Corona-Krise

Männer, Frauen, Traditionen

EIN KOMMENTAR Von Florentine Fritzen
Aktualisiert am 20.05.2020
 - 18:25
Alte Tradition: Besonders Mütter fühlen sich durch Beruf, Betreuung und heimisches Lernen derzeit mehrfach belastet (Symbolbild).
Frauen, besonders Mütter, fühlen sich durch Beruf, Betreuung und heimisches Lernen mehrfach belastet. Die Frage nach einem Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten beschäftigt viele Bürger und Politiker – nicht zuletzt die Frankfurter Frauendezernentin.

Kürzlich wollte im Bundestag eine Abgeordnete von Angela Merkel wissen, wie die Kanzlerin die Folgen der Corona-Krise für die Gleichberechtigung bewerte. Auch in Gesprächen zwischen Freundinnen und Partnern ist das ein großes Thema: Frauen, besonders Mütter, fühlen sich durch Beruf, Betreuung und heimisches Lernen mehrfach belastet. In sozialen Medien schildern ebenfalls viele ihre Sorgen und verleihen ihrem Ärger Ausdruck.

In wirtschaftlich starken Gegenden wie dem Rhein-Main-Gebiet, in dem sich Doppelverdiener-Paare sonst auf ein gutes Betreuungsangebot verlassen können, beschäftigt die Frage nach einem Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten besonders viele Bürger und Politiker – nicht zuletzt die Frankfurter Frauendezernentin. Im Bundestag fragte die Abgeordnete die Kanzlerin: Was wollen Sie dagegen tun?

Merkels Antwort war schlau. Sie sagte, sie wolle sich mit aller Kraft dafür einsetzen, „dass wir keine Retraditionalisierung bekommen“. Will heißen: Noch gibt es gar keine Rückkehr zur Tradition, und sie lässt sich durchaus verhindern. Die Zahlen in aktuellen Studien scheinen auf den ersten Blick dagegen zu sprechen. Demnach haben Frauen ihre Arbeitszeit stärker verringert als Männer – und im Homeoffice weniger Zeit für Pausen.

Aber die Corona-Pandemie wird vorübergehen. Und so, wie jetzt verpasster Lernstoff hoffentlich nicht gesamte Bildungsbiographien zerstört, so hat auch die temporär ungleiche Arbeitsteilung von Paaren hoffentlich keine tiefgreifenden Folgen. Bei vielen leistet ein Partner jetzt mehr, nimmt aber weniger Geld ein als der andere. Weil dessen Job besser entlohnt ist und die Familie nicht darauf verzichten kann oder will. Das Ungleichgewicht zwischen Männer- und Frauengehältern mag in der Krise deutlicher zutage treten. Vorhanden war es schon vor Corona.

Und da ist die Welt durchaus im Wandel. Wie auch die private Aufgabenteilung. Merkel sagte: „Es gibt im übrigen auch viele Väter, die sich jetzt mit dem Homeschooling beschäftigt haben, es sind nicht nur Mütter.“ Wobei in der Summe der Stunden „wahrscheinlich die Mütter in sehr viel stärkerem Maße belastet sind“.

Auch das bestätigen Studien wie Anekdoten dieser Tage. Mütter stresst die neue Belastung besonders, aber Väter sind ebenfalls im Stress. Mütter stecken im Job besonders viel zurück, Väter reduzieren aber auch. Vielleicht gelingt es, diese Erkenntnis aus der ungewöhnlichen Zeit mitzunehmen, statt einen neuen Geschlechterkampf anzuzetteln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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