Prozess in Frankfurt

Er will nicht als Sexist dargestellt werden

Von Anna-Sophia Lang
15.01.2021
, 08:00
Weil er sich in Texten der Asta-Zeitung der Goethe-Uni Frankfurt mit Sexisten gleichgestellt sieht, streitet sich ein „Pick-up Artist“ mit dem Asta vor dem Oberlandesgericht.

Nicht nur der Vorsitzende Richter hat am Donnerstag ein Déjà-vu. „Sie waren vor ein paar Jahren schon einmal hier“, sagt er zu den Männern, die vor ihm sitzen, „ich erinnere mich“. Hinter seiner Maske schmunzelt er ein wenig, aber der junge Mann, der neben seinem Anwalt Platz genommen hat, hat wenig zu lachen. Seit 2015 geht der Rechtsstreit, der die Parteien nun zum dritten Mal vor das Oberlandesgericht führt. Jahre, in denen keiner lockerließ, weil es für die einen um die freie Berichterstattung und den anderen um sein Persönlichkeitsrecht geht. Es sind große Themen, die sich im Sommer 2015 in einem kleinen Kosmos abspielten.

Damals veröffentlichte die Asta-Zeitung der Goethe-Uni zwei Texte über „Pick-up Artists“. So werden überwiegend Männer bezeichnet, die es sich zur Aufgabe machen, möglichst viele Frauen aufzureißen und dabei mehrstufigen Plänen und vorgefertigten Verhaltensmustern folgen.

Auch der junge Mann kam in den Texten vor, mit seinem Vornamen und einmal auch mit dem ersten Buchstaben des Nachnamens und der Agentur, bei der er damals als eine Art „Flirt-Coach“ arbeitete. Die Autorinnen bezeichneten die Methoden der „Pick-up Artists“ als frauenfeindlich und die Männer als Vertreter eines reaktionären und sexistischen Gesellschaftsverständnisses, die teilweise sogar Gewalt anwendeten. Der junge Mann fühlte sich dadurch in eine Linie mit Sexisten und Vergewaltigern gestellt, wie er sagte. Er berichtete, dass er bedroht worden sei, weil er durch die Texte identifizierbar gemacht worden sei.

„Ich würde mich heute nie wieder für so etwas zur Verfügung stellen“

Also ging die Sache vor Gericht. Zweimal lief der Streit durch zwei Instanzen, erst mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Asta-Zeitung, dann ins Hauptsacheverfahren. Der zweite Durchgang endete damit, dass das OLG entschied, der Asta sei nicht die richtige Beklagte, da er gar nicht parteifähig sei. Alles begann von vorne. Eines der Hauptargumente des Asta ist, dass der Mann in einem Video für ein ARD-Format als „Pick-up Artist“ aufgetreten war und demonstriert hatte, wie er auf der Zeil Frauen anspricht. Der Beitrag ist seit Ende 2017 nicht mehr abrufbar. Der Mann sagt, er sei schockiert gewesen, als er sah, wie er dargestellt wurde. „Ich würde mich heute nie wieder für so etwas zur Verfügung stellen“, sagt er am Donnerstag, und dass es ihm leidtue, wenn er jemanden verletzt habe. Die Texte in der Asta-Zeitung und alles, was folgte, habe er als Kampagne empfunden. „Warum gab es nie einen Dialog mit mir? Wir hätten offen darüber diskutieren können.“ Nun droht wieder Ärger, weil er in einem „antifeministischen Namensregister“ auftaucht, in dem er neben Beatrix von Storch und Birgit Kelle steht. Dass er nach so vielen Jahren endlich „einen Deckel auf die Sache machen“ kann, glaubt er deshalb nicht.

Eigentlich ist das auch der Wunsch der Gegenseite. Nur, dass sie sich ein anderes Ergebnis wünscht: Wer sich eigenständig mit einem solchen Beitrag in die Öffentlichkeit begebe und auf der Homepage der Agentur mit Foto präsentiere, mache sich schon selbst identifizierbar, lautet deren Argumentation.

Das OLG kündigt am Donnerstag an, dass es dies genauso sieht. Zum einen beschränkten sich die Texte auf die nebenberufliche Tätigkeit des Klägers, zum anderen habe ein öffentliches Interesse an der generellen Thematik bestanden. Er sei nicht aus einer anonymen Gruppe willkürlich herausgezogen worden, sondern habe aus eigenem Bestreben mit seiner Tätigkeit in der Öffentlichkeit gestanden, indem er sie in dem ARD-Beitrag demonstrierte. Der Beitrag sei zur Zeit der Berichterstattung noch abrufbar gewesen und die Thematik aufgrund anderer Presseberichte virulent geblieben, auch lokal. Auch auf der Homepage der Agentur sei der Kläger auffindbar gewesen. „Die Berichte waren ihm zumutbar.“ Das OLG verkündet seine endgültige Entscheidung Anfang Februar.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lang, Anna-Sophia
Anna-Sophia Lang
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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