Folgen des Distanzunterrichts

Schüler erleiden Wissensverlust wie in den Sommerferien

Von Sascha Zoske
21.06.2021
, 14:40
Frankfurter Psychologen haben Studien ausgewertet, die sich mit den Folgen der Schulschließungen im Frühjahr 2020 befassten. Die Ergebnisse sind beunruhigend. Zwei Gruppen haben besonders gelitten.

Die Schulschließungen im Frühjahr 2020 haben bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu ähnlichen Kompetenzverlusten geführt, wie sie durch den Unterrichtsausfall während der Sommerferien entstehen. Zu diesem Schluss sind Psychologen der Goethe-Universität gekommen. Das Team um Andreas Frey hat elf Studien ausgewertet, die nach Ansicht der Forscher die Lernerfolge der teilnehmenden Schüler auf wissenschaftlich hochwertige Art erfasst haben. Untersucht worden waren dabei unter anderem die Fähigkeiten in Mathematik, Lesen, Geschichte, Sozialwissenschaften und Französisch als Fremdsprache. Die Studien stammen aus Deutschland, China, Australien, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und den Vereinigten Staaten.

Nach Worten von Frey zeigte sich, dass die Lernfortschritte während des Homeschoolings deutlich geringer ausfielen als im Präsenzunterricht. Der durchschnittliche Effekt sei eine „Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen“ gewesen, die in etwa dem Effekt der Sommerferien entspreche. Besonders groß waren die Rückschritte bei jüngeren Kindern und Schülern aus sozial benachteiligten Elternhäusern. „Hiermit sind die bisherigen Vermutungen durch empirische Evidenz belegt: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet“, äußerte Frey.

Situation könnte sich im Winter verbessert haben

Es gebe allerdings erste Anhaltspunkte dafür, dass die Schulschließungen im vergangenen Winter weniger negative Folgen gehabt hätten als jene im Frühjahr 2020. Inzwischen habe sich der Online-Unterricht vielerorts verbessert, meint der Professor für Pädagogische Psychologie. Die Studie ist auf einem Preprint-Server abrufbar. Dort werden Forschungsarbeiten veröffentlicht, die noch nicht von Fachkollegen begutachtet wurden.

Die Linke im Hessischen Landtag sieht in den Ergebnissen der Frankfurter Studie auch ein Resultat der „Planlosigkeit“ und des Abschiebens von Aufgaben auf sowieso schon überlastete Lehrkräfte und Schulleitungen, wie es zu Beginn der Pandemie zu beobachten gewesen sei. Das lasse sich zum Teil mit der geringen Vorbereitungszeit erklären. Allerdings habe Kultusminister Alexander Lorz (CDU) es auch nach einem Jahr Pandemie noch immer nicht geschafft, ein Konzept für den Distanzunterricht vorzulegen. Ideen hierfür zu entwickeln, bleibe bisher den Schulen und Eltern überlassen.

Link zur Publikation

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zoske, Sascha
Sascha Zoske
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot