Hotline und Website überlastet

Ein Impftermin nach sieben Stunden in der Warteschleife

Von Thorsten Winter
12.01.2021
, 14:59
Das RKI meldet für Hessen weniger neue positive Corona-Tests und weniger weitere Todesfälle als vor einer Woche. Wer einen Impftermin für betagte Menschen ausmachen will, braucht am ersten Tag der Kampagne viel Geduld.

Der Anmeldestart für Corona-Impfungen in Hessen verläuft sowohl am Telefon als auch im Internet sehr holprig. Das Angebot richtet sich an Menschen über 80 Jahre. Wer sich einen Termin besorgen will, muss viel Geduld mitbringen: Die Hotline und die Website für die Anmeldung sind überlastet. Der F.A.Z. sind mehrere Fälle bekannt, in denen Interessierte es stundenlang versuchten, teils vergeblich. In einem Fall hat sich eine Angehörige von Senioren von morgens um 8 Uhr an sich um zwei Termine bemüht und dann gegen 15 Uhr Glück gehabt hat. Andere erfuhren nach einer Reihe von Versuchen am Telefon, die Nachfrage übersteige das seit Freitag verfügbare Angebot von 49.000 Impfdosen bei weitem. Alleine 127.400 Pflegebedürftige leben nicht in Heimen. Erst am Nachmittag war die Internetseite wieder verfügbar.

Innenminister Peter Beuth (CDU) bat um Geduld. Es gehe um eine Gruppe von mehr als 400.000 Menschen, die nun alle einen Impftermin ausmachen könnten, sagte er dem Sender Hit Radio FFH. „Das kann natürlich kein Call-Center der Welt dann auch leisten, alle auf einmal in Empfang zu nehmen.“ Hessen habe seine Kapazitäten nach den Erfahrungen anderer Bundesländer erhöht. „Aber am Ende muss man schon sagen, man wird sicherlich ein bisschen Geduld brauchen“, sagte er laut dpa. Von diesem Dienstag an schreibt das Land zudem nicht in Heimen lebende Senioren über 80 Jahre wegen der anstehenden Impfung gegen Covid-19 an.

Gut 57.000 Hessen geimpft

Die Impftrupps haben in Hessen seit Montag gut 3000 weiteren Personen eine vorbeugende Spritze gegen das Coronavirus gegeben. Alles in allem sind es nun 57.425. Das geht aus aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts hervor. 9,1 von 1000 Hessinnen und Hessen sind demnach bisher geimpft, nach 8,6 zuvor. Einen höheren Anteil weisen unter den Flächenländern Schleswig-Holstein (13,2) und seit ;Montag auch Bayern (10,4) im Westen sowie Mecklenburg-Vorpommern als Tabellenführer (16,7) und Sachsen-Anhalt auf. Allerdings liegen auch Berlin und Bremen sowie das Saarland vor Hessen, Rheinland-Pfalz holt weiter auf und kommt auf 8,9. Das 0,6 über dem Durchschnitt im Bund.

Zweimal abwärts, einmal aufwärts: So stellen sich die aktuellen Corona-Daten aus dem Robert-Koch-Institut für Hessen dar. Wie die F.A.Z. von der Polizei erfahren hat, halten sich die Menschen in den von der neuen 15-Kilometer-Regel betroffenen Regionen in aller Regel an den eingeschränkten Aktionsradius. Dies soll die Kontakte beschränken und das Virus eindämmen helfen.

Das für die Seuchenbekämpfung federführend zuständige RKI meldet 524 neue positive Corona-Tests nach 641 vor einer Woche. Inwieweit dies auch am möglichen Meldeverzug seitens der weiter enorm mit Arbeit belasteten Gesundheitsämter liegt, auf den das RKI in den vergangenen Tagen stets hingewiesen hatte, ist unklar. Beide Zahlen liegen aber weit unter dem Tageshöchstwert von 3224 aus dem Dezember. Dazu hat das RKI 75 weitere Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet. Am vergangenen Dienstag waren es 104. Der Tageshöchstwert beträgt 134.

