Frankfurter Tafel

Schlangestehen für Suppe und Brötchen

14.11.2004
, 19:56
Jeden Freitag steht die "Suppentour" auf dem Plan. Im Büro der Frankfurter Tafel liegt der Dienstplan der vergangenen Woche auf dem Schreibtisch. Die Touren mit den fünf Lieferwagen müssen gut geplant ...

Jeden Freitag steht die "Suppentour" auf dem Plan. Im Büro der Frankfurter Tafel liegt der Dienstplan der vergangenen Woche auf dem Schreibtisch. Die Touren mit den fünf Lieferwagen müssen gut geplant sein, denn jeden Tag gilt es, bei Supermärkten Lebensmittel abzuholen, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft. Bäckereien bieten Brot und Brötchen, Kuchen und Stückchen vom Vortag an, und Hotels lassen die Reste des Frühstücksbuffets oder des Festbanketts abholen. Insgesamt 50 Sponsoren spenden der Tafel regelmäßig Lebensmittel. Bei 38 sozialen Einrichtungen gibt es für diese Spenden dankbare Abnehmer. Dieter Freitag und Edith Kleber, die beiden Vorsitzenden der Frankfurter Tafel, koordinieren die Einsätze der fast 70 ehrenamtlichen Helfer.

Günter Noll ist einer von ihnen und weiß jetzt schon, daß für ihn auch am nächsten Freitag wieder die "Suppentour" im Kalender stehen wird. Die Freitage hält sich der ehemalige Bankangestellte frei, der schon seit zwei Jahren bei der Frankfurter Tafel hilft. Morgens um neun beginnt er seine Tour, die ihm jede Woche Frankfurt von einer Seite zeigt, die er während seiner Berufstätigkeit kaum wahrgenommen hat: "45 Jahre bin ich im Bankhaus Tag für Tag mit Hemd, Krawatte und Jackett rumgelaufen, und nun sitze ich manchmal Seite an Seite mit einem Obdachlosen und trinke Kaffee mit ihm." Er lacht: "Das stört mich aber überhaupt nicht!" Mit Jeans und sportlicher Winter-jacke bekleidet, steuert er jetzt einmal in der Woche einen der kleinen Lieferwagen quer durch die Stadt.

Sein erstes Ziel an diesem Freitagmorgen sind zwei Supermärkte an der Eschenheimer Landstraße. Bevor Günter Noll sich heute um die Suppe kümmert, sammelt er dort noch Lebensmittel ein, die wenig später bei der Ausgabestelle der Weißfrauengemeinde an Bedürftige verteilt werden sollen. Doch die erste Ausbeute ist mager. Nur mit einem kleinen Karton unter dem Arm, gefüllt mit etwas Wurst und abgepacktem Fleisch, verläßt Noll durch die Hintertür den Supermarkt. Er ist enttäuscht: "Das ist wirklich eine Ausnahme. An manchen Tagen ist mein Transporter vollgepackt bis obenhin." Doch er räumt ein, daß die Spenden allgemein zurückgegangen seien. "Es ist nicht mehr soviel wie vor ein paar Jahren." Etwas erfolgreicher verläuft dagegen die zweite Fahrt: Mit Milch, Pudding, Käse, Gemüse, Obst und mit noch mehr Wurstaufschnitt im Laderaum steuert Günter Noll die Lebensmittelausgabestelle in der Weserstraße an. Seit 2002 organisiert die Frankfurter Tafel hier die Verteilung von Lebensmitteln.

Zu Beginn des Monats sei noch nicht viel los, sagt Noll, aber gegen Monatsende, wenn bei vielen das wenige Geld aufgebraucht sei, werde die Schlange merklich länger. Es ist Monatsmitte und der Andrang vor der noch verschlossenen Pforte dennoch beträchtlich. Die vielen Ziehwagen auf dem Bürgersteig fallen auf. Und ungefähr zwanzig bis dreißig Leute warten schon darauf, sie zu beladen. Um zwölf Uhr öffnet die Ausgabestelle. "Viele stehen hier schon seit kurz vor neun", sagt Charlotte Schnabel, die über Croissants, Bananen und Salat wacht und mit fünf weiteren Tafel-Mitgliedern die Ausgabe organisiert. Viel Dank dürfe man für diese Arbeit allerdings nicht erwarten, meint sie. Manchmal sei das Gewünschte nicht vorhanden oder Leute müßten abgewiesen werden, weil sie keinen Frankfurt-Paß haben, der sie als bedürftig ausweist. "Da bekommt man schon einiges zu hören."

