„Nicht auf Impfstoff warten“

Frankfurter Gesundheitsamtsleiter: Corona-Strategie überdenken

01.10.2020
, 14:23
Kritiker: René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamt Frankfurt, plädiert für andere Leitlinien in der Corona-Politik
Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts sieht in der deutschen Corona-Politik die Erfahrungen mit früheren Pandemien zu wenig berücksichtigt. Er fordert, nicht nur auf Eindämmung zu setzen. Lob findet er für das Land Hessen.
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Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, René Gottschalk, sieht die politischen Vorgaben zur Eindämmung der Corona-Pandemie kritisch. In einem Beitrag für das „Hessische Ärzteblatt“ (10/2020) listen Gottschalk und seine ehemalige Stellvertreterin Ursel Heudorf ihre bisherigen Erfahrungen auf und formulieren Empfehlungen für die Zukunft. Ihrer Ansicht nach „bedarf es dringend einer breiten öffentlichen Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung“.

Die Vorgaben seien „von politisch Verantwortlichen angeordnet, ohne dass die Erfahrungen früherer Pandemien ausreichend berücksichtigt wurden“, schreiben Gottschalk und Heudorf. „Ein Problem hierbei war (und ist), dass überwiegend virologische Fachexpertise zur Beratung genutzt wurde, um die Maßnahmen zu beschließen; Fachärzte für Öffentliches Gesundheitswesen, die für solche Situationen eine lange aufwendige Weiterbildung absolvieren müssen, waren nur selten involviert.“ Das Bundesland Hessen sei eine positive Ausnahme.

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Schnelle Isolierung von Kranken

Von den drei Strategien im Umgang mit der Pandemie - „Containment“ (Eindämmung), „Protection“ (Schutz für Risikogruppen) und „Mitigation“ (Folgenminderung) - werde ausschließlich „Containment“ betrieben, „was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte“. Dass die Zahlen vergleichsweise niedrig sind, habe man der schnellen Isolierung von Kranken und der Quarantäne für Kontaktpersonen zu verdanken. „Ob dies bei einer Erkrankung, die zum weitaus größten Teil bei den Patienten leicht oder gar asymptomatisch verläuft, sinnvoll ist, muss bezweifelt werden“.

Die Diskussion der Übertragungsmöglichkeit durch Aerosole sei „von der Realität weit entfernt: Wäre dies ein wichtiger Übertragungsweg, hätten wir eine gänzlich andere epidemiologische Ausbreitung.“ Die Schule sei „kein „Hochrisikoarbeitsplatz““. Das Warten auf den Impfstoff sei „leider in der näheren Zukunft nicht zielführend“: Bis alle geimpft seien, werde es Jahre dauern.

Quelle: dpa
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