Im Gespräch: Alfred Schmidt

„Genötigt, scharf zu denken“

14.09.2011
, 20:44
Freude am Reden: Alfred Schmidt.
Der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt ist 80, kann sich ein Leben ohne Arbeit aber noch immer nicht vorstellen. Ein Gespräch jenseits der strengen Fragen an die reine Wissenschaft. „Bei einigen stieß man doch auf Kulturwidriges. Nicht alles, was an den Pfosten rüttelt, ist auch schon fortschrittlich.“
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Herr Professor Schmidt, was raten Sie einem jungen Menschen, der sich mit dem Gedanken trägt, Philosophie zu studieren?

Er sollte wissen, dass Philosophie ein Lebensrisiko ist. Deshalb würde ich den jungen Menschen fragen, ob er ein materielles Polster hat. Denn von Philosophie kann man ja in der Regel nur an Hochschulen oder in gehobenen Zeitungsredaktionen leben.

Ist Philosophie nicht auch in geistiger Hinsicht das, was Sie ein Lebensrisiko nennen?

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Ja, man muss Ungewissheit aushalten. Man muss hinnehmen, dass die Summe der Einzelwahrheiten nicht die ganze Wahrheit schlechthin bedeutet. Max Horkheimer erzählte gern von einem Erlebnis an der Freiburger Universität. Von acht bis neun sprach Professor Edmund Husserl über die Philosophie als absolute und strenge Wissenschaft. In der nachfolgenden Stunde erschien Privatdozent Martin Heidegger und sagte: "Meine Damen und Herren, wenn Sie Philosophie studieren, müssen Sie sich eines klarmachen: Mit Wissenschaft hat das gar nichts zu tun."

Sie selbst haben über die Geschichte und die Philologie zur Philosophie gefunden?

Der Druck auf die Studenten war damals noch nicht so stark, man schnüffelte mehr als heute auch auf anderen Wissensgebieten herum. Man bekam auch Tipps von Kommilitonen, welcher Professor besonders interessante Vorlesungen hielt. Ich habe mich anfangs, wie viele Studenten, völlig übernommen und habe zwanzig, dreißig Stunden belegt, das hält man gar nicht durch. Vor allem aber hat man sich damals aufgefordert gefühlt, die Texte selber zu lesen, von denen in den Vorlesungen die Rede war. Ich schrieb auf Papierfetzen alles mit und übertrug das daheim in einer vielleicht etwas glatteren, geglückteren Sprache in Schulhefte, handschriftlich.

Sie waren bildungshungrig?

Ja, das kann man sagen.

Und kamen an der Frankfurter Universität schnell auf Adorno und Ihren späteren Lehrer Horkheimer. Wie unterschieden sich die beiden?

Ja, ich bin über die Geschichte und Geschichtsphilosophie mit einer gewissen Notwendigkeit auf Horkheimer und Adorno gestoßen. In Adornos Diktion musste man sich erst einmal hineinhören. Das gelang mir aber schneller als erwartet. Horkheimer war ein vom Kaufmännisch-Nüchternen herkommender Denker. Und das war bei seiner Herkunft auch ganz verständlich: Adornos Mutter war Sängerin, und Horkheimers Vater war Kommerzienrat. Mir wurde jedenfalls schnell klar: Bei den beiden findest du eine andere geistige Atmosphäre als bei jenen Professoren, die nach 68 "die bürgerlichen" genannt wurden.

Wie denken Sie heute über die Achtundsechziger?

Na ja, das war eine gemischte Sache. Einige der Ideen waren wirklich an der Zeit. Aber bei manchen Akteuren stieß man doch bald auf den Bodensatz des Kulturwidrigen - nicht alles, was an den Pfosten rüttelt, ist auch schon fortschrittlich. Als einige ganz widrige Leute zu Adorno sagten: "Wir müssen die Wissenschaft abschaffen", war auch bei ihm der Spaß zu Ende.

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Adorno war streng?