Aufwärts ist es binnen Wochenfrist dagegen mit der sogenannten Sieben-Tage-Inzidenz gegangen, das sind die binnen Wochenfrist eingelaufenen positiven Corona-Tests unter 100.000 Einwohnern. Hier steht nun ein Wert von 157,2 für Hessen zu Buche nach 131,1.

Hotspot ist weiter der Landkreis Fulda mit 333 vor dem Kreis Limburg-Weilburg mit 273 und dem Vogelsberg mit 264. Es folgen der Landkreis Gießen mit 237 und der Kreis Hersfeld-Rotenburg, der über Nacht die Schwelle von 200 überschritten hat und nun ebenfalls auf der schwarzen Warnstufe nach dem Eskalationskonzept des Landes liegt (siehe Grafik).

Menschen in Hessen über 80 Jahre können sich von diesem Dienstag an einen Impftermin sichern, sie sollen vom 19. Januar an die erste Spritze gegen das Coronavirus bekommen. „Nach wie vor ist eine hohe Anzahl an Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten. Das RKI schätzt die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland insgesamt als sehr hoch ein“, hebt das Institut weiter hervor.

In den Kreisen Gießen und Limburg-Weilburg müssen die Menschen fortan den beschränkten Aktionsradius von 15 Kilometern beachten. Denn in beiden Kreisen liegt die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz seit Tagen über der kritischen Marke 200. Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen sagte, haben die Ordnungshüter noch keine Verstöße gegen die 15-Kilometer-Regel festgestellt. Anders verhalte es sich mit Blick auf die Einhaltung der Ausgangssperre. Immer wieder verstießen Personen im Landkreis Gießen dagegen und müssten deshalb Bußgelder zahlen.

Im Landkreis Gießen haben Menschen in Gesprächen mit der F.A.Z. überwiegend Verständnis für die neue Vorgabe gezeigt, einige verwiesen aber darauf, in sehr ländlichen Gebieten sei die Bewegungsfreiheit zu stark eingeschränkt. Im Vogelsberg greift die 15-Kilometer-Regel zusätzlich zu den nächtlichen Ausgangssperren und den ganztägigen öffentlichen Alkoholverboten frühestens von Mittwoch an.

Auch der Landkreis Fulda führt die 15-Kilometer-Regel nach erstem Zögern ein: „Das Ziel dieser Allgemeinverfügung ist es nicht, alltägliche Lebensabläufe unserer Bürgerinnen und Bürger zu reglementieren“, erklärte der Landrat des Landkreises Fulda, Bernd Woide (CDU). Vielmehr solle verhindert werden, dass der Kreis zum Hotspot für überregionale touristische Aktivitäten werde. „Die Allgemeinverfügung ist dabei ein Aspekt, der entscheidende ist nach wie vor die Sperrung einer Vielzahl von Parkplätzen und Zufahrtsstraßen am Wochenende in der Rhön.“

Die 15-Kilometer-Regel gelte nicht nur für Bürger aus dem Landkreis, sondern „für alle Personen, die tagestouristische Ausflüge im oder in den Landkreis Fulda unternehmen“, hieß es in der Mitteilung. Um die Einhaltung zu überprüfen, werde es stichprobenartige Kontrollen geben. Gesundheitsdezernent Frederick Schmitt lässt zu den Ursachen der hohen Inzidenz wissen, „dass die überwiegende Zahl der Ansteckungen zumeist im privaten Umfeld beziehungsweise sehr häufig im selben Haushalt erfolgt ist“.

Hessen über 80 Jahre sollen vom 19. Januar an geimpft werden und können sich von diesem Dienstag an einen Termin sichern. Zudem verschickt das Land an Menschen über 60 Jahre bald Gutscheine für FFP2-Masken. In den Genuss kommen auch Jüngere mit chronischen Erkrankungen. Rund 168.800 der insgesamt 310.700 pflegebedürftigen Personen sind 80 Jahre oder älter. 127.400 Pflegebedürftige ab 80 Jahren lebten nicht in Pflegeeinrichtungen, wie das Statistische Landesamt mitteilte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.
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