Industriestandort Frankfurt

Die Politik bleibt bei Gewerbeflächen gefordert

EIN KOMMENTAR Von Inga Janović
06.07.2022
, 19:40
Die Industrieanlagen in Griesheim sind seit Jahrzehnten markante Punkte in der Stadtansicht - und sollen es teilweise auch bleiben.
Für viele Unternehmen wird der neue Gewerbepark in Griesheim ein spannender Standort sein. Aber Frankfurt braucht auch Gewerbeflächen für Unternehmen, die stauben und lärmen.
ANZEIGE

Als geschichtsbewusster Frankfurter mag man Beos-Vorstand Holger Matheis nur ungern folgen, wenn er meint, dass der Neuanfang im Industriepark Griesheim nach einem neuen Namen verlange. Und dass „Frankfurt Westside“ gar ein Name „ohne Wenn und Aber“ sein soll im Gegensatz zur ­bisherigen, ja traditionsreichen Bezeichnung, das leuchtet vermutlich nur Marketingleuten ein.

Aber wer will Wortklauberei betreiben, wenn es um Großes geht, genauer gesagt um 73 Hektar. Dort findet sich nun viel Platz für Neuansiedlungen aus der Wirtschaft. Und das über Jahrzehnte herausgetrennte Chemie-Areal wird wieder zu einem Teil der Stadt, der abgeschnitten wirkende Westen rückt somit wieder ein Stückchen näher an die Mitte heran. Und das Mainufer wird auf einem weiteren Kilometer zur öffentlichen Erholungsfläche.

ANZEIGE

Das Erbe nicht einfach abreißen

Dafür, dass der Mangel an Flächen zuletzt namhafte Unternehmen, allen voran Samson, aus der Stadt getrieben hat, hat es ganz schön lange gedauert, um über die Zukunft des längst leer geräumten Chemiestandorts nicht nur zu diskutieren, sondern sie anzugehen. Was nun folgt, ist viel spannender als ein Bauprojekt auf der grünen Wiese. Vor allem, wenn die Investoren ihr Versprechen wahr machen, mit jedem alten Stein behutsam umzugehen, und nicht einfach wegreißen, was Generationen von Arbeitern in 160 Jahren aufgebaut haben. Ein architektonischer Mix aus Alt und Neu schwebt ihnen nach eigenen Angaben vor, ein Miteinander aus verschiedenen Branchen, dazwischen urbanes Leben, Gastronomie, Skatepark, Sportstätten. Zu erwarten ist gewiss auch eine Szeneloca­tion im Industrieambiente.

Wie viel und vor allem welche Industrie dann in „Frankfurt West­side“ einen Platz findet, das lässt sich noch nicht endgültig sagen. Mit der Umwandlung vom Industrie- in einen Gewerbepark haben jedenfalls diejenigen, bei denen es auch mal raucht und stinkt, ihre Vorrangstellung verloren. Auf ihrer Internetseite spricht die Beos AG auch lieber von ausreichend Platz für „hochmodernes Business und Industrie 4.0“. Diese Botschaft steckt also auch in den Griesheimer Plänen: Mit dem neu gewonnenen Gelände werden die Platzprobleme der Frankfurter Wirtschaft, zu der eben auch Betonwerke, Recyclinganlagen und Transportunternehmen gehören, nicht alle gelöst. Vom Auftrag, zusätzliche Gewerbeflächen auszuweisen, ist die Stadtpolitik damit nicht entbunden.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Janovic, Inga
Inga Janović
Redakteurin im Regionalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortliche Redakteurin des Wirtschaftsmagazins Metropol.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
ANZEIGE