Location Scout

Ein Appartment für die Heldin von „Bad Banks“

Von Sabine Börchers
21.08.2019
, 11:56
Geeignete Motive: Yvonne Wassong ist Location Scout für Film- und Fernsehproduktionen in Frankfurt.
Yvonne Wassong sucht und findet geeignete Filmkulissen in Frankfurt. Etwa für den „Tatort“, den Taunuskrimi oder die neue Serie „Skylines“ auf Netflix. In der Mainmetropole ist sie am liebsten zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs.

Wenn Yvonne Wassong in Frankfurt fotografiert, dann ausschließlich im Querformat. Denn das entspricht der Form der Kinoleinwand. Mithilfe solcher Bilder sucht sie geeignete Filmkulissen in der Stadt, etwa für den „Tatort“, einen Taunuskrimi oder die Serie „Bad Banks“. Die Rheinländerin, die seit 20 Jahren am Main lebt, ist das, was in ihrer Branche international als Location Scout bezeichnet wird. Sie hat den Blick für die richtigen Motive für Film- und Fernsehproduktionen, die in Frankfurt und Umgebung entstehen und die dann im Kino, im Fernsehen oder seit neustem auch bei Streamingdiensten laufen.

So wie die von Netflix produzierte Serie „Skylines“, die von 27. September an dort zu sehen ist. Der Sechsteiler, der im Rappermilieu spielt, ist die erste Produktion des amerikanischen Unternehmens, die in Frankfurt gedreht wurde. Yvonne Wassong hat dafür die Räume gefunden, in denen fiktive Büros, Wohnungen und das Plattenlabel eingerichtet wurden. Etwa im achten Stock eines Hochhauses an der Neuen Mainzer Straße. „Dort wurden Büro-Szenen mit dem Schauspieler Richy Müller gedreht“, berichtet sie am einstigen Ort des Geschehens. Bei so einem Projekt präsentiert sie nicht nur einzelne geeignete und verfügbare Locations. „Es geht auch darum, mit dem Szenenbildner einen Look zu kreieren.“

Keine Drehgenehmigung

Seit 16 Jahren sorgt Yvonne Wassong hauptberuflich dafür, dass Produktionen auf geeignete Motive in Hessen zugreifen können. Mittlerweile verfügt sie über viele Kontakte zu Eigentümern, die ihre Häuser oder Wohnungen für Dreharbeiten zur Verfügung stellen. „Es langweilt mich aber, immer auf die Datenbank zurückzugreifen. Außerdem verändern sich die Einrichtungen der Wohnungen mit der Zeit.“ Deshalb ist es ihr wichtig, immer wieder zu Fuß oder mit dem Fahrrad die Stadt zu erkunden. So fallen ihr auch Leerstände auf, die sich vielleicht für einen Dreh nutzen lassen, bevor die Etagen neu bezogen werden.

Besonders Hochhaus-Locations im Bankenviertel seien nicht leicht zu finden, berichtet Wassong. „Das liegt daran, dass die Banken alle keine Drehgenehmigungen vergeben, auch wenn es Leerstand in ihren Gebäuden gibt.“ Besonders bekam sie dies zu spüren, als es darum ging, Drehorte für die vielfach prämierte ZDF-Serie „Bad Banks“ zu finden. Sie erhielt eine Absage nach der anderen, hörte sogar Begründungen von Banken wie die, der Inhalt der Serie erinnere an Rosamunde-Pilcher-Filme.

Schließlich wurden die Motive auf Hochhäuser anderer Unternehmen im Bankenviertel verteilt, etwa auf das K26 an der Ecke von Kaiserstraße und Neue Mainzer Straße. Dort übernahm der Zufall die Regie. „Als ich bei der Besichtigung im obersten Stock stand, sah ich gegenüber auf einem Haus eine Penthouse-Wohnung“, erinnert sich Wassong. Ihr Jagdfieber war geweckt. „Ich habe mir gesagt, in zwei Wochen will ich da oben stehen und Fotos machen.“ Doch bevor sie an eine Drehgenehmigung nur denken konnte, galt es, den Eigentümer ausfindig zu machen. Sie brachte ihr Anliegen beim Concierge vor, beim Makler und ließ immer wieder ihre Kontaktdaten weitergeben. Nach Wochen habe sich bei ihr telefonisch eine Männerstimme gemeldet – der Besitzer. „Ich bin sofort hingefahren. Und am Ende konnte dort für ,Bad Banks‘ das Appartment der Hauptfigur Jana Liekam entstehen.“

Unterschiedliche Lebensräume kennenlernen

Deutschlandweit hat Yvonne Wassong mehr als 50 im Bundesverband organisierte Kollegen, die meisten in Berlin und München. In Frankfurt seien es nur zwei oder drei, sagt sie. Der Beruf ist längst in der Filmbranche etabliert, auch wenn er bis heute kein Ausbildungsberuf ist. Wassong ist ebenfalls Quereinsteigerin, die Betriebswirtschaftslehre studiert hat und nach einer Ausbildung bei der ARD dort als Aufnahmeleiterin gearbeitet hat.

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ZDF-Serie Bad Banks
Die Rückkehr der bösen Banker

Irgendwann suchte jemand Motive für einen Imagefilm und sie entdeckte ihre Leidenschaft für das Locationscouting. „Mein Talent ist es, auf Menschen zuzugehen“, sagt sie. Sie liebe es, die unterschiedlichsten Lebensräume kennenzulernen. Frankfurt sei für ihren Beruf perfekt. „Die Weltstadt auf kleinem Raum“, wie der „Skylines“-Produzent Jonas Dornbach sie begeistert nannte, bietet ihr eine große Bandbreite an Motiven.

Nur einige Filmproduktionen mehr im Jahr dürften es schon sein, findet die Fachfrau. „Frankfurt ist als Filmmetropole beim Zuschauer angekommen, aber eine kontinuierliche Filmwirtschaft haben wir hier noch immer nicht“, stellt sie fest. Für den Herbst stehen immerhin zwei neue Projekte an, einer fürs Fernsehen, einer fürs Kino. Ein Hessen-„Tatort“ komme vermutlich auch noch. „Und nächstes Jahr hoffentlich die zweite Staffel von ,Skylines‘“.

Quelle: F.A.Z.
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