<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Geflohen und integriert

Heimat in sich selbst gefunden

Von Cornelia von Wrangel
 - 17:26

Batule hat schönes Haar, schwarz, lang und glänzend. Es unter dem Kopftuch verstecken? Kommt nicht in Frage. Sie ist stolz auf ihr Haar. Außerdem: Batules Mutter trägt kein Kopftuch, die Tanten tun es auch nicht. Und ihr Vater würde, käme sie mit einem, sagen: „Du hast sie doch nicht mehr alle.“

Batule Jamall ist gleichwohl eine gläubige Muslimin. Sie betet zu Hause fünfmal am Tag, die Familie wohnt in Bad Soden, fastet an Ramadan. Freitags fährt die Familie zusammen in die afghanische Moschee nach Frankfurt. Afghanistan war einmal die Heimat der Eltern. Zu Hause wird daher afghanisch gekocht, nur nicht, wenn es schnell gehen muss. Dann gibt es Pasta oder Pizza. Batules Mutter bekommt alles hin, für ein paar Leute oder auch für 40 Reis und afghanische Saucen machen, zum Beispiel. Batule sagt über die Kochkunst ihrer Mutter: „Es ist der Hammer.“ Batule spricht fließend Deutsch.

Ihre Eltern flohen vor den Taliban, deren Schreckensherrschaft über große Teile Afghanistans von 1996 bis 2001 dauerte. Sie flohen getrennt voneinander, kennengelernt haben sie sich erst in Deutschland. Beide reden nicht viel darüber, was sie auf der Flucht durchmachen mussten. „Sie wollen es nicht noch einmal durchleben“, glaubt die Tochter. „Du legst einfach deine Identität ab“, sagt sie, „bist nichts mehr“. Das mache eine Flucht psychisch so schwer. Batule hat wohl schon viele Geschichten gehört. Sie hilft Flüchtlingsfrauen, sich zurechtzufinden.

Schlepper gab es schon damals

Die Mutter nahm die nördliche Route, über Tadschikistan und Kasachstan Richtung Russland, zusammengepfercht in Lastwagen oder nachts zu Fuß durch den russischen Wald. Hand in Hand, denn nur der Schlepper hatte eine Taschenlampe. Schlepper gab es schon damals. Daran hat sich nicht viel geändert. Der Vater entschied sich für die westliche Route, Iran, Irak, Türkei, Griechenland, Bulgarien. Seine Familie besaß viel Land im Norden von Kabul. Die Familie der Mutter kommt aus Kabul, sie lebte dort im Diplomatenviertel, Batules Großvater arbeitete für die Regierung.

Batules Mutter studierte Jura, der Onkel Medizin, die Tanten studierten Psychologie und Biologie. Die Mutter sei „ein richtiges Hauptstadtmädchen“ gewesen, habe so gelebt, wie man es sich von der Elite vorstelle, sagt Batule. Das heißt: Sie war rebellisch, tat, was sie wollte, trug die Haare offen, machte sich schick, fuhr mit dem Bus zur Universität. Aber die Taliban zwangen die Frauen in die Burka.

Überstürzte Flucht

Die Familie der Mutter verkaufte ihr Haus von heute auf morgen, packte ein paar Sachen ein, und sie gingen, immer in der Angst, ob alle Familienmitglieder es schaffen. Von Deutschland hatten sie gehört, es sei sicher, eine Nation, die voranschreite. Dort wollten sie hin. In Deutschland dann begegnete die Mutter Batules Vater, die Familien kannten einander. Sie heirateten, und als sie die erste kleine Wohnung in Bad Soden hatten, kam Batule auf die Welt, am 26. Juni 1999.

Batule hat noch drei Geschwister, sie ist die Älteste. Die Mutter ist jetzt Verkäuferin in Frankfurt-Sossenheim, manchmal sitzt sie auch an der Kasse. Der Vater handelt mit Gütern aus Fernost, vorher hat er nach Darstellung seiner Tochter alles Mögliche gemacht, zwischendrin war er einmal Sicherheitsmann. Batules Eltern haben beide die deutsche Staatsangehörigkeit: „Sie sind darüber sehr froh.“ Und sind sie integriert? „Sie führen ein ganz normales deutsches Leben“, sagt die Tochter, „fahren zum Aldi und sitzen in unserem alten Opel.“ Einen Opel wiederum betrachtet sie als ein „sehr deutsches Auto“.

Die Mutter war nie wieder in Afghanistan, der Vater war dort, als seine Mutter starb. Batule würde gerne mal nach Afghanistan. Aber ihre Eltern würden sie nie lassen: „Was willst du dort? Es ist keiner mehr da.“ Für Batule bedeutet das jedoch eine Identitätsfrage. Irgendwie mag sie dieses Wort: Identität. Wie sieht es aus in dem Land, „dessen Sprache ich spreche und dessen Tänze ich liebe“? Sie glaubt auch, eine Möglichkeit gefunden zu haben, eines Tages nach Afghanistan zu fahren.

