Kaninchenjagd

Frettieren für die gute Sache

Von Katharina Müller-Güldemeister
08.01.2015
, 12:10
Drei Komplizen: Mit diesen Frettchen geht Jäger Axel Seidemann auf die Jagd nach Wildkaninchen im Frankfurter Bethmann-Park.
Axel Seidemann wird manchmal als Auftragsmörder beschimpft, weil er im Park mit Frettchen Kaninchen jagt. Sobald die Leute ihm zuhören, verstehen viele aber, warum er es trotzdem tut.

Drei Frettchen stecken die Nasen durch das Gitter des Transportkastens. Ein Tier scharrt mit den Vorderfüßen am Draht. „Die kennen das schon“, sagt Axel Seidemann. „Erst Auto fahren und dann geht’s in den Bau.“ Seidemann wird mit Hund Yessi und den Frettchen, die er alle Hanni-Nanni genannt hat, Wildkaninchen im Bethmann-Park fangen. „Frettieren“ nennt sich diese Art des Jagens, die ohne Gewehr auskommt.

Seidemann öffnet eine Dose Katzenfutter und stellt sie ins Stroh. Bevor er die Frettchen vor den Eingang eines Kaninchenbaus setzt, sollen sie satt sein. Seidemann - fast zwei Meter groß, Pranken, Gang wie ein Bär - ist einer der Jäger, die das Grünflächenamt anheuert, um die Zahl der Kaninchen in den Parks zu reduzieren. Die unterwandern Wege, graben Löcher auf Spielplätzen, knabbern im Winter die Baumrinde ab und im Frühjahr die Blumen. Nach milden Wintern wie dem vorigen vermehren sie sich prächtig. Bis zu 35 Junge wirft ein Kaninchenweibchen im Jahr, außerdem gibt es in der Stadt kaum Fressfeinde. Allein für den Rebstockpark hat die Stadt 2013 rund 20.000 Euro ausgegeben, um die Sträucher und Bäume zu ersetzen, die nach zwei harten Wintern wegen Kaninchenverbisses eingegangen waren.

Kaninchen sollen Arbeit der Gärtner nicht zunichte machen

Im drei Hektar großen Bethmann-Park leben zwar nur noch zehn bis 20 Kaninchen, schätzt Seidemann - in anderen Parks wie dem Ostpark sind es deutlich mehr. Allerdings legt die Stadt auf den denkmalgeschützten Bethmann-Park mit den alten Bäumen und dem 1989 fertiggestellten Chinesischen Garten besonderen Wert. Drei Gärtner arbeiten das ganze Jahr dort. Damit ihre Arbeit nicht vergebens ist, hat das Grünflächenamt Seidemann beauftragt.

Vor den Frettchen ist erst Yessi dran. Es ist der erste Einsatz der sieben Jahre alten Deutsch-Drahthaar-Hündin in der Kaninchenjagd. Eigentlich ist sie auf Rehe, Wildschweine und Gänse abgerichtet. Doch Seidemanns Hund ist kürzlich gestorben. Weil er schnell Ersatz brauchte, hat er Yessi von einem befreundeten Züchter ausgeliehen. Yessi schnüffelt an den Reusen, die der Kaninchenjäger und drei Jagdhelfer aus einem Anhänger laden. „Platz“, sagt Yessis neues Herrchen. Yessi macht Platz - und steht gleich wieder auf. Zu verlockend sind die Frettchen, die Reusen, der Geruch nach Beute.

Hunde sind im Bethmann-Park eigentlich nicht erlaubt. Yessi ist eine Ausnahme, weil sie die Kaninchen vom Rasen und aus dem Gebüsch in den Bau scheuchen soll. „Such, Yessi“, sagt Seidemann. Yessi schnüffelt und schwenkt den Kopf hin und her. Mit einem Satz ist sie im Lorbeerkirschstrauch. Ein Kaninchen flüchtet ins Schilf, Yessi jagt hinterher. Während die Hündin versucht, die Fährte wiederaufzunehmen, ist das Kaninchen längst aus dem Gebüsch heraus und flitzt in seinen Bau. Durch das Geraschel und Yessis Bellen aufgeschreckt, rennt ein zweites Kaninchen aus der Deckung. Selbst auf freier Bahn schafft Yessi es nicht, das Kaninchen einzuholen. „Die Karnickel sind so schnell, weil sie mit den Hinterläufen die Vorderläufe überholen und sich dann damit abstoßen“, erklärt Seidemann. Weitere Kaninchen findet Yessi nicht. Wegen des Regens werden die meisten Kaninchen ohnehin schon im Bau sein, vermutet der Jäger. Er pfeift den Hund zu sich.

Frettchen hören auf Seidemann

Am Pavillon an der Grenze zur Berger Straße liegen zwei Kaninchen-Baue, die Seidemann aus vorigen Jahren kennt. Einer von ihnen ist mittlerweile verwaist. In die rund 15 Zugänge des anderen stecken Seidemann und seine drei Gehilfen die zylinderförmigen Reusen. Manche Eingänge sind unter dem Laub schwierig zu finden. Doch wenn sie einen übersehen, kann es sein, dass alle Kaninchen entkommen. „Merkt euch, wie viele Reusen ihr auslegt“, weist Seidemann an, damit später kein Tier vergessen wird. „Bis wir wiederkommen, ist das Karnickel verhungert.“

Der Jäger öffnet den Transportkasten. Zwei Frettchen wuseln heraus, laufen aber nicht weg. Er nimmt eins in die Hand und streichelt das samtig-blonde Fell. Das Frettchen kugelt sich in Seidemanns großen Händen und hinterlässt kleine Kratzer auf der Haut.

