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Gespräch mit Lindner

„Mir sind gefühlige Politiker suspekt“

Von Anna-Lena Niemann
 - 13:23
Keine One-Man-Show: Christian Lindner (Mitte) mit den Moderatoren Matthias Alexander (links) und Werner D’Inka

Innerhalb von zwei Sekunden verändert sich ganz plötzlich die Stimmung im Raum. Den Zuschauern, die sich eine Stunde lang ziemlich gut unterhalten gefühlt, die Christian Lindner Applaus geschenkt und über seine Pointen gelacht haben, entfährt in diesem Moment ein Raunen. Nicht weil der FDP-Bundesvorsitzende etwas gesagt hätte, dem sie ihre Zustimmung verweigerten. Es wirkt eher so, als hätte er bei ihnen einen wunden Punkt getroffen. „Auch in Deutschland sind Gelbwesten erhältlich.“ Ein Satz und ein Szenario, das die Zuhörer auf mit schwarzen Satinhussen bezogenen Stühlen ehrlich zu erschrecken scheint: ein aufgebrachter Mob, der mit viel Wut auf die Eliten des Landes durch die Straßen zieht.

Sein Publikum, das sind an diesem Freitagmittag gut 100 Vertreter der hiesigen Finanz- und Immobilienwelt und anderer Institutionen. Sie sind der Einladung der German Estate Group (GEG) ins „Main Palais“ am Untermainkai gefolgt, wo sich Lindner den Fragen von F.A.Z.-Herausgebers Werner D’Inka und Ressortleiters Matthias Alexander stellt. Der Auftritt in Frankfurt ist beinahe ein Heimspiel: Bei den vergangenen Landtagswahlen hatte die FDP in mehreren Wahlkreisen des Rhein-Main-Gebietes immerhin zweistellige Wahlergebnisse geholt und damit deutlich mehr als die 7,5 Prozent, auf die es die Partei im hessischen Durchschnitt brachte. Für die anstehenden Europawahlen im Mai setzt der 40 Jahre alte Lindner eine ähnliche Marke, zehn Prozent seien das Ziel. Daran wird sich also Spitzenkandidatin Nicola Beer, eine Frankfurterin, messen lassen müssen.

Populisten von links und rechts

Dabei fürchten Beobachter bei diesen Europawahlen einen populistischen Rutsch. Und auf den bezieht sich Lindner mit seiner Gelbwesten-Warnung. Wer morgens seine Kinder „über Schlaglöcher und durch Funklöcher“ in eine Schule fahre, in der die Toiletten nicht funktionierten und die Noten abgeschafft worden seien, wer seit Jahren etwas leiste und arbeite, aber kein Eigenheim finanzieren könne und dann in der Nachrichtensendung höre, dass Robert Habeck kein Twitter mehr nutze, dem komme es zu Recht so vor, als nehme ihn die Politik nicht ernst.

Populisten von links und rechts versprächen darauf einfache Lösungen, „dummes Zeug“, wie Lindner es formuliert. Mit der Frage, ob denn nicht gerade auch die wirtschaftlichen Eliten des Landes, von den Chefetagen der Deutschen Bank bis zu Volkswagen, eine Mitschuld an dem erstarkenden Populismus tragen, kann der Parteichef, der seit 19 Jahren Berufspolitiker ist, hingegen wenig anfangen. Solche Missstände habe es immer gegeben.

Auf den angespannten Wohnungsmarkt in Großstädten wie Frankfurt angesprochen, spricht sich Lindner gegen ein „Phantom der Staatsgläubigkeit“ aus. Der Markt könne das selbst regulieren – wenn man ihn denn ließe. „Aber heute wird schneller gebaut als genehmigt“, sagt Lindner, und seine Zuschauer geben ihm applaudierend recht.

Edle Motive fern der Realität

Angesprochen auf sein bevorzugtes Thema, die Digitalisierung, meint Lindner, Monopole in der Digitalwirtschaft seien nicht per se skandalös, wenn auf den virtuellen Marktplätzen Wettbewerb möglich sei. Die Entscheidung des Bundeskartellamts, Facebook bei der Verarbeitung von Nutzerdaten einzuschränken, begrüße er aber. Die von der SPD vorgeschlagene Grundrente hält er für ein opportunistisches Projekt, das Ergebnis von politischer Marktforschung. Es sei am Reißbrett der Politikstrategen geplant und unterlaufe das Leistungsprinzip. Vom Vorhaben, Steuern zu senken, habe sich seine Partei nicht verabschiedet, versichert Lindner. Weniger volle Staatskassen als im Moment könnten eher helfen, die Effizienz staatlichen Handelns zu hinterfragen, findet der FDP-Vorsitzende.

So weit, so bekannt. Allerdings bemühte er sich, das Liberale weiter zu fassen und auf gesellschaftspolitische Themen auszudehnen. In bewusster Abgrenzung zu CDU-Politikern wie Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer verwies er beispielhaft auf die Abschaffung des derzeit umstrittenen Werbeverbots für Abtreibungen oder das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare, für die sich seine Partei einsetze. Forderungen, die die FDP durchaus mit den Grünen teilt, an deren Erfolg Partei und Vorsitzender seit einigen Monaten immer wieder gemessen werden.

Von den Grünen lernen, das wolle er nicht, sagte der Parteivorsitzende. „Die Grünen sind eine Partei, die edle Motive wichtiger nimmt als real zu beobachtende Ergebnisse.“ Sie wolle die Leute erziehen und präge öffentliche Debatten bis in die Gerichtssäle hinein, sagt er mit Verweis auf die Diskussion um Diesel-Fahrverbote. Und auch mit dem politischen Stil der Parteivorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock könne er wenig anfangen. Auf die Frage, ob nicht auch gerade junge Menschen diese von den Grünen verkörperte emotionale Komponente von Politik erreiche, antwortet Lindner: „Mir sind gefühlige Politiker suspekt.“

Widersprüchliche Aussage

Dabei ist diese Aussage durchaus widersprüchlich. Zu Beginn der Diskussion, gefragt nach dem Milieu seiner Wähler, hatte er geantwortet, er wolle „Menschen mit einem bestimmten, persönlichen Lebensgefühl“ ansprechen. Die FDP stehe für Menschen mit „Unternehmer-Gen“, die selbstbestimmt seien, Verantwortung übernähmen und sich über die Ergebnisse der eigenen Schaffenskraft freuten. Die Anwesenden, unter denen Männer in gediegenen Anzügen dominieren, nicken freudig. Zumindest ihr Lebensgefühl hat der angeblich emotionsskeptische Lindner mit Schlagfertigkeit und seinen rhetorischen Fähigkeiten offenbar getroffen.

Wie er den Eindruck beurteile, dass die FDP mit ihm an der Spitze immer noch eine One-Man-Show sei, fragen die Moderatoren. Lindner gibt zu, dass die Partei sich politisch und personell erweitern müsse. Zum einen, um Wählergruppen anzusprechen, bei denen sie noch Nachholbedarf habe, wie junge Menschen und Frauen. Zum anderen auch, um Lindners ganz persönlichen Terminkalender zu entlasten. Er betont, die Partei habe viele starke Persönlichkeiten in ihren Reihen, die es nun bekannt zu machen gelte. Einen konkreten Namen nennt er selbst allerdings nicht. Dann ergänzt er noch, mit ironischem Unterton, aber durchaus selbstbewusst: „Aber ich bin auch froh, dass die FDP mich hat.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Volontärin.
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