Neues Museum in Frankfurt

Wie romantisch!

EIN KOMMENTAR Von Florian Balke
14.09.2021
, 20:07
Ausstellungsräume: Ein Blick in das neue Museum
„Jeder Mensch sollte Künstler sein“, schreibt Novalis 1798. In einer Welt von Influencern ist dieser Gedanke aktueller denn je. Neben dem Geburtshaus Goethes lässt sich das alles von nun an studieren.

Ein Abendessen bei Kerzenschein. Ein Spaziergang. Ein Stelldichein zu zweit. Oder, in Zeiten der Polyamorie, auch in größerer Besetzung. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie selbstverständlich Romantik als Teil des Lebensalltags empfunden wird. Vieles darf sich heute romantisch nennen, jeder darf sich romantisch fühlen. Und hofft darauf, es so oft wie möglich zu tun. Ob auf dem italienischen Ferienhausbalkon beim Blick in die Abenddämmerung mit einem Aperol Spritz in der Hand, dessen Farben mit denen der untergehenden Sonne wetteifern, oder beim Anblick der Person, mit der man hofft, den Rest des Lebens verbringen zu dürfen.

Das geht in Ordnung. Schließlich hing um 1800 bei der Suche nach dem richtigen Wort für das Neue im Denken der damaligen Zeit ebenfalls alles mit drin, vom Roman bis zur Romanze, von der Kunst bis zur Liebe. Was seinerzeit von immer mehr Dichtern, Schriftstellern, Malern, Musikern und Philosophen Romantik genannt wurde, hallt bis in die Gegenwart nach. Wenn man im Herbst 2021 beim Spaziergang sinnend in Richtung Mond blickt, sich darüber freut, wie malerisch er über den Feldern steht und die Bäume des Waldes versilbert, ist man mitten drin in den Gemälden Caspar David Friedrichs und den Versen Joseph von Eichendorffs. Sowie im Gedankengebäude einer geistigen Bewegung, die ganz Europa erfasste und der in Frankfurt nun ein eigenes Haus gewidmet ist. Am Montagabend wurde die Eröffnung des von der Stadt, dem Land Hessen und der Bundesregierung getragenen Deutschen Romantikmuseums mit einem Festakt gefeiert, seit Dienstagvormittag steht es Besuchern offen.

„Jeder Mensch sollte Künstler sein“, schreibt Novalis 1798: „Alles kann zur schönen Kunst werden.“ In einer Welt von Influencern und der von ihnen erzeugten Bilder ist dieser Gedanke aktueller denn je. Neben dem Geburtshaus Goethes, dessen Leben Entstehung, Blüte und Nachhall der Romantik umfasst, lässt sich das alles von nun an studieren. Beim Blick auf eines von Friedrichs liebenswürdigsten Gemälden zum Beispiel, den „Abendstern“, oder sein Gegenstück, eine Ikone der Romantik, Füsslis „Nachtmahr“, gezeigt in der eisblauen Horrorfassung. Das Überwältigende und Zerlegende der Bewegung spielt das Museum in Bau und Einrichtung durch. Am Ende der „Himmelsleiter“ ahmt eine Musikmaschine den Gesang der Nachtigall nach, wie die Automaten bei E. T. A. Hoffmann, dem 2022 die erste Sonderausstellung gewidmet sein wird. Anderswo zeigt eine Installation die Lichtbrechung nach Newton und Goethe. Ein Haus zum Mitdenken und Nachempfinden. Sehr romantisch.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot