Künstlerhilfe Frankfurt

Die Kunstfeuerwehr

Von Christoph Schütte
29.08.2021
, 18:00
Hier liegen Büros und Ateliers: Harald Meyer, ehemaliger Vorstand der Künstlerhilfe Frankfurt (links), neben seinem Nachfolger Guido Hettinger
Gäbe es die Künstlerhilfe Frankfurt nicht, man müsste sie erfinden. Dabei mag man das Modell auch nach 40 Jahren wenn nicht gleich verwegen, so doch allemal selbstlos nennen. Am Dienstag wird im Städel gefeiert.
ANZEIGE

Eine Schnapsidee wird man es kaum nennen wollen. „Prickelnd“ trifft schon eher zu. Weniger, weil die Idee, einen Verein zu gründen, bloß zu dem einen Zweck, jungen Künstlern nach dem Studium unter die Arme zu greifen, einst bei einer Gala des Lions Clubs Frankfurt-Mainmetropole in der Alten Oper verkündet wurde. Oder die Gründung, wie der neue Vorsitzende des Vorstands, Guido Hettinger, erzählt, jenseits der Kunstbegeisterung der Clubmitglieder auch steuerliche Beweggründe hatte. Doch sie hat etwas, die Idee, und gäbe es die Künstlerhilfe Frankfurt nicht, man müsste sie erfinden.

ANZEIGE

Dabei mag man das Modell auch nach 40 Jahren wenn nicht gleich verwegen, so doch allemal selbstlos nennen. Auf eine in Cent und Euro messbare Rendite mag zwar manch einer im Verein klammheimlich durchaus hoffen. Indes, setzen sollte man auf sie eher nicht. Denn wer weiß schon, ob der junge Zeichner oder die Videokünstlerin, der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung oder die Meisterschülerin der Frankfurter Städelschule, die der Verein Jahr für Jahr mit einem Stipendium unterstützt hat, es am Ende auch wirklich schaffen, in der Welt der Kunst zu reüssieren. Ob sie sich weiterentwickeln oder nicht, ob sie ihre Kunst in etablierten Galerien, Kunstvereinen und Museen oder gar weltweit in den ganz großen Häusern zeigen können.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Oder ob sie ganz im Gegenteil in ein, zwei Jahren nachhaltig frustriert das Handtuch werfen. Nun dass man das zu Beginn einer künstlerischen Laufbahn nicht weiß, ist die Regel. Auch bei den ersten Preisträgern der Künstlerhilfe Frankfurt, bei Gerald Domenig etwa oder Manfred Stumpf, bei Udo Koch, Monika Schwitte oder Tobias Rehberger, einem von sechs Preisträgern im Jahr 1992, war das keineswegs in jedem Fall schon ausgemacht. Und auch das von Anfang an hochkarätig besetzte Kuratorium, das über die acht jährlich vergebenen Stipendien und die Vergabe der beiden Ateliers in der Naxoshalle befindet, wusste es selbstredend nicht mit Sicherheit zu sagen.

Kunst als Investition

Manche von ihnen, wie Stumpf, Tamara Grcic und Martin Liebscher, lehren heute selbst an renommierten Kunsthochschulen, sind wie Rehberger als Städelschulprofessor Mitglied des Kuratoriums oder haben wie Domenig gerade den Österreichischen Kunstpreis erhalten. Von anderen Stipendiaten aber hat man womöglich seit Jahren nichts mehr gehört. Der eine oder andere hat die Region verlassen oder die Kunst am Ende sogar ganz aufgegeben. Wo aber, wenn nicht auf dem Feld der Kunst, wird man auch noch im Scheitern einen Mehrwert erkennen dürfen? Kunst ist für Hettinger und Harald Meyer, seinen Vorgänger im Amt des Vorsitzenden, schließlich kein Spekulationsobjekt. Eine Investition hingegen schon: in künstlerische Kreativität.

In „das Salz in der Suppe“, wie der verstorbene Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Jean-Christophe Ammann, zu formulieren im Laufe seines jahrzehntelangen Wirkens nicht müde wurde. Eine Mahlzeit mithin, von der am Ende glücklich alle etwas haben. Könne doch die Künstlerhilfe, so Amman in seiner Zeit als Kuratoriumsmitglied, durch ihre Unterstützung entscheidende Weichen für die Zukunft stellen. Helfen also, Mut zu fassen, nicht aufzugeben, sondern weiter zu malen, bildzuhauern und zu zeichnen.