Ich habe nicht erlebt, dass er aufbrauste. Aber es lag eine gewisse Hermetik in der Art seines geistigen Auftretens. Bei Horkheimer sorgte schon sein leiser Anklang ans Badische, Schwäbische für eine gewisse Bonhomie. Die gab es bei Adorno nicht, er war ein elitärer Mann. Was er gar nicht mochte, waren Leute mit weltanschaulichem Geschwätz. Man konnte nicht sagen: "Was mir übrigens dazu noch locker einfällt". Es war schon ein Exerzitium. Man wurde genötigt, scharf zu denken.

Wie war das Binnenverhältnis zwischen Adorno und Horkheimer?

Ich habe noch erlebt, wie sie sich in der nachamerikanischen Zeit siezten. Später schien doch eine größere menschliche Nähe zwischen ihnen zu herrschen.

Stimmt es, dass viele junge Frauen sich von Adorno angezogen fühlten und bei seinen Vorlesungen die ersten Reihen einnahmen?

Er war dem weiblichen Geschlecht sicherlich zugetan, aber auch - wie es bei Kant heißt - dem Schönen in interesselosem Wohlgefallen. Frauen waren von seiner Diktion, der Lebendigkeit seiner Rede fasziniert.

Sie wissen ja, worüber Sie reden.

Ja, wenn man Jahrzehnte das Vorlesungspult gedrückt hat, dann weiß man ein bisschen Bescheid. Man muss aber solchen Versuchungen möglichst sich entziehen. Das Amt muss unbeschädigt bleiben, meine ich.

Sie waren immer jemand, der sich nicht allein im Elfenbeinturm der Wissenschaft aufhielt, Sie haben gleich nach der Promotion begonnen, philosophische Erkenntnisse an Nichtakademiker zu vermitteln, erst an der Volkshochschule und später in der Akademie der Arbeit. Woher kam der Impuls?

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Vielleicht, weil ich selbst nicht aus einer Akademikerfamilie stamme, mein Vater war Mechaniker. Ich wollte auch gesellschaftlich etwas bewirken, das gebe ich zu.

Wie haben Sie dem Mann an der Drehbank den methodischen Zweifel bei Descartes erklärt?

Man muss auch mit schwierigen Themen an die Menschen herankommen, ohne die Inhalte zu verwässern.

Haben Sie auf die Lebenswirklichkeit der Menschen abgezielt, die vor Ihnen saßen?

Nein, ich habe versucht, möglichst einfach zu sprechen. Der Stoff hat ja zunächst einmal sein Eigenrecht. Ich kann diesen Stoff nicht im Hinblick auf die sozioökonomischen Hintergründe meiner Hörer vortragen, sondern ich stelle ihn aus seinen eigenen inneren Voraussetzungen dar. Übrigens habe ich darin von Horkheimer gelernt. Er hat sich immer Fragen zur letzten Vorlesung auf sein Pult legen lassen. Zu Beginn der neuen Vorlesung hat er diese drei, vier Fragen auch sehr verständlich beantwortet.

Und Adorno hat zu Beginn eines Seminars das Protokoll des vorhergegangenen kontrolliert?

So war es. Viele hatten Angst davor, das Protokoll schreiben zu müssen. Wenn in der nächsten Sitzung beim Verlesen des Protokolls Dinge auftauchten, die Adorno gar nicht gesagt oder anders ausgedrückt hatte, dann bestand er darauf, die Dinge zurechtzurücken.

Die nicht so streng wissenschaftlich orientierten Menschen erwarten von der Philosophie ja oft auch Lebenshilfe. Kann die Philosophie einem fürs Leben helfen?

Nicht die Philosophie an sich. Aber einzelne Autoren schon, etwa die der antiken Stoa, beispielsweise Marc Aurel. Oder später Montaigne.

Sagt Ihnen Josef Pieper etwas?

