Ukraine-Flüchtlinge

Die Stunde der freiwilligen Helfer

Von Monika Ganster
13.05.2022
, 07:20
Hilfsbereit: Igor Denneng, freiwilliger Übersetzer, erwartet Ukraine-Flüchtlinge vor der Bahnhofsmission.
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Zahlreiche Ehrenamtliche helfen, die Geflüchteten aus der Ukraine in Frankfurt willkommen zu heißen. Igor Denneng ist einer von ihnen.
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„Wie können wir Ihnen helfen? – Igor Denneng stellt diese Frage auf Ukrainisch immer und immer wieder all jenen, die in der Bahnhofsmission am Frankfurt Hauptbahnhof ankommen und zunächst verloren wirken. Der Darmstädter Student in der pinken Warnweste nimmt seit vielen Wochen die neu angekommenen Flüchtlinge aus der Ukraine in Empfang. Dankbare, ungeduldige, schüchterne und verzweifelte Menschen, die Hilfe suchen, zum Beispiel ein Bahnticket für die Weiterfahrt in die Unterkunft oder ärztliche Versorgung.

Denneng ist einer der vielen Freiwilligen, auf die die Bahnhofsmission seit Wochen zählen kann. Er habe in den ersten Nächten nach dem Überfall der russischen Truppen auf die Ukraine kein Auge zugetan, erzählt er. Wie viele andere habe auch er befürchtet, dass Kiew in wenigen Tagen fallen und es das Ende der Ukraine, wie er sie kennt, sein würde. Tagelang kaum Schlaf, der Daumen wischte ständig neue alarmierende Nachrichten aufs Handy. Erst als die Truppen in der Hauptstadt erfolgreich Widerstand gegen die Aggressoren leisteten, habe der Schockzustand nachgelassen, erzählt der Student. Er konnte und wollte etwas anderes tun, als nur herumzusitzen.

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Als das Ukrainische Koordinierungszentrum in Frankfurt nach ehrenamtlichen Übersetzern suchte, die den Neuankömmlingen helfen sollten, meldet er sich sofort: „Alles war besser, als zu Hause rumzusitzen, das war Selbsttherapie.“ Der erste Tag in der von Menschen überquellenden kleinen Bahnhofsmission am Frankfurter Hauptbahnhof war allerdings nach einem Studienjahr im Homeoffice eine unerwartete Hürde für den jungen Mann: „An einem Tag habe ich mit mehr Menschen geredet als im ganzen Jahr 2021.“ Er schüttelt ungläubig den Kopf, wenn er an jene Tage zurückdenkt.

„Hier wird niemand rausgeschmissen“

In der Bahnhofsmission ist er Teil eines Tandems: Je ein fester Mitarbeiter und ein freiwilliger Helfer nehmen eine Familie in Empfang und fragen nach den akuten Bedürfnissen. „Jeder Dritte fragt nach Arbeitsmöglichkeiten“, sagt Denneng. In der Ukraine kenne man kein soziales Netz, eine Hilfe ohne Gegenleistung werde nicht erwartet. Er müsse dann erst mal beruhigen: „Hier wird niemand rausgeschmissen.“ Die Ukrainer wenden sich dabei automatisch an den, der ihre Sprache spricht, um eine Frage nach der nächsten zu stellen. Dann müssen die Mitarbeiter der Bahnhofsmission bremsen, sich wieder hineindrängen in ein Gespräch, das sich sonst verselbständigt. Die freiwilligen Helfer sind alle sehr engagiert, aber eben keine professionellen Übersetzer, die gelernt haben, ihre Rolle auf die Sprachvermittlung zu begrenzen.

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Diakon Carsten Baumann, der Leiter der Bahnhofsmission, berichtet, dass manche Helfer sogar privat Unterkünfte in bester Absicht vermitteln wollten und sich damit vor allem selbst überforderten. Igor Denneng ist für ihn dagegen einer, der sich von Anfang an wie ein Profi verhielt. „Den würde ich gerne klonen, das ist eine stabile Frohnatur“, sagt Baumann über Denneng, dem Lachen beider Männer ist die Wertschätzung füreinander anzuhören. Beide wollen, dass der Laden läuft, dass sich die Menschen willkommen fühlen. „Dann mache ich auch mal einen Witz, um die Stimmung aufzulockern, oder zeige ein Bild von meinem Kater“, sagt der Student.

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Sein Mittel gegen die Ohnmacht

Er wolle vor allem die Schutzsuchenden beruhigen. „Oft hilft, wenn ich von meiner eigenen Ankunft in Deutschland erzähle.“ Denneng ist 29 Jahre alt, er kam vor 15 Jahren mit seiner Spätaussiedler-Familie aus Tscherkassy in der Ukraine nach Deutschland. Jetzt studiert er Mechatronik an der TU Darmstadt, spricht druckreif Deutsch und hat seinen Platz als Mittler zwischen den Nationen gefunden: „Im Moment brauchen mich beide Länder.“

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Mittlerweile sind es 183 Freiwillige, die für die Bahnhofsmission übersetzen, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Sie teilen sich eine Doodle-Liste, eine Art Terminkalender im Internet, der freie Schichten anzeigt. Wer Zeit hat, und sei es auch nur für eine Stunde, trägt sich ein und erscheint dann auf Gleis 1 im Hauptbahnhof zum Dienst. Denneng arbeitet bis zu vier Tage die Woche dort, aber wenn er morgens sieht, dass in der Doodle-Liste eine Lücke klafft, springt er eben noch mal ein.

Auch die Whatsapp-Gruppe, in der alle Hilfsübersetzer untereinander vernetzt sind, behält er ständig im Blick: Wie ist der Ton in der Gruppe, werden alle Fragen der Neuen beantwortet? Unter den Helfern sind auch Russen, ihre Sprachkenntnisse sind ebenfalls gefragt. „Natürlich sind sie hier auch willkommen, solange es keine Putinisten sind“, macht der junge Helfer den entscheidenden Unterschied deutlich. Er will, auch wenn er keinen Cent mit seiner Arbeit verdient und Anfang März auch noch sein Studentenjob in einem Ingenieurbüro weggebrochen ist, unbedingt weitermachen. Das ist sein Mittel gegen die Ohnmacht, die die verheerenden Kriegsnachrichten aus der Ukraine immer wieder auch bei ihm auslösen. Dann helfe es, sich für einen Nachmittag zurückzuziehen, seinen Kater zu kraulen und sich am Ende doch wieder in die Doodle-Liste einzutragen. Denn in der Bahnhofsmission sei am Ende „jeder Tag lohnend, jeder Tag sinnvoll“.

Quelle: F.A.Z.
Monika Ganster- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Monika Ganster
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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