ANZEIGE

„40 Jahre Kraftvergeudung“ hat An­dreas Bee, selbst viele Jahre Mitglied im Vorstand des Vereins, sein Essay gewordenes Geburtstagsständchen in der eigens aufgelegten Publikation zum Jahrestag überschrieben. Er meint damit keineswegs die Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Sondern im Gegenteil und im Anschluss an Joseph Beuys, auf den er sich mit dem Bonmot bezieht, die produktive Spannung, die durch die Unterstützung der jungen, womöglich irritierenden, immer aber aufregenden Kunst entsteht.

ANZEIGE

Die Literatur kommt kaum mehr vor

Rund 400 Künstler hat der Verein in den vergangenen vier Jahrzehnten in der einen oder anderen Form gefördert. Und verlässlich fließt, wenn auch bisweilen kaum bemerkt, die Energie an Förderer, an Liebhaber und solche, die es werden wollen, sowie nicht zuletzt an den gemeinen Kunstbetrachter zurück. Kurzum, erst umgekehrt wird hier ein Schuh draus. Die Kunst, das Ermöglichen von Kunst selbst ist hier der Lohn.

Womit nicht zwangsläufig die bildende Kunst gemeint ist. Gehören doch auch so bekannte Vertreter anderer Sparten wie die Schriftsteller Bodo Kirchhoff, Peter Kurzeck und Werner Söllner zu den Stipendiaten der ersten Jahre. Mittlerweile kommt die Literatur hingegen kaum mehr vor. Was, so Hettinger, keine Entscheidung gegen die Lyrik oder den Roman bedeute, sondern der wechselnden Zusammensetzung des Kuratoriums und seiner jeweiligen Expertise geschuldet sei.

Hauptwache – Der F.A.Z. Newsletter für Rhein-Main

Sonntags bis donnerstags um 21.00 Uhr

ANMELDEN

Denn während noch bis in die späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre neben dem damaligen Direktor des Städelmuseums, Klaus Gallwitz, Vertreter anderer Disziplinen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dem Gremium angehörten, vom Komponisten Ernstalbrecht Stiebler über den Literaturkritiker Karl Corino bis zu Ignaz Bubis und Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, stehen aktuelle Mitglieder wie Philipp Demandt, Heiner Blum oder Yasmil Raymond ausnahmslos für die Verwurzelung im Kunstbetrieb. Was in der Vergabe der mit jeweils 6000 Euro ausgestatteten Stipendien ebenso zum Ausdruck kommt wie in der Auslobung des mit 5000 Euro dotierten, zuletzt an Bea Emsbach vergebenen Kunstpreises anstelle des früheren Hörspielpreises. Die produktive „Kraftvergeudung“ im Sinne Bees freilich, der Energierückfluss bleibt davon unberührt.

ANZEIGE

Der Kreis schließt sich

Nicht nur verfügt der gemeinnützige Verein inzwischen selbst über eine kleine Sammlung, deren Exponate die Räume der Künstlerhilfe zieren, sofern sie nicht wie in diesen Tagen gründlich renoviert werden. Auch Meyer, von Haus aus Ingenieur, ist durch die Mitgliedschaft in der Künstlerhilfe überhaupt erst zu einem leidenschaftlichen Sammler geworden. Ein Liebhaber indes vor allem auch, der vor Jahresfrist seine bemerkenswerte, wiederum gemeinsam mit seinem Vorgänger Michel Aufschnaiter aufgebaute Sammlung mit Papierarbeiten als Schenkung an das Hessische Landesmuseum gegeben hat. So, möchte man meinen, schließt sich nun endlich doch der Kreis. Denn Rendite hin oder her, eine Win-win-Situation ist das in jedem Fall. Haben doch das Haus und die Stifter, die Künstler und keineswegs zuletzt der Kunstbetrachter gleichermaßen etwas davon.

Mag sein, davon kann sich das gemeine Vereinsmitglied der Künstlerhilfe nicht wirklich etwas kaufen. Die Spannung aber, von der Bee gesprochen hat, gibt es ganz umsonst dazu. Und zur großen Jubiläumsfeier im Metzler-Saal des Städel am 14. September wird man außerdem auch noch eingeladen. Und darf es mit gutem Gewissen, nun, nicht gleich für die nächsten vierzig Jahre krachen, aber doch wenigstens an diesem Abend ganz hübsch prickeln lassen. Und alles für die Kunst.

Quelle: F.A.S.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE