FAZ plus ArtikelJüdische Kinder in der NS-Zeit

Allein auf der Flucht

Von Alexander Jürgs
02.09.2021
, 11:39
Rund: Im Frankfurter Bahnhofsviertel steht das Denkmal für die geflohenen jüdischen Kinder. Die israelische Künstlerin Yael Bartana hat es entworfen.
Mit einer Ausstellung und einem neuen Denkmal erinnert Frankfurt an jüdische Kinder, die nach 1938 aus der Stadt fliehen konnten. Ihre Eltern, die bleiben mussten, haben den Holocaust meist nicht überlebt.
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In einer Glasvitrine liegen die Stücke aus Silber: eine Kutsche, eine Windmühle, ein Tischchen und Stühle, eine Truhe. Filigran, zart, wie Spielzeug. Das Kindermädchen von Lee Edwards, die, als sie im Jugendalter aus Frankfurt nach England flüchtete, noch Lina Liese Carlebach hieß und Liesel genannt wurde, hatte die Silberstücke all die Jahre aufbewahrt. Liesels Mutter hatte sie, zusammen mit einem Haufen feiner Wäsche, in einem Überseekoffer verstaut, kurz bevor sie im Mai 1942 nach Polen in das Ghetto Izbica deportiert wurde, eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Das Datum, an dem Sofie Carlebach ermordet wurde, ist unbekannt.

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Ihre Tochter Liesel war im März 1939 aus Frankfurt aufgebrochen – mit einem der sogenannten Kindertransporte. Diese meist von den jüdischen Gemeinden organisierten Transporte waren eine beispiellose Rettungsaktion: Allein, ohne ihre Eltern, wurden Kinder aus Deutschland ins rettende Ausland gebracht. Etwa zwanzigtausend jüdische Kinder konnten so den Holocaust überleben und entgingen dem grausamen Tod. Dass nicht mehr Kinder gerettet wurden, lag vor allem an den strengen Restriktionen, die an eine Aufnahme gebunden waren.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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