Auf den Spuren der Schienen

Fünf Orte der Frankfurter Eisenbahngeschichte

Von Manfred Köhler
16.01.2022
, 09:03
Frankfurt ist auf vielen Gleisen mit der Eisenbahngeschichte verbunden. Seit fast 200 Jahren verkehren Züge am Main. Wer sucht, findet viele Erinnerungen an die Geschichte der Eisenbahn in der Stadt.
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Die Eisenbahn ist früh in Frankfurt entstanden, doch andere waren schneller. 1835 fuhr erstmals in Deutschland ein Zug, zwischen Nürnberg und Fürth. Erst vier Jahre später, am 26. September 1839, machte sich von Frankfurt aus eine Eisenbahn auf den Weg, und sie fuhr gerade einmal bis Höchst. Zwei Monate später wurde die Strecke immerhin bis Hattersheim verlängert, im Jahr darauf bis Wiesbaden.

Die Begeisterung für das neumodische Projekt hatte sich in Grenzen gehalten. „Nur Proleten könnten sich in solchen Kästen zusammenpferchen lassen“, hatte Herzog Wilhelm von Nassau geurteilt, durch dessen Gebiet die Strecke zu einem guten Teil führte. Der Betrieb begann bescheiden mit zwei Lokomotiven und einigen offenen Personenwagen, gerade viermal am Tag brach ein Zug von Frankfurt nach Wiesbaden auf und kehrte von dort aus zurück.

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Als nach und nach weitere Eisenbahnstrecken in Deutschland entstanden, zeigte sich, dass Frankfurt mittendrin lag in diesem immer größer werdenden Schienennetz. Seinen sichtbarsten Ausdruck fand dies im 1888 eröffneten Hauptbahnhof, einem Gebäude, das wie nur wenige in der Stadt allen Zeitläuften getrotzt hat und nun schon 133 Jahre seinem Zweck dient, vergleichsweise wenig verändert und mit besten Aussichten, auch in den nächsten Jahrzehnten im Kern erhalten zu bleiben und die vertrauten Aufgaben zu erfüllen.

Zentralstellwerk wird nicht abgerissen

Wer mithin nach Spuren der Eisenbahngeschichte in Frankfurt sucht, wird um einen Besuch des Hauptbahnhofs nicht umhinkommen. Der Bau zeugt noch heute vom Selbstbewusstsein der Eisenbahner im Kaiserreich, prunkvoll die Fassade, hoch aufragend die Bahnhofshalle. Der Baedecker schwärmte 1902, der Hauptbahnhof zähle „zu den großartigsten derartigen Anlagen, an Zweckmäßigkeit der Einrichtung hat er kaum seines gleichen“.

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Im Gleisvorfeld steht noch ein weiterer Zeitzeuge der Eisenbahngeschichte Frankfurts, das 1957 errichtete Zentralstellwerk, damals das größte und modernste der Bundesbahn. Es wird nicht abgerissen, auch wenn es längst nicht mehr benötigt wird.

Nichts geblieben ist hingegen in der Stadtmitte von der frühen Eisenbahngeschichte, als Frankfurt noch keinen Hauptbahnhof, wohl aber drei kleinere Kopfbahnhöfe an der Gallusanlage aufwies, von denen die Züge in unterschiedliche Richtungen aufbrachen. Durch den Bau des Hauptbahnhofs zog sich die Eisenbahn gleichsam ein Stück zurück, 600 Meter ungefähr. Auf dem freigeräumten Gelände entstand das Bahnhofsviertel. Nur die Krümmung des Bahnhofsvorplatzes an der Ostseite ist eine ferne Erinnerung an die frühe Eisenbahnzeit, sie folgt den Verbindungsgleisen zwischen den Strecken zu den früheren Stationen näher an der Stadt.

Der weitgezogene Bogen zeigt zugleich, wie sehr die frühen Entscheidungen über die Trassierung der Eisenbahnstrecken die gesamte städtische Topographie Frankfurts bis heute prägen. Wie sähe die Metropole aus, hätte man sich im 19. Jahrhundert nicht aus Kostengründen für einen Kopf-, sondern für einen teureren Durchgangsbahnhof entschieden? Es wäre eine andere Stadt.

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Auf den Spuren der Eisenbahngeschichte

Wer nach der ganz frühen Eisenbahngeschichte sucht, muss sich aber auf den Weg nach Nied machen. Dort steht noch eine der Brücken, die 1839 für die erste Eisenbahnstrecke, jene Richtung Hattersheim und Wiesbaden, errichtet worden waren. Über die zweitälteste Eisenbahnbrücke Deutschlands fahren bis heute Tag für Tag Züge, und weil sie erst 2017 denkmalgerecht saniert worden war, wird das auch noch lange so sein.

Auf den Spuren der Eisenbahngeschichte ist natürlich auch, wer sich mit der Historischen Eisenbahn Frankfurt befasst, wie ein Verein von Liebhabern dieses Verkehrsmittels heißt, der vier Lokomotiven und eine Reihe von Reisezugwagen sein Eigen nennt. Star ist eine große Güterzugdampflok der Baureihe 52, die 1943 gebaut wurde und häufig in Frankfurt zu sehen ist.

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Die Züge der Historischen Eisenbahn fahren für das Publikum vornehmlich auf den Gleisen der Hafenbahn, zu der auch die Schienen im Grünstreifen am nördlichen Mainufer zählen, die wiederum auch ein Stück Eisenbahngeschichte sind, stellten sie doch in der frühen Zeit eine Verbindung zwischen den Bahnhöfen im Westen und dem Ostbahnhof her.

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Die historischen Lokomotiven und Waggons fahren auch an der Großmarkthalle vorbei, in und an der sich das schlimmste Kapitel der Frankfurter Eisenbahngeschichte abspielte: Von dort fuhren in den Jahren des Zweiten Weltkriegs die Züge, mit denen die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung nach und nach in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppten.

Ein reizvolles Kapitel der Eisenbahngeschichte wird schließlich im Feldbahnmuseum am Rebstock wachgehalten. Seit den siebziger Jahren sammeln Liebhaber die kleinen Lokomotiven und Waggons, mit denen früher vielerorts auf schmalen Gleisen einfache Transporte erledigt wurden und zum Teil noch werden, etwa in Mooren und Kiesgruben; vereinzelt sind Feldbahnen heute noch im Einsatz. Seit den achtziger Jahren wird die Fahrzeugsammlung der Eisenbahnfreunde nicht nur aufgearbeitet, gewartet und der Öffentlichkeit präsentiert, sondern auf einer reizenden Strecke durch eine nahe gelegene Kleingartenanlage und den angrenzenden Rebstockpark auch vorgeführt. Mehr als 60 Lokomotiven und an die 200 Wagen sind dort zu sehen. Eine Reise in die Vergangenheit eigener Art.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhler, Manfred
Manfred Köhler
Ressortleiter der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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