O ja, ist ein guter Mann gewesen. Er war sich nicht zu schade, philosophische Schriften für den gebildeten Laien zu schreiben, ein sehr ehrenwertes Unterfangen. Auch die Leute aus Sankt Georgen habe ich immer geschätzt. Angefangen natürlich bei Oswald von Nell-Breuning.

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Kannten Sie ihn persönlich?

Ganz gut. Ich habe einen Vortrag von ihm gehört, der mir imponierte. Er hat gesagt: "Absolutes Nutzungsrecht habe ich nur auf meine Zahnbürste. Wenn ich Produktionsmittel besitze, muss ich mich darum kümmern, dass andere Leute auch etwas davon haben." Er war kein Reaktionär, er war ein in sozialen Fragen sachkundiger Mann.

Sie haben sich neulich in einem sehr interessanten öffentlichen Disput mit einer anderen Koryphäe auseinandergesetzt, mit dem Hirnforscher Wolf Singer. Er sagt - vereinfacht -, es gebe keine Sphäre außerhalb des Gehirns ohne neuronale Verschaltungen. Lassen Sie das gelten?

Gute Frage, das ist ja jetzt eine Modeerscheinung. Radikale Vertreter der neurobiologischen Richtung wollen die Philosophie abschaffen. Eines ist jedoch klar: Die Seele als eine rein spirituelle unsterbliche Größe kann nur Gegenstand der Theologie sein.

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Gibt es einen Gott?

Dass es einen Welturheber gibt, das würde ich schon sagen. Es ist jedenfalls plausibel, ihn vorauszusetzen. Ob man den Anfang "Big Bang" nennt oder dem Schöpfungsmythos der Bibel folgt, macht letztlich keinen großen Unterschied. Ich finde jedenfalls, es ist plausibel, eine wie auch immer geartete Autorenschaft an der Welt anzunehmen. Ob Gott ein dinglich Vorhandenes ist - da würden die Theologen selber ein bisschen zögern, wenn man so auf sie zumarschieren würde: "Nun sag's mal!" In der Gottesfrage stoßen wir auf die tiefsten Wurzeln der menschlichen Sehnsucht.

Ausgelöst durch unsere Sterblichkeit?

Die Endlichkeit, die will verdaut werden. Das metaphysische Bedürfnis des Menschen gründet in seiner Endlichkeit. Schopenhauer sagt das sehr deutlich: Wir werden durch den Tod zum Animal metaphysicum. Die Unhinterschreitbarkeit dieses letztinstanzlichen Ereignisses Tod bringt uns immer wieder auf metaphysische Gedanken.

Haben Sie eine Vorstellung vom Leben nach dem Tod?

Habe ich nicht. Das personale Überdauern ist natürlich der Nervenpunkt. Es ist nicht rational auszumachen, was nach dem Tode kommt.

Haben Sie eine Hoffnung oder eine Angst?

Angst habe ich nicht. Aber wenn ich Vereinbarungen mit Freunden treffe, füge ich immer automatisch hinzu: "Wenn ich das noch erreiche." Es gibt zum Thema Leben und Sterben ja die ganz rabiaten Standpunkte: "Edite, bibite, post mortem nulla voluptas." Auch an Epikur wäre zu denken: Der Tod geht uns nichts an, solange er nicht eingetreten ist. Und wenn wir tot sind, auch nicht mehr. Aber kurzum: In dieser Frage verweise ich auf die Theologie.

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Sie leben seit Studientagen in Frankfurt. Haben Sie ein Herz für diese Stadt?

O ja, doch, sehr. Die Leipziger Straße, der Oeder Weg, das damalige Sachsenhausen - das sind Örtlichkeiten, die der Kenner zu schätzen weiß.

Sie wohnen auch in der Stadt?

Ich habe sogar leider zwei Wohnungen, weil ich so viele Bücher habe. Eine ganz in der Nähe unserer Westend-Universität, die andere im Marbachweg, wo ich mit meiner Lebensgefährtin seit Jahren lebe. Man kennt sich auf der Straße, das sind ein bisschen dörfliche Zustände, sehr angenehm.

