sein“, sagt Novalis dazu in einem weiteren Fragment. Wir konstruieren mit.

Es gilt: „Mensch werden ist eine Kunst.“

Heinrich sei ein Dichter, sagen die weltgewandten Kaufleute, die es wissen müssen: „Ihr sprecht so geläufig von den Erscheinungen eures Gemüts, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, dem Element der Dichter.“ Er wisse auch nicht, wie das komme, sagt Heinrich: „Schon oft habe ich von Dichtern und Sängern sprechen gehört und habe noch nie einen gesehen. Ja, ich kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch habe ich eine große Sehnsucht, davon zu hören.“ Künstler und Mensch werden muss der junge Mann aus Eisenach, der Liebe und dem Tod begegnen, an der Begegnung mit anderen und sich selbst wachsen. Mensch und Künstler werden ist dabei für Novalis nicht ganz das Gleiche. Aber es gilt: „Mensch werden ist eine Kunst.“

Blumen und Blau durchziehen den ganzen „Heinrich“, von der blauen Ferne der hinter ihm zurückbleibenden Heimat, nach der sich der Held bei der Abreise aus Thüringen umsieht, bis zu der sich öffnenden Blüte, die er selbst ist: „Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen“, heißt es im Roman: „Und die letzteren verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört, bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr auftut und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt, so dass man es nie vergisst.“ Auch Heinrich als werdenden Dichter schildert der Roman als Blume, die von dem, was sie hört, bestäubt wird. „Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub in seinen Schoß“, heißt es, als er dem Vortrag des als Einsiedler in einer Höhle lebenden Grafen von Hohenzollern lauscht.

Aber nicht nur Wörter haben Folgen. Auch gebundene Bücher gehen ihren Weg. Den von Schlegel und Ludwig Tieck nach Hardenbergs Tod aus dem Nachlass herausgegebenen „Heinrich“ besitzt das Freie Deutsche Hochstift, die Trägerinstitution des Frankfurter Goethehauses und des neben ihm entstehenden Romantikmuseums, in einer besonders seltenen Ausgabe.

Es ist die erste überhaupt, die im Juni 1802 in Berlin erschien, kurz bevor Schlegel und Tieck im Herbst eine zweibändige Novalis-Gesamtausgabe herausbrachten und die im Sommer verkaufte Einzeledition des Romans wieder vom Markt nahmen. Verkauft worden ist das Frankfurter Exemplar des Buches wohl in Hamburg, es trägt in seinem Inneren das Buchhändlerschildchen von Friedrich Christoph Perthes, der im Sommer 1796 sein später am Jungfernstieg angesiedeltes, sehr bekanntes Geschäft eröffnet hatte, das als erste deutsche Buchhandlung im heutigen Sinne gilt.

Der bei ihm verkaufte „Heinrich“ kam vor drei Jahren in den Bestand des Hochstifts, das seit 1863 Goethes Geburtshaus besitzt und seit 1911 Kunst und Handschriften der Romantiker sammelt. 1960 erwarb es den 1930 erstmals versteigerten Novalis-Nachlass nahezu komplett, von Privatsammlern gehaltene Blätter kauft es bis heute hinzu. All das liegt, ebenso wie die Erstausgabe des Romans, in den klimatisierten Archivkellern am Großen Hirschgraben, von den Fragmenten, die Friedrich und August Wilhelm Schlegel 1798 unter dem Titel „Blütenstaub“ in der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift „Athenäum“ veröffentlichten, bis zu einem Brief von Hardenbergs früh gestorbener Braut Sophie von Kühn.

An Heinrichs blaue Blume will Christoph Mäckler, der Architekt des Romantikmuseums, mit der Farbe des noch nicht aufgebrachten Spezialglases im vorspringenden Erker seiner vielfach gegliederten Fassade erinnern, die mit ihren harmonischen Gelbtönen sonst eher nach der Butterblume der Romantik aussieht. Das, was im Inneren vorgeht, können Paten unterstützen. Wie heißt es bei Novalis? „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Paten für das Deutsche Romantik-Museum gesucht

PATEN GESUCHT ROMANTISCHE OBJEKTE FÜRS NEUE MUSEUM Wie Sie Pate werden können Das Deutsche Romantik-Museum, die Erweiterung des Frankfurter Goethe-Hauses, soll im Laufe des nächsten Jahres eröffnet werden. Es braucht weiterhin Unterstützung. Eine Möglichkeit, das Vorhaben zu fördern, ist die Übernahme von Exponat-Patenschaften: Ausgewählte Objekte aus der Sammlung des Freien Deutschen Hochstifts, unter ihnen Schlüsselwerke der Romantik und solche, die von den romantischen Verwicklungen Goethes zeugen, suchen exklusive Spender. In lockerer Folge stellen wir in dieser Zeitung Blätter und Kunst-Stücke vor, die der Zuwendung bedürfen. Mit ihnen verbindet sich künftig, sofern dies gewünscht ist, der Name des Förderers. Die Verantwortlichen im Goethe-Haus beraten Interessenten individuell und umfassend. Wer sich die Übernahme einer Patenschaft vorstellen kann, wendet sich unter romantikmuseum@freies-deutsches-hochstift.de oder der Nummer 0 69/13 88 02 17 direkt an die Institution am Großen Hirschgraben. zer.
Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.