Gräber würdig gestalten

Erinnerung an „Euthanasie“-Opfer

Von Tobias Rösmann
06.10.2020
, 06:02
Die Rathauskoalition in Frankfurt will die Gräber von etwa 1500 Frankfurter „Euthanasie“-Opfern kenntlich machen. Ein öffentliches Verzeichnis soll Besuche von Angehörigen und Nachfahren ermöglichen.

Die Frankfurter Römerkoalition möchte die Erinnerung an die schätzungsweise 1500 Opfer der NS-„Euthanasie“ bewahren, deren Gräber kenntlich machen und diese würdig gestalten. Die drei Fraktionen CDU, SPD und Grüne bitten daher den Magistrat, in einem ersten Schritt eine Datenbank für die Ermordeten zu erstellen und öffentlich zugänglich zu machen. So könnten alle Opfer erfasst werden. Ferner soll es ein ebenfalls öffentliches Kataster der Grabanlagen an den verschiedenen Bestattungsorten geben, um vor allem Angehörigen und Nachfahren die Möglichkeit zu geben, die Gräber zu besuchen, wie es in einem gemeinsamen Antrag der drei Fraktionen heißt. Die Initiative dazu ging von den Grünen aus. Ihm haben mittlerweile alle Fraktionen im Rathaus zugestimmt.

Darüber hinaus will die Koalition die Gräber kenntlich machen. „Es wird höchste Zeit, dass die Opfer der NS-,Euthanasie‘ und deren Martyrium sichtbar werden und auch diese Gräber als Gedenkorte für die Nachwelt zugänglich werden“, sagt Sylvia Momsen, Kulturpolitikerin der Grünen-Fraktion im Rathaus. Nach dem Gräbergesetz von 1965 können die Gräber dieser Opfergruppe ein ewiges Ruherecht erhalten. Das heißt, diese Gräber müssen dauerhaft bestehen bleiben; die Pflicht zum Erhalt gilt laut Gesetz auch für Eigentümer eines Privatgrundstücks, in dessen Erde Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ruhen. Zum Ruherecht gehört auch, dass die Namen der Toten, ihre Geburts- und Todesdaten sowie der Sterbeort korrekt genannt würden, wie Momsen sagt. Vor allem der Sterbeort sei wichtig: Er mache den historischen Kontext der Todesumstände deutlich.

Mehr als 10.000 Menschen ermordet

Im „Dritten Reich“ ermordeten die Nationalsozialisten systematisch Menschen, die sie als „lebensunwert“ stigmatisiert hatten. Dazu zählten sie Menschen mit körperlichen und seelischen Behinderungen ebenso wie psychisch Kranke, sozial „unangepasste“ und „nicht arbeitsfähige“ Menschen. Das Mordprogramm wurde als „Aktion T4“ bekannt, verklausuliert nach einer NS-Dienststelle in Berlin mit der Adresse Tiergartenstraße 4. Grundlage der Taten war die rassenbiologische Weltanschauung der Nationalsozialisten.

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Auch in Hessen wurden an mehreren Orten Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen getötet. Außer in Hadamar, wo es eine Gaskammer gab, wurden bis 1945 in sogenannten Zwischenanstalten wie Eichberg in Eltville, Kalmenhof in Idstein, Weilmünster bei Weilburg und Scheuern in Nassau mehr als 10.000 Menschen umgebracht. Ermordet wurden sie durch überdosierte Medikamente, Vernachlässigung und gezielte Unterernährung. Viele Leichname wurde ohne Sarg und ohne Grabstein in der unmittelbaren Umgebung der Anstalten vergraben.

Die geplante neue Datenbank soll sich nach Ansicht von Thomas Dürbeck, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, an der beim Jüdischen Museum hinterlegten Datenbank für die jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter orientieren. Einbezogen werden könnten erste Forschungsarbeiten am Fritz-Bauer-Institut. Die Grünen-Stadtverordnete Momsen regt an, die Biographien der Opfer zu erforschen – auch wenn das gegebenenfalls nur noch teilweise gelinge. SPD-Kulturpolitiker Eugen Emmerling schlägt eine enge Zusammenarbeit mit dem Land Hessen und dem Bund vor, der bei einer entsprechenden Kennzeichnung der Gräber Pflege und Instandhaltung übernimmt. Auch der Landeswohlfahrtsverband als Rechtsnachfolger der Vernichtungs- und Bestattungsorte sei einzubeziehen.

Quelle: F.A.Z.
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