Während Charlotte Schnabel an der Ausgabestelle gleich die Pforten öffnet, beginnt für Günter Noll die eigentliche Suppentour. Die großen Thermobehälter im Laderaum des Transporters sollen an diesem Freitag in der Küche des "Holiday Inn" in Sachsenhausen gefüllt werden - jedoch nicht mit Resten. Vier Frankfurter Hotels kochen auf eigene Kosten reihum einmal im Monat eine Extraportion für die Tafel. Heute warten 60 Liter Linseneintopf auf Günter Noll, der mit Hilfe eines kleinen Wagens die wärmeisolierten Behälter durch den Liefereingang in den Seitentrakt des Hochhauses manövriert. Im zweiten Stock öffnen sich die Aufzugstüren direkt in die Großküche des Hotels. Die Mitarbeiter begrüßen den ehrenamtlichen Helfer schon und machen sich gleich daran, die dampfende Suppe aus dem riesigen Kessel in die Thermoboxen umzufüllen. Heute gibt es außerdem eine Gratisladung Kirschjoghurt dazu. Einige Dutzend Paletten räumt Günter Noll in den Lieferwagen neben die "heiße Ware" ein.

Vom schicken Sachsenhäuser Hotel geht es ins Bahnhofsviertel. Eine Bleibe ganz anderer Art finden hier Drogenabhängige im "La Strada" - Tagesruheplätze, Übernachtungsmöglichkeiten und Druckräume. Kaum daß der Suppenbehälter in der Küche ist, stehen schon die ersten Hungrigen an der Theke. "Zwanzig Cent die Suppe, zehn Cent für einen Joghurt", bestimmt Kathrin Eggebrecht kurzerhand. Seit 1996 arbeitet sie im "La Strada". Mit diesen Preisen werde kein Profit gemacht, erklärt sie. Aber auf diese Weise achteten die Abhängigen stärker den Wert einer Mahlzeit.

Wie wertvoll ein warmes Essen sein kann, ist den Gäste des "Cafe Hinterhof" nebenan in der Niddastraße wohl bewußt. Das alkohol- und drogenfreie Cafe bietet täglich eine preiswerte warme Mahlzeit. Darüber hinaus dient es als Treffpunkt zum Reden, Kaffeetrinken, Lesen oder auch Spielen. Mitten in dem gut besuchten Cafe sind zwei ältere Herren in eine Schachpartie vertieft, während am Nebentisch ein kleiner Junge Bauklötze auftürmt. Yannick ist mit seinen zwei Jahren heute der jüngste Gast. Regelmäßig sei er mit seinen Eltern hier, sagt die Leiterin des Cafes, Inge Flader. "Im Durchschnitt kommen täglich bis zu 110 Gäste in unser Cafe", berichtet sie. Daß die Zahl der Bedürftigen seit Ende der neunziger Jahre deutlich gestiegen sei, merke man hier deutlich. Natürlich sei sie für die Hilfe der Frankfurter Tafel sehr dankbar: "Aber verglichen mit dem großen Bedarf ist das, was die Tafel leisten kann, nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Dieser Gedanke drängt sich auch im kleinen Containerdorf im Ostpark auf, das Obdachlosen eine Schlafstätte, Wasch- und Kochmöglichkeiten bietet. Bis zu zweihundert Menschen können hier für einige Wochen eine Zuflucht finden. Gün-ter Noll liefert den Rest des Linseneintopfs ab, knapp 30 Liter sind noch übrig. Eine ältere Frau, die sich aus dem Fenster eines Containers lehnt, lächelt. Sie lobt das Essen, das die Frankfurter Tafel liefert. Beinahe unmerklich kommt eine kleine Gruppe zusammen, die Günter Noll in die beiden Containerküchen folgt, wo er die letzten beiden Behälter abstellt.

Gegen halb zwei fährt der leere Transporter wieder auf den Hof des Hauses Hanauer Landstraße 208, wo die Frankfurter Tafel ihr Büro hat. Knapp 70 Kilometer hat Günter Noll mit dem Lieferwagen heute zurückgelegt. Edith Kleber nimmt die Autoschlüssel entgegen und seufzt: "Wissen Sie, was es für uns bedeuten würde, wenn jemand die monatlichen Spritkosten sponsern würde? Wir hätten 1300 Euro mehr zur Verfügung." Auch wenn die Frankfurter Tafel nichts für ihre Büroräume zahlen muß und die Lieferwagen gespendet worden sind, belasten die laufenden Kosten für Heizung, Strom und Benzin die Kasse.

Die 10000 Euro, die der Verein am Dienstag zusammen mit der Walter-Möller-Plakette als Ehrung für seine Arbeit von der Stadt erhält, kommen der Frankfurter Tafel sehr zupaß. Schließlich bedeutet dies, daß zumindest die Benzinkosten für die nächsten sieben Monate gesichert sind. Auch eine zusätzliche Kühleinrichtung für einen Lieferwagen ließe sich mit diesem Geld finanzieren.

Sachleistungen erreichen den Verein regelmäßig. Auch freiwillige Helfer gibt es genug, vor allem zur Weihnachtszeit, wenn die Frankfurter Tafel gespendetes Spielzeug für Kinder verpackt und am Nikolaustag verteilt. Am Geld jedoch mangele es ständig, klagt Edith Kleber: "Dabei helfen wir aber das ganze Jahr und nicht nur zur Weihnachtszeit." CONSTANZE FRÖHLICH

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