Georgisch-deutsche Pianistin

Klavierabend im Dunkeln beendet

Von Guido Holze
Aktualisiert am 27.05.2020
 - 14:09
Ausnahmetalent an den Tasten:  die Pianistin Catherine Gordeladze
Catherine Gordeladze lehrt an der Musikhochschule, wurde 2017 als „herausragende Persönlichkeit mit Migrationshintergrund“ geehrt und hat jetzt wenig bekannte Capriccios eingespielt.

Die Live-Konzerte fehlten ihr sehr, sagt Catherine Gordeladze. Die finanziellen Einbußen seien dabei nur ein Aspekt. Den Beruf, einen zentralen Lebensinhalt, aufzugeben, den Kontakt zum Publikum zu verlieren – das wiege fast schwerer. Etwas Gutes kann die seit vielen Jahren in Frankfurt lebende, hier an der Musikhochschule ausgebildete und inzwischen dort lehrende georgisch-deutsche Pianistin der Zwangspause durch die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie aber doch abgewinnen: Man habe Zeit zum Nachdenken gefunden, darüber, „was einem wichtig ist“. So hofft sie, dass die Zuhörer die Konzerte ebenso vermissen und dass man, nach der Krise, mit noch mehr Motivation und Freude wieder gemeinsam Musik erleben könne.

Eigentlich wollte Catherine Gordeladze vergangene Woche in der Musikhochschule ein Konzert zur Vorstellung ihrer neuen CD geben, doch dort bleibt der Betrieb nun noch bis mindestens 1. Juni eingeschränkt. Sechs weitere Konzerte ihrer geplanten Tournee, unter anderem in Dresden, Leipzig und Berlin, wurden abgesagt. Ein Ersatz wurde kurzerhand mit einer Übertragung des Programms als Video-Livestream aus dem Frankfurter Bechstein-Centrum am vergangenen Sonntag geschaffen. Unter dem Titel „Caprice Brillant“ hat die aus Tiflis stammende Pianistin auf ihrer inzwischen fünften CD wiederum einige Raritäten eingespielt, die sie selbst entdeckt hat: durchweg Capriccios, also Stücke in freier Form, die meist etwas launisch und in den Gedanken sprunghaft sind.

„Zickig“ als Beschreibung passend

„Je mehr schräge Einfälle in so einem Stück vorkommen, desto mehr verdient es den Namen ,Capriccio‘“, erläutert Gordeladze. So leite sich die Bezeichnung vermutlich vom italienischen Wort für Ziege, „capra“, her, weshalb die Umschreibung „zickig“ für manches Capriccio durchaus passend sei. In einer freien Bearbeitung von Leopold Godowsky hat Gordeladze so auch das Capriccio „Le Caquet“ des französischen Barockmeisters Jean-François Dandrieu eingespielt, in dem das Gackern eines Huhns imitiert wird.

Auf die Idee, einmal eine Auswahl von Capriccios vom Barock bis zur Moderne zusammenzustellen, kam Gordeladze, weil sie das brillante „Caprice Espagnol“ des deutschen Spätromantikers Moritz Moszkowski schon oft als Zugabe gespielt hat. Durch eigene Recherchen entdeckte sie für sich selbst 20 weitere interessante Capriccios, von denen sie letztlich neun einspielte, darunter eines von dem im Westen erst seit einigen Jahren bekannter gewordenen, 1937 geborenen Russen Nikolai Kapustin. Der Schott-Verlag stellte Gordeladze die anfangs noch ungedruckte Komposition, die auf eine für Kapustin charakteristische Weise Elemente aus Jazz und zeitgenössischer klassischer Musik mischt, zunächst als Manuskript zur Verfügung.

Gar nicht so negativ

Die Voraussetzungen zum Umgang mit solch spieltechnisch fordernder Musik hat Catherine Gordeladze schon von Kindheit an erworben. Ihre Eltern in Tiflis seien keine Musiker gewesen, aber hätten doch etwas Klavier gespielt und als Musikliebhaber einen Flügel und eine große Schallplattensammlung mit klassischer Musik gehabt. So wurden sie früh auf das Talent der Tochter aufmerksam, die dank ihres absoluten Gehörs vieles nachspielen und -singen konnte. So kam Catherine Gordeladze schon mit sechs Jahren in Tiflis auf eine spezielle Musikschule für Begabte und konzertierte ein Jahr später als Solistin mit dem dortigen Staatsorchester.

Am Konservatorium ihrer Heimatstadt studierte sie unter anderem bei dem Pianisten und Komponisten Nodar Gabunia, einem Schüler von Aram Chatschaturjan. Die Sowjetzeit erlebte sie im Hinblick auf das Musikleben, auf ihre Förderung und Ausbildung gar nicht so negativ. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Streben vieler Teilrepubliken nach Unabhängigkeit, durch den nachfolgenden Bürgerkrieg sowie den georgisch-abchasischen Krieg in den frühen neunziger Jahren machten sich aber Unsicherheit und Angst breit, wie Gordeladze schildert. Neben dem Haus ihrer Eltern sei etwa die Rundfunkanstalt okkupiert worden, und es hätten fortwährend Militärhubschrauber über dem Areal geschwebt. Fast das ganze öffentliche und kulturelle Leben sei zum Erliegen gekommen, ständig seien Strom und Heizung ausgefallen. Einmal habe sie ein Konzert im Dunkeln zu Ende gespielt.

Frankfurt hatten Catherine Gordeladze und ihre Mutter, die sie sehr förderte, schon durch einen Besuch bei Freunden kennengelernt. Da ihr die Stadt gut gefallen habe, habe sie sich entschieden, von 1997 an hier zu studieren. Deutsch konnte sie schon, da sie als Kind bei einer Nachbarin, „einer deutschen Dame, die mit einem russischen Cellisten verheiratet war“, die Sprache gelernt hatte. Sie erhielt ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung und studierte in Frankfurt bei Bernhard Wetz und Rainer Hoffmann sowie parallel in Weimar.

Ein Sieg beim Chopin-Wettbewerb in Darmstadt verhalf ihr zu größeren Engagements, nachdem sie zuvor schon viel in kleinerem Rahmen in Frankfurt und der Region konzertiert hatte. Nach dem Abschluss des Studiums erhielt sie 2004 selbst einen Lehrauftrag an der hiesigen Musikhochschule. Erst am Dornbusch und nun in Ginnheim wohnend, hat sie hier auch privat ihr Glück gefunden. An Frankfurter Schulen versucht sie im Zuge der bundesweiten, vom Pianisten-Kollegen Lars Vogt begründeten Initiative „Rhapsody in School“, Schüler aller Altersstufen mit Gesprächskonzerten an die klassische Musik heranzuführen. 2017 wurde Catherine Gordeladze von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in der vollbesetzten Paulskirche neben weiteren Preisträgern „als herausragende Persönlichkeit mit Migrationshintergrund“ ausgezeichnet.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Guido Holze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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