Frankfurter Oper

Stimmen in der Stille

Von Guido Holze
17.01.2021
, 15:18
Mit der Reihe „Bühne frei“ zeigt die Frankfurter Oper, dass die Arbeit hinter den Kulissen und auf der Bühne weitergeht. So ruft sich das Haus, das im ersten Lockdown mit Ersatzangeboten eher zögerte, nun abermals ins Gedächtnis der Zuschauer zurück.

Gleich der erste Schwenk der Kamera über leere Ränge und Sitzreihen fängt die für Pianist und Sänger vermutlich recht gespenstische Atmosphäre dieses Geisterkonzerts ein. Es ist das erste seiner Art im neuen Jahr und das erste der Serie „Bühne frei“ in der Oper Frankfurt, live gestreamt am Freitagabend über die Videoplattform Youtube, auf der es auch weiterhin abrufbar ist. So ruft sich die Oper, die im ersten Lockdown verglichen mit den Staatstheatern in Wiesbaden, Mainz und Darmstadt mit Ersatzangeboten eher zögerte, zu Beginn der Saison 2020/21 dann wie alle anderen spielte und auch neue Produktionen herausbrachte, nun abermals ins Gedächtnis der Zuschauer zurück: ein gutes und notwendiges Signal. Denn so schön die als Streams verfügbaren Aufzeichnungen älterer Inszenierungen wie die seit Silvester abrufbare „Fledermaus“ von Christof Loy auch sein mögen: Die Botschaft, dass im Haus am Willy-Brandt-Platz hinter den Kulissen und auf der Bühne derzeit, jetzt und live verfolgbar, weitergearbeitet wird, ist noch wichtiger.

Musikalisch führt das zum Auftakt der kleinen Konzertreihe, die zunächst drei weitere Termine im Januar hat, jeweils freitags von 19.30 Uhr an, in eine fast surreal heile Welt: eine idyllische Gondelfahrt in Venedig, wie sie Studienleiter Takeshi Moriuchi am Klavier mit den wiegenden Klängen der Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach sofort suggeriert und wie die polnische Sopranistin Monika Buczkowska und die lettische Mezzosopranistin Zanda Švede sie im süffigen Duett zur „Belle nuit, o nuit d’amour“ melodisch schwelgend beschwören.

Buczkowska, die seit dieser Saison zum Ensemble der Oper Frankfurt gehört, stand im Oktober in einigen Vorstellungen der neuen Pergolesi-Doppelproduktion auf der Bühne, Švede, die schon seit der Spielzeit 2018/19 Ensemblemitglied ist, gestaltete sogar schon Titelpartien in Händels „Xerxes“ und Bizets „Carmen“. Wie wunderbar ihre warme und voluminöse Stimme zu der in Frankfurt durch Barrie Koskys legendäre Inszenierung ganz neu gedeuteten Rolle der großen Verführerin passt, zeigt sich im Duett mit dem Tenor Gerard Schneider, der sie als Sergeant Don José in einer leicht szenisch gehaltenen Gestaltung des nächsten Schmankerls im Arien-Programm am Seil gebunden in Haft zu führen versucht – unter einem großen Kronleuchter und vor einem großen Bilderrahmen im Hintergrund.

Vielseitig einsetzbarer Sänger

Das Bühnenbild, verrät Dramaturg Konrad Kuhn später als Moderator des Abends in Vertretung des erkrankten Intendanten Bernd Loebe, sei schon aus Stockholm angeliefert gewesen für die Übernahme einer Produktion der Oper „Fedora“ von Umberto Giordano.

Mit Schneider, dem österreichisch-australischen Tenor, hat Loebe, der als findiger Stimmen-Scout gilt, in jedem Fall einen vielseitig einsetzbaren Sänger für das Frankfurter Ensemble gewinnen können. Mit einer Arie aus Pietro Mascagnis Oper „L’Amico Fritz“ gibt Schneider eine strahlende Kostprobe aus dem ihm offenbar gut liegenden italienischen Fach. „Ein veritables Debüt“, wie Kuhn sagt, gibt indes Nicholas Brownlee. Der amerikanische Bassbariton, der schon vielfach ausgezeichnet wurde und an der New Yorker Metropolitan Opera gastierte, hat in Frankfurt als neues Ensemblemitglied während der laufenden Saison noch keinerlei Auftrittsmöglichkeit gehabt. Zumindest virtuell lernte man ihn daher als Sänger kennen, der ebenso stilistisch versiert wie variabel einsetzbar ist. Den puren Bösewicht romantisch-deutschen Zuschnitts mimte und sang er als Kaspar in Carl Maria von Webers „Freischütz“ vortrefflich.

Als Maler Marcello gab er sich mit dem Pinsel in der Hand und zusammen mit Schneider als im Notizbuch blätternden Dichter Rodolfo vor dem dazu nun aufs beste passenden goldenen Bilderrahmen des „Fedora“-Bühnenbilds den schmachtenden Gedanken an Mimì und Musetta auf eine Weise hin, dass jedem halbwegs opernerfahrenen Zuschauer in Sekundenschnelle klar werden musste, dass es sich hier nur um „La Bohème“ von Puccini drehen konnte. Im besonderen Fall mag das ein guter Service für eilige Vorwärts-Scroller sein, die das Video später aufrufen könnten. Verdient wäre es aber allemal, sich das Ganze in Ruhe zu Gemüte zu führen, bis zum finalen, stimmstarken und von Moriuchi klangmächtig grundierten Finale aller Beteiligten im Quartett aus Verdis „Rigoletto“.

BÜHNE FREI

Die Programme der nächsten Streaming-Konzerte der Reihe am 17., 24. und 31. Januar gibt die Oper Frankfurt demnächst auf ihrer Homepage bekannt.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Guido Holze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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