„Die Zeit an der Universität war meine beste“

Das dauert aber noch eine Weile. Sie muss erst einmal ihr Studium fertig machen, das heißt, sie hat grade erst damit begonnen. Batule hat es geschafft, einen Medizin-Studienplatz zu bekommen. Im März kam der Bescheid. So wie ihre Mutter einst im Bus fährt sie nun mit dem Zug zur Universität nach Gießen. Und versucht, sich vorzustellen, ihr würde das alles einfach genommen. „Die Zeit an der Universität war meine beste“, hat sie die Worte ihrer Mutter im Ohr.

Dass die Tochter unbedingt Medizin studieren wollte, hat etwas mit ihrem linken Auge zu tun. Sie hatte als Baby einen bösartigen Tumor in der Netzhaut, bekam mit einem Jahr ihr erstes Glasauge. Als junges Mädchen war es schwer: „Du hast ja ein Schönheitsideal vor dir.“ Mittlerweile aber kommt sie damit zurecht, kaschiert es oft ein wenig mit der Brille, es macht ihr auch nichts mehr aus, darüber zu sprechen. Dann fährt sie sich ins Glasauge, klopft mit dem Fingernagel drauf, sieht erschrockene Gesichter und findet es witzig.

Batule war eine gute Schülerin. Das Abitur schaffte sie mit einem Notendurchschnitt von 1,4. Das reichte aber nicht gleich für den Studienplatz. Sie gab nicht auf, drehte Warteschleifen, machte erst ein Pflegepraktikum im Krankenhaus, sah ihren ersten Toten. „Damit hast du dann zu tun“, dachte sie. Danach trat sie als Freiwillige in einer Ultraschall-Station an, war ein halbes Jahr lang „immer nah am Patienten“ und hat viel gelernt, auch, mit Emotionen umzugehen. „In der Sonographie bist du die Erste, die den Krebs sieht.“ Aber es hat sie darin bestärkt, dass Medizin das Richtige für sie ist.

Soziales Engagement

Jetzt büffelt sie die Namen der Knochen und hat unheimlich viel zu tun. Denn ihre Flüchtlingsarbeit lässt sie sich nicht nehmen, höchstens ein wenig einschränken. Sie macht mit bei den Frig-Frauen, einer Gruppe deutscher Frauen, die sich mit Flüchtlingsfrauen trifft und sich immer ein Thema vornimmt. Frig steht für „Frauen im Gespräch“. Bei solchen Gesprächen in der Flüchtlingsunterkunft im Frankfurter Stadtteil Nied übersetzt Batule, sie kann Dari, also Neupersisch, Paschtu, die Amtssprache Afghanistans, Englisch, Französisch und eben Deutsch. Oder sie hilft den Frauen im Containerdorf, einen Kita-Platz zu bekommen, damit sie in den Deutschkursus gehen können. „Ich möchte sie motivieren.“ Vielleicht will sie aber noch etwas: ein bisschen von dem zurückgeben, was ihre Eltern bekamen. Da schließt sich der Kreis.

Das soziale Engagement hat bei Batule schon in der Schule angefangen. „Es ist mein Hobby“, sagt sie, in einem Ton, als müsse sie sich entschuldigen. In der Schule leitete sie die Spendenaktion „Weihnachten im Schuhkarton“. Dabei wurden Geschenke verpackt für Kinder, die sonst keine bekommen hätten, die Päckchen nach Rumänien geschickt, zum Beispiel. „Weihnachten für alle“ funktionierte ähnlich. Jetzt brachten sie die Geschenke in die Flüchtlingsunterkunft in Schwalbach.

Schließlich gab es noch das Patenprojekt. Da schufen sie für Schüler von zehn bis 18 Tandems nach dem Prinzip: russisch zu russisch, albanisch zu albanisch, koreanisch zu koreanisch, bosnisch zu bosnisch, afghanisch zu afghanisch. Immer stellten sie einem neuen Einwandererschüler mit ausländischem Hintergrund einen Leistungsstufenschüler aus demselben Land zur Seite. Die sollten zusammen lernen. Es klappte. Inzwischen ist aber alles zum Leidwesen von Batule im Sande verlaufen.

Traum die ehemalige Heimat zu besuchen

Der Zonta-Club Bad Soden-Kronberg hat Batule für dieses Projekt mit dem „Young Women in Public Affairs Award“ ausgezeichnet. Einmal die Bekanntschaft mit den Zontas gemacht, tauchte sie in dieses Netzwerk berufstätiger Frauen ein. Ohne die Zontas, glaubt sie, wäre sie nie Mitglied im „Afghanischen Frauenverein“ geworden, der sich seit 1992 für den Wiederaufbau und Frieden in Afghanistan einsetzt und vor allem Frauen und Kinder auf dem Land fördert. „Als junges Mädchen der zweiten Generation in Deutschland zu Frauen in Afghanistan Kontakt zu haben, das ist doch was!“ Ja, Batule kann sich also getrost auf die Brust klopfen.

Apropos Afghanistan: Daheim in Bad Soden liegen auf dem Laminat afghanische Teppiche. Batule findet sie sehr schön und würde sie um nichts in der Welt hergeben. Und wie sie einmal nach Afghanistan kommen will? Als Ärztin. Ist doch klar.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAfghanistanFrauenTalibanDeutschlandAdam OpelKabulIntegration