Eine Frau in neongrünen Turnschuhen bleibt mit ihrer kleinen Tochter am Wegrand stehen. „Was ist das, Mama?“, fragt das Mädchen. „Das ist das lange Luda“, sagt die Mutter. Sie weiß aus dem Bilderbuch „He Duda“ von Jon Blake und Axel Scheffler, dass Wiesel, die den Frettchen sehr ähneln, Hasen jagen. „Warum sollen die Hasen hier weg?“, fragt die Frau. „Das sind Kaninchen“, sagt Seidemann. „Im Winter hat das Gras kaum noch Nährstoffe, und dann fressen die Karnickel die Bäume an“, sagt Seidemann. Mutter und Kind nicken und streicheln das Frettchen. „Ist das abgerichtet?“, fragt die Mutter. „Nein, es jagt aus Instinkt“, sagt Seidemann. „Meine Frettchen hören nur auf mich, weil ich nett zu ihnen bin.“

Menschen haben oft Mitleid mit den Kaninchen

Seidemann lässt das Frettchen vor einem Kaninchenausgang auf den Boden. Es schnüffelt und schaut sich um. Die Augen sehen aus wie Holunderbeeren. Dann verschwindet es im Bau. Seidemann legt den Zeigefinger auf den Mund.

Schon in der Kindheit hat er seinen Großvater oft begleitet, der Förster im Schwarzwald war. Seit fünf Jahren fängt Seidemann professionell Kaninchen, Nilgänse, Marder, Füchse und Rabenkrähen für die Stadt, Unternehmen und für Privatleute. Manchmal wird er dabei als Tierquäler und Auftragsmörder beschimpft. „Die Menschen sortieren Tiere in gut und böse“, sagt Seidemann. „Mit den süßen Wollknäueln, die über die Wiese hoppeln, haben sie Mitleid, mit den Tauben, die auf ihr Autodach koten, nicht.“

Eine Frau, die ihren Hund im Stadtpark ausführte, hat sogar einmal die Polizei gerufen, um ihn wegen Wilderei anzuzeigen. Die Polizei hat seine Papiere überprüft, dann konnte er weitermachen. „Ich finde die Kaninchen auch süß“, sagt er, „aber ich bin auch Jäger und will Beute machen.“ Das Töten selbst ist nur ein kleiner Teil der Jagd. Und bis es so weit ist, versucht er die Tiere so gut wie möglich zu behandeln.

Kaninchen werden anschließend getötet

Plötzlich zappelt es in einer Reuse. Mit aufgerissenen Augen drückt ein Kaninchen das Näschen gegen den gefederten Deckel aus Plexiglas, der die Reuse nach vorne verschließt. Ruhig und waagerecht trägt Seidemann die Reuse zu einem Jutesack. Kurz nachdem er den Deckel geöffnet hat, hoppelt das Kaninchen in den Sack. Als es merkt, dass es keinen Ausgang gibt, kehrt Ruhe ein. „Kaninchen sind Kurzstreckenflüchter“, sagt Seidemann. Ihr Herz ist nur so groß wie ein Daumennagel. Im Sack fühlt es sich geborgen und kann sich vom Stress erholen. „Das ist wie in seinem Bau.“

Noch während Seidemann den Sack zuschnürt, ruft eine Jagdhelferin: „Noch eins“ und hebt die Reuse hoch. Es ist ihr erstes Beutekaninchen. Sie ist Försterin und jagt normalerweise Rehe und Wildschweine. „Das hat bestimmt zwei, drei Kilo.“ - „Leise, leise, leise“, zischt Seidemann. „Für die geht es um alles.“

Die gefangenen Kaninchen außerhalb der Stadt freizulassen ist nach Bundesjagdrecht verboten. Das Gesetz stammt aus einer Zeit, als es so viele Tiere gab, dass sie in der Landwirtschaft großen Schaden angerichtet haben. „Durch die industrialisierte Landwirtschaft haben es Wildtiere mittlerweile schwer“, sagt Seidemann. Es gibt zwischen den Äckern kaum noch Altgras, in dem Hasen Schutz suchen können. Auf den Feldern fehlt im Winter der Windschutz, weil Äcker heute meist nur noch gespritzt und oberflächlich „gegrubbert“ werden und meist nicht mehr gepflügt. In Sachsen-Anhalt denkt man schon um. Dort dürfen Kaninchen und Schwarzwild mit einer Genehmigung wieder angesiedelt werden. Ob Seidemann die Tiere freilassen würde, wenn er es dürfte? Er sagt ja. Aber er sagt auch: „Jagd ist eine Lebenseinstellung, zu der das Töten dazugehört.“

Am Abend wird er seine Beute mit einem Knüppel betäuben und den Tieren die Halsschlagader durchschneiden. Im Jahr fängt Seidemann 450 bis 500 Kaninchen mit Hund und Frettchen. Die bekommen auch einen Teil ab. Einen anderen Teil nehmen Falkner, damit sich die Greifvögel den Schnabel an den Kaninchenknochen wetzen können. Ein paar Kaninchen isst Seidemann selbst. „Mir tun die auch immer leid“, sagt Seidemann. „Aber es müsste auch keine Schweinemasten geben, wenn jeder das Tier selbst jagt, das er isst.“

Quelle: F.A.Z.
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