Zeigt her eure Stiche!

Von ALEXANDER JÜRGS und SAMIRA SCHULZ (Fotos)

9. August 2022 · Hinter jedem Tattoo steckt eine Geschichte, eine Erinnerung oder ein Wunsch. Im Freibad haben uns Menschen erzählt, warum sie sich haben tätowieren lassen – und was ihr Motiv über sie verrät.


Geht das wirklich nie wieder weg?
JOHANNA, ÄRZTIN

Mein Tattoo symbolisiert unsere Familie: Der schwarz-weiße Punkt in der Mitte sind mein Mann und ich, die Punkte links und rechts davon sind unsere Kinder, unser Sohn und unsere Tochter. Stechen lassen habe ich mir die Tätowierung spontan in Manchester, als ich dort mit einer Freundin war, die Idee dazu hatte ich schon viel länger. Vier oder fünf Jahre habe ich die Skizze, auf ein Stück Papier gezeichnet, im Geldbeutel mit mir herumgetragen. In dem Urlaub habe ich mich dann entschieden, sie endlich stechen zu lassen. Der Tätowierer war ein ganz junger Typ, ausgewählt habe ich ihn, weil die Bilder seiner Tattoos in seinem Schaufenster mir gut gefallen haben.

Am Tag nachdem er mir das Tattoo gestochen hatte, kam ich ins Zweifeln: Eigentlich ist es seltsam, dass ich mir nur ein Familien-Tattoo habe machen lassen, denn schließlich gibt es ja auch noch mich als einzelne Person, als Individuum. In einer Familie hat man manchmal das Gefühl, dass man sich auflöst. Also bin ich noch einmal zu ihm, und er hat mir ein zweites Tattoo gestochen: einen Kreis für mich allein, knapp unterhalb der Hand. Als meine Kinder die Tattoos gesehen haben, waren sie ganz erschrocken und haben mich gefragt: Geht das wirklich nie mehr weg, Mama? Ich habe übrigens noch ein Tattoo, am Knöchel: das chinesische Zeichen für Kraft. Das habe ich mir schon lange vorher in Byron Bay in Aus­tralien stechen lassen, an einem Neujahrstag im Vollsuff.
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