Unter Corona-Bedingungen

Der Anti-Kirchentag

EIN KOMMENTAR Von Carsten Knop
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 20:02
Vorfreude: Die Werbung für den Kirchentag läuft schon auf Hochtouren.
Die Stadt Frankfurt und die beiden Kirchen halten weiter am ökumenischen Kirchentag im Mai nächsten Jahres fest – nur bei der Umsetzung ist man sich nicht einig. Aber verfehlt ein Kirchentag unter Corona-Bedingungen nicht dessen eigentliche Bedeutung?

Der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt erscheint wieder möglich: Stadt und Veranstalter wollen tatsächlich das Risiko eingehen, Tausende Teilnehmer im Mai zu empfangen. Das ist nicht klug – und das hat nur am Rande etwas mit dem Infektionsrisiko zu tun. Denn Kirchentag, das ist etwas ganz anderes als das, was Veranstalter und die Stadt rund um den Oberbürgermeister jetzt ins Auge fassen. Man fragt sich, worum es eigentlich gehen soll: um den Kirchentag oder darum, dass Frankfurt irgendwie weiterhin die Veranstalterehre behält? Hier aber geht es nicht um eine Messe, wo die Frage, ob sie stattfinden soll oder nicht, rein wirtschaftlichen Überlegungen folgt. Tatsächlich geht es um das Gegenteil davon; allerdings scheinen das die Beteiligten zu vergessen.

Wer schon einmal auf einem Kirchentag war, hat die Kirche von ihrer besten Seite erlebt. Wie sonst an vielleicht keinem anderen Platz denken und fühlen viele verschiedene Menschen intensiv zusammen. Sie erleben sich selbst als Kirche. Das ist Kirchentag. Es sind nicht die Veranstaltungen auf großer Bühne. Es sind die Gespräche in der Gastfamilie, in der Gemeinde, die noch am späten Abend und bis in die tiefe Nacht hinein die Kirche offen lässt, um miteinander zu reden, zu lachen, zu hoffen. Der geistige Kräftehaushalt unseres Lebens braucht diese nachdenklichen, liebevollen Treffen. Kirchentage können auch so etwas wie Durchlauferhitzer für Christen werden, die beginnen, ihren Glauben wenn nicht zu verlieren, so doch zu verschütten.

Das ist Kirchentag – die Ausgabe des Ökumenischen Kirchentags aber, die im Mai noch möglich erscheint, erfüllt diesen Anspruch nicht. Selbstverständlich lassen sich sogenannte kreative Notlösungen finden, die Podiumsdiskussionen im teilvirtuellen Raum zulassen. Das, was daraus wird, ist dann ein Anti-Kirchentag in einer Zeit, in der es nicht darum geht, Großveranstaltungen im Corona-Format zu organisieren, sondern in den Gemeinden Basisarbeit zu leisten. Tatsächlich werden die meisten Gemeinden auch dieser Verantwortung aber nicht gerecht und scheitern an der übergroßen Corona-Herausforderung. Eigentlich müsste der Pfarrer genau jetzt bei den verbliebenen Gemeindemitgliedern anrufen, Nähe suchen. Das Gegenteil passiert: Gottesdienste funktionieren unter Corona-Bedingungen eher schlecht als recht.

Nachgedacht, gebetet und gespendet

Das Gemeindeleben erstirbt. Dabei kennen selbst viele der noch verbliebenen Kirchensteuerzahler Kirche kaum noch „von innen“. Es verbleiben die unvermeidlichen Stunden bei Taufe, Trauer, Beerdigung. Die Institution ist weit weg aus dem Gesichtskreis – und Reformbemühungen nicht zuletzt in der evangelischen Kirche machen nicht den Eindruck, als würde sich auf der Ebene der Gemeinden daran etwas verbessern. Aber es gibt den Kirchentag.

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Das große Laientreffen. Da wird nachgedacht, beraten, gebetet und gespendet, werden Projekte studiert, Pläne von einer besseren Welt entworfen. Antiseptisch jedoch, so wie es in Frankfurt sein dürfte, funktioniert das nicht. Lieber kein Kirchentag als so etwas. Die Kirchen sollten ihre Gemeinden, jede einzelne, stattdessen dazu aufrufen, im Mai ein kleines Fest an Ort und Stelle zu feiern. Mit allem, was dann möglich ist.

Und wenn es dann immer noch nur virtuell geht? Wie wäre es denn, liebe Pfarrer, alle Gemeindeglieder mal zu einem großen Zoom-Meeting einzuladen? Könnte man sogar im Advent schon mal ausprobieren. Und wenn Corona richtig überstanden ist, dann feiern wir Kirchentag! Einen richtigen, mit Gesprächen und ja, Berührungen, mit einem Austausch der eben noch Fremden, der an Zauberei grenzt.

Quelle: F.A.Z.
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