Mild und regnerisch

Frankfurt im Lockdown-Winter

Von Peter Badenhop
06.01.2021
, 08:26
Der Dezember bescherte den Frankfurtern ein seltsames Fest und einen stillen Jahreswechsel – aber so gut wie keinen Schnee.

Ach, was macht diese Pandemie nur mit uns? Seit nun fast einem Jahr hat dieses fiese Virus alles im Griff und sorgt für immer neue, im besten Fall lustige, im schlimmsten aber auch durchaus beängstigende Phänomene. Denken Sie nur an die Klopapier- und Hefe-Hamsterei der ersten Lockdown-Wochen. Oder den erstaunlichen Run auf Fahrräder und Hanteln im Sommer. Corona treibt die Menschen offenbar in eine übersteigerte Einkaufswut und irrationalen Konsum. Zuletzt war das im Dezember zu beobachten, als die Nachfrage nach Weihnachtsbäumen förmlich explodierte. Durch den zweiten Lockdown zurück ins Private verbannt, haben die Leute in den Wochen vor dem Fest wahrscheinlich zur Kompensation Nordmann-Tannen und Blaufichten gekauft, als gäbe es kein Morgen. Oder nie wieder Weihnachten. Vor allen sehr große Exemplare seien gefragt gewesen, berichteten die überraschten Händler. Und da fragt man sich dann ja schon, was da eigentlich los ist. Und was dieses Virus noch alles mit uns machen wird.

Einigermaßen unbeeindruckt lässt Corona zum Glück die Leute vom Deutschen Wetterdienst. Zumindest wenn es um deren Kerngeschäft geht. Das ziehen sie professionell und ohne spürbare Beeinträchtigungen durch – und lassen uns dieser Tage zum Beispiel wissen, dass es zwar auch im Jahr 2020 zu Weihnachten keine weiße Pracht in Frankfurt gab, an der Wetterstation am Flughafen aber trotzdem an einem Dezembertag Schnee registriert wurde, nämlich am 1. Dezember. Wobei die Sache tatsächlich ein bisschen kompliziert ist: Geschneit hat es nämlich eigentlich noch im November, die Schneedecke von immerhin vier Zentimetern wurde aber erst am nächsten Morgen – und damit im Dezember – offiziell gemessen. Wieder einmal nur träumen konnte man von Verhältnissen wie vor zehn Jahren, als Mitte Dezember der Winter mit aller Macht Einzug hielt, am 19. Dezember 2010 für eine Rekordschneedecke von sagenhaften 24 Zentimetern sorgte und den Frankfurtern dann eine weiße Weihnacht an allen drei Feiertagen bescherte.

Wetterumstellung pünktlich zu Heiligabend

Für richtig weihnachtliche oder zumindest winterliche Stimmung war der Lockdown-Dezember einfach zu mild. Mit einem Monatsmittel von 4,3 Grad war er, verglichen mit dem langjährigen Normalwert von 1,8 Grad, um 2,5 Grad zu warm. Das ist zwar nicht annähernd so viel wie das Plus von 5,4 Grad im Rekord-Dezember des Jahres 2015 mit seinem Mittelwert von 7,2 Grad. Das diesjährige Plus reichte aber immerhin für Platz 13 in der seit 1935 geführten Rangliste der wärmsten Dezember. Zu kalt war in den vergangenen 15 Jahren nur der Dezember 2010 mit seiner Mitteltemperatur von minus 1,6 Grad.

Eine bemerkenswerte Wetterumstellung ließ sich diesmal pünktlich zum Heiligen Abend feststellen, wirklich winterliche Verhältnisse brachte aber auch sie nicht. Während am 22. Dezember mit fast frühlingshaften 14,6 Grad noch die höchste Temperatur des Monats gemessen wurde, legte sich schon zwei Tage später Kälte über das Land, so dass am 26. Dezember dann mit minus 2,7 Grad die niedrigste Temperatur des Monats registriert wurde. Das fühlte sich zwar einigermaßen kühl an, war im Vergleich zum Rekord von minus 17 Grad, gemessen am 22. Dezember 1962, aber natürlich eher lächerlich und in der Endabrechnung sogar das zweithöchste Dezember-Minimum, das jemals an der Wetterstation am Flughafen gemessen wurde.

Hätten die Temperaturen nur ein bisschen besser mitgespielt – das Potential für winterliche Landschaften in Frankfurt und nicht nur in den Höhenlagen des Taunus wäre durchaus da gewesen. Denn in den letzten Wochen des Jahres schoben sich nicht nur ungewöhnlich viele Wolken vor die Sonne und ließen dieser mit 19,6Stunden kaum mehr als 50 Prozent ihrer üblichen Scheindauer. Es war zudem vor allem sehr feucht für einen Dezember, und aus den am Flughafen gemessenen 81,1 Millimeter Niederschlag (im Durchschnitt sind es nur 54,1 Millimeter) hätten gut einige dicke Flocken und ein paar Zentimeter Schnee werden können. Aber so blieb es in der ganzen Stadt beim langweiligen Winter-Grün – und den Frankfurtern nichts anderes übrig, als Straßen und Parkplätze in Taunus, Rhön und Odenwald mit ihren Autos zu verstopfen, um sich wenigstens ein bisschen Vergnügen in diesen trostlosen Lockdown-Zeiten zu verschaffen.

Quelle: F.A.Z.
Peter Badenhop - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Badenhop
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot