<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Moderne Kunst in Frankfurt

Schwindelerregende Blicke

Von Michael Hierholzer
 - 16:06

Überall in ihrem Büro hat sie Kopien mit Werken aus der Sammlung aufgehängt, lauter DIN-A4-Seiten aus dem Farbdrucker, nebeneinander, übereinander, eine Installation, eine Dokumentation, ein Mittel, um sich einzuprägen, was es alles gibt in den Ausstellungsräumen und vor allem auch in den Depots. Eine erstaunliche Vielfalt. Arbeiten, die wie selbstverständlich aufeinander bezogen wirken. Die Sammlung, ein verflochtenes Gebilde, das zwar rote Fäden erkennen lässt, die sich aber nie zu einer klaren Linie verstärken. Zusammengetragen zum Teil schon lange vor der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst 1991, ergänzt um Ankäufe und Schenkungen unter den Direktoren Jean-Christophe Ammann, Udo Kittelmann und Susanne Gaensheimer.

Deren Nachfolgerin Susanne Pfeffer, seit Anfang des Jahres auf dem Posten, ist eingetaucht in die ästhetischen Welten, die sich in diesem Haus auftun. In die spezifische Atmosphäre, die der von Hans Hollein entworfene Dreiecksbau bietet, seinerzeit auf einem Restgrundstück zwischen Berliner, Braubach- und Domstraße errichtet, einer der postmodernen Ausstellungbauten, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts allenthalben in europäischen Großstädten verwirklicht wurden. Aber die Postmoderne sei ja nun auch schon wieder Geschichte, sagt die neue Museumsleiterin, und sie sei darüber ganz froh, es gebe jetzt neue Denkanstöße. Im Unterschied zu vergleichbaren Architekturen aus jener Epoche behaupte sich der Frankfurter Museumsbau jedoch auch heute noch. Und zwar ausgesprochen gut.

Sie möchte „das Haus denken, die Sammlung denken“. Noch gibt sie nicht preis, was sie damit anfangen will, doch sie hat Pläne, und im Herbst sollen sie öffentlich werden. Sie betreffen nicht allein das als „Tortenstück“ in den hiesigen Sprachgebrauch eingegangene Gebäude, sondern auch das ehemalige Hauptzollamt schräg gegenüber, das mittlerweile als MMK 3 firmiert, und die Dependance im Taunus-Turm zwischen Banken- und Bahnhofsviertel, als MMK 2 derzeit Ort einer Schau mit fotografischen Werken aus der auch auf diesem Gebiet reichlich bestückten Kollektion des Museums.

Angetan von den Möglichkeiten

Susanne Pfeffer ist angetan von den Möglichkeiten, die es offeriert, von der Qualität, die hier angehäuft wurde, von der Strahlkraft, die das Museum international hat. Sie schwärmt von den Blickachsen, die das Hauptgebäude charakterisieren, von der labyrintischen Anmutung, von den Räumen, die zu stets neuen Entdeckungen einladen. „Den Besuchern fällt es gar nicht auf, wie viel Zeit sie hier verbringen.“ Viele junge Künstler fänden das Haus toll. Es ermögliche schwindelerregende Blicke. Selbst dem Steinboden kann sie etwas abgewinnen: Früher habe ihr so etwas nicht gefallen, heute finde sie es interessant. Wegen der Härte.

Susanne Pfeffer war unter anderem Chefkuratorin der Kunst-Werke Berlin und vor ihrem Wechsel nach Frankfurt Anfang des Jahres von 2013 an Direktorin des Museums Fridericianum in Kassel. Als Kommissarin des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig holte sie voriges Jahr mit einer performativen Arbeit von Anne Imhof den Goldenen Löwen für den besten Länderauftritt. Ebenso wenig wie die von ihr gezeigte Kunst neigt sie zu eindeutigen, gar steilen Thesen, vielmehr mäandert ihr Denken, inspiriert von gegenwärtigen Phänomenen, Themen, Auseinandersetzungen, durch Kunst, Gesellschaft und Politik. An einem lässt sie freilich keine Zweifel: Sie versteht sich als Feministin. Dass Frauen ständig zu Objekten degradiert werden, regt sie auf.

„Ganze Kriege beruhen auf Bildern“

Mehr denn je, sagt sie, gehe es darum, was ein Bild sei, „ganze Kriege beruhen auf Bildern“. Die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität bedeute für manche Künstler nichts mehr, sie hielten sie für überflüssig, da sich beides so durchdringe, dass sich der Unterschied begrifflich und ästhetisch nicht länger fassen lasse. So werde es gewiss künftig um die Frage gehen: „Was ist Realität?“ In diesem Zusammenhang müssten auch die neuen Technologien erörtert werden. Das Museum stellt für Susanne Pfeffer einen Freiraum dar, um solche Dinge anzusprechen.

Meinungsfreiheit und Demokratie müssten immer wieder neu verhandelt werden, sagt sie. Angst im Kontext mit Politik sei derzeit ein Diskussionsgegenstand, der ebenso dringend behandelt werden sollte wie die Frage, wie man trotz Globalisierung eine Gemeinschaft schaffen könne. Und irgendwann lüftet die Museumsleiterin doch etwas den kuratorischen Vorhang: Es könnte sein, dass bei ihrer ersten großen Ausstellung im MMK China eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich ist die Entwicklung im Reich der Mitte atemberaubend, der von