Missbrauch durch Priester

Erlöse uns von dem Bösen

EIN KOMMENTAR Von Carsten Knop
07.07.2020
, 12:05
Vorwurf: Ein früherer katholischer Stadtdekan aus Frankfurt soll eine Minderjährige geschwängert haben
Wir beten „erlöse uns von dem Bösen“. Doch beten allein hilft nicht. Ob diese Erkenntnis aber in den Kirchen rund um die dortigen Missbrauchsfälle überall angekommen ist, darf man trotz aller Bemühungen um Aufklärung bezweifeln.
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Bis in die Tiefen unserer Seele hinein sind wir mit Bosheit durchwachsen, einige mehr, andere weniger. Solange wir leben, bleiben wir verwickelt in Böses. Müssen wir etwas bereuen, schmerzt oft weniger das Leid, das wir anderen angetan haben, sondern das eigene Selbstmitleid. Wir beten „erlöse uns von dem Bösen“: Doch im eigenen Gewissen fängt die Erlösung an, nicht im Verdrängen. Beten allein hilft nicht. Ob diese Erkenntnis aber ausgerechnet in den Kirchen rund um die dortigen Missbrauchsfälle schon überall angekommen ist, darf man trotz aller Bemühungen um Aufklärung bezweifeln.

Der jüngste Fall in dem Zusammenhang sind die Erzählungen über den verstorbenen katholischen Stadtdekan Walter Adlhoch. Der soll eine Minderjährige geschwängert haben. Zweimal hat das zuständige Bistum der Betroffenen in dem Zusammenhang Geld gezahlt. Sie leidet seit Jahren unter psychisch bedingten Einschränkungen, befand sich jahrelang in therapeutischer Behandlung. Den mutmaßlichen Täter kann man indes nicht mehr befragen; umso mutiger wagen sich Weggefährten von damals vor. Einer sagt sogar, er halte es für „ausgeschlossen“, dass die Vorwürfe zutreffen – und begründet das mit der Persönlichkeit des Beschuldigten.

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Untersuchungen und Zahlungen

Nun kann es ja sogar sein, dass die Verteidiger Adlhochs recht haben. Und doch ist es im Lichte der Untersuchungen, die bisher dazu schon stattgefunden haben, sowie der Zahlungen, zu der sich die katholische Kirche in der Folge bereit erklärt hat, höchst irritierend, zu einem so absoluten Freispruch zu greifen – anstatt das Leid zu artikulieren und um Erlösung zu flehen. Genau das sollten die Theologen, um die es hier geht, doch eigentlich in ihrem Herzen tragen.

Es ist gut, dass wenigstens das Bistum bekräftigt, es werde nichts tun, um die Glaubwürdigkeit des Opfers anzuzweifeln. Man habe oft genug mit Missbrauchsgeschädigten gesprochen, um das unermessliche Leid zu erkennen. So ist es. Irgendwelcher Relativierungen bedarf es nicht. Um es mit den Worten Luthers zu sagen: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Knop, Carsten
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