Nehmen Sie teil am Leben der Stadt?

Ja, die Oper ist natürlich ganz wichtig. Und eines muss ich sagen: Die Loge zur Einigkeit in der Kaiserstraße 37 ist ein guter Gedankenort geworden. Kein Okkultismus im Hinterzimmer, nein, da werden, auch öffentlich, sehr gute Vorträge und musikalische Darbietungen geboten.

Dennoch hat - für einen Mann Ihrer Bildung - dieses Hingezogensein zum Freimaurertum doch etwas Merkwürdiges. Mummenschanz, Männerbündelei...

...Sie müssen das so sehen, ja. Das kann ich Ihnen gar nicht verargen.

Sie sehen es anders?

Natürlich. Ich kam zur Freimaurerei über keinen anderen als Max Horkheimer, der wiederum Mitglied bei B'nai B'rith war, der jüdischen Loge, gegründet in Amerika. Die Freimaurerei ist letztlich der Aufklärung verpflichtet, das sollte man nicht vergessen.

Wie steht das Freimaurertum zur Religion?

In der Freimaurerei gilt nicht die institutionalisierte, sondern die natürliche Religion. Unsere deistische Auffassung rührt letztlich von der Newtonschen Experimentalphysik her: Wenn der Weltzusammenhang so gesetzmäßig verläuft, dann lässt das auf einen intelligenten Welturheber schließen. Der Weltenbau legt dem vernünftigen Bewusstsein das Vorhandensein eines Gottes nahe. Es geht bei uns um sehr ernste Fragen. Gegenstand dieser Fragen ist der Mensch und was er hier auf Erden soll.

Und die Rituale der Freimaurerei?

Das Ritual öffnet nur das Fenster zur Unendlichkeit, durchgehen muss man selbst. Was mich immer sehr gefreut hat: Von den allermeisten meiner Brüder - wenn ich es nicht durch Zufall erfahren habe - habe ich nie herausgefunden, zu welcher Religion sie sich bekennen. Die Minimalauffassung eines Welturhebers und eines gültigen Sittengesetzes (Kant sagt: Von der Moral komme ich zur Religion, nicht umgekehrt) reicht völlig, um uns zu einer Gruppe von Leuten zu machen, die sich miteinander vertragen.

Sie heißen wie wahrscheinlich Tausende Alfred Schmidt. Haben Sie nie überlegt, sich ein Initial zuzulegen?

Ich habe nie darüber nachgedacht, meiner Person durch Namenszusätze Nachdruck zu verleihen. Hans Mayer hat einmal zu mir gesagt: "Wir beide haben aus unseren banalen Namen etwas gemacht."

Herr Professor Schmidt, Sie sind jetzt achtzig Jahre alt und immer noch an der Universität tätig. Können Sie sich ein Leben ohne Arbeit vorstellen?

Nein, kann ich nicht. Ich sitze auch wieder über einer größeren Sache, über die philosophierenden Ärzte des 18. Jahrhunderts. Und ich arbeite ein paar alte Sachen auf. Ich habe für die Veröffentlichung meiner Arbeit über den Begriff der Natur in der Lehre von Marx in der Pariser Presse Universitaire de France ein neues Vorwort geschrieben.

Also über Ihr Standardwerk, das in 18 Sprachen übersetzt und vielfach raubkopiert wurde.

Ja, und ich habe es jetzt noch einmal gelesen mit großem zeitlichen Abstand.

Waren Sie zufrieden?

Nicht durchgängig, nein. Vieles ist im Augenblick des Schreibens doch stärker historisch situiert, als man selbst glaubt.

Wer sich nach der Lektüre unseres Gespräches jetzt ein bisschen mit Philosophie beschäftigen will - welche Lektüre würden Sie ihm empfehlen?

Er sollte weder mit Nietzsche noch mit Walter Benjamin anfangen. Ich empfehle die Meditationen von Descartes.

Die Fragen stellten Werner D'Inka und Peter Lückemeier.

Quelle: F.A.Z.
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