Qualvoller Tod

Machtlos gegen die Kaninchen-Seuche

Von Daniel Meuren
18.09.2021
, 09:59
Seit Jahren bevölkern Kaninchen in großer Zahl die Grünanlagen Frankfurts.
Nicht nur in den Grünanlagen von Frankfurt vegetieren Kaninchen ihrem Ende entgegen. Schuld ist die in den Fünfzigerjahren eingeführte Krankheit Myxomatose. Haustiere schützt eine Impfung.
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Der Anblick ist mitleiderregend. Verklebte Augen, Schwellungen und Entzündungen im Gesicht. Passanten in den Frankfurter Grünanlagen müssen in diesen Tagen und Wochen ein Dahinvegetieren beobachten. Die Kaninchenpest rafft derzeit den Bestand an wild lebenden Tieren der Gattung dahin, und es gibt keine Möglichkeit, dem Leiden Einhalt zu gebieten. Myxomatose heißt der Fachbegriff für die gemeinhin als Kaninchenpest bezeichnete Krankheit. Die Tiere wirken desorientiert oder apathisch auf ihrem Weg zum Verenden.

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Nach einer Inkubationszeit von drei bis neun Tagen treten die Symptome auf. Das betroffene Kaninchen zeigt Fressunlust und trinkt wenig. Bei akutem Verlauf der Krankheit treten Schwellungen und Entzündungen an Augenlidern, Mund, Ohren, Lippen und Genitalien auf. Nach einer Leidenszeit von zehn bis 14 Tagen endet die Krankheit sehr häufig mit dem Tod des Tieres. Auch aus mehreren Gebieten etwa in Süddeutschland sind solche Fälle jüngst bekannt geworden.

Feldhasen bleiben verschont

Die Myxomatose ist eine jährlich wiederkehrende Viruserkrankung, die fast ausschließlich unter Haus- und Wildkaninchen auftritt, Feldhasen bleiben von dieser Seuche weitgehend verschont. In diesem Jahr ist sie dem Anschein nach deutlich gravierender als in den vergangenen Jahren, die Stadt stellt jedenfalls deutlich mehr Anrufe besorgter Menschen fest, die das Leiden der Tiere melden. „Die Krankheit wird vor allem durch Stechmücken übertragen“, sagt Christina Geiger, Veterinärmedizinerin im Frankfurter Zoo.

Flöhe und direkter Kontakt unter den Tieren trügen auch zur Ausbreitung bei, spielten aber eine untergeordnete Rolle. „Dieses Jahr mit einem feuchten Frühjahr und vor allem Frühsommer und auch einem ebenfalls feuchten Herbst mit dem für uns alle fühlbaren Insektenreichtum ist prädestiniert, dass sich das Virus entsprechend verstärkt ausbreitet.“

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Bei dem Myxomatose-Erreger handele es sich um eine Unterart der Pockenviren, die aus Südamerika stamme. Sie wurde nach Worten der Tierärztin in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gezielt eingeführt, um die Kaninchen in Europa zu dezimieren, sei dann aber außer Kontrolle geraten und greife jährlich den Bestand in unterschiedlicher Härte an.

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Anders als die seit jeher an das Virus gewohnten Artgenossen in Südamerika trifft die Krankheit die Tiere in Frankfurt und dem restlichen Europa stärker, der Verlauf ist schwerer. In extremen Jahren, in denen hoher Populationsdruck noch zusätzlich zur Ausbreitung der Krankheit beiträgt, infiziere sich quasi der gesamte Bestand. Schätzungsweise 40 bis 60 Prozent der erkrankten Tiere verenden.

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Genauso sehr wie die Kaninchen in freier Wildbahn sind auch Haustiere oder Stallhasen gefährdet. Werden sie vom Virus befallen, sind sie ebenfalls kaum zu heilen. Allerdings haben die Hauskaninchen wie auch die Zuchtexemplare in den Vereinen den Vorteil, dass ihre Besitzer Möglichkeiten haben, die Tiere zu schützen. Zum einen können sie gerade in diesen Wochen darauf achten, dass ihre Kaninchen nicht in direkten Kontakt mit wild lebenden Artgenossen kommen.

Sie können zudem die Käfige der Tiere mit Mückenschutz versehen. Vor allem aber gibt es die Möglichkeit einer Impfung, die weitgehend vor einem schweren Verlauf der Krankheit schützt. Zoo-Tierärztin Geiger hat beispielsweise auch ihre beiden eigenen Kaninchen immunisiert, wie sie sagt. Die Impfung wirke sechs Monate, müsse also halbjährlich aufgefrischt werden. Den meisten Kaninchenbesitzern ist es das wert, die Impfung gilt als sehr verbreitet und gehört zur Haltung der Tiere fast durchweg dazu.

Impfung für Wildtiere nicht möglich

Für Tiere in freier Wildbahn ist eine solche Hilfe nicht möglich, wie das Ordnungsamt mitteilt. Mit Blick auf die Wildkaninchenpopulation in Frankfurt sei eine Impfung ein nicht durchführbares Unterfangen. Lediglich jene Tiere, die sich von der Krankheit erholen, sind in den folgenden Jahren dank ihres Immunsystems gegen eine abermals schwere Erkrankung gewappnet, was den sprunghaften Anstieg oder auch Rückgang der Todeszahlen von Jahr zu Jahr erklärt. Junge Tiere sind dann freilich besonders anfällig.

Da es sich bei der Myxomatose nicht um eine anzeige- oder meldepflichtige Tierseuche im Sinne des Tiergesundheitsgesetzes handele, werden keine Zählungen vorgenommen, seriöse Schätzungen zur Zahl der verendeten Tiere beispielsweise im Stadtgebiet wie überhaupt zur Kaninchenpopulation gebe es deshalb nicht, teilt das Ordnungsamt mit. „Erkenntnisse über die Wildkaninchenpopulation in Frankfurt liegen uns nicht vor, nicht mal im Ansatz.“

Der Stadt bleibt nur übrig, Meldungen zu verendeten Wildkaninchen im öffentlichen Raum über den Entsorgungsbetrieb FES entgegenzunehmen. Die Mitarbeiter am Servicetelefon mit der Rufnummer 0800/20080070 leiten Hinweise auf Kadaver weiter, können sich aber nicht um lebende Tiere kümmern, wie ein Sprecher des Ordnungsamtes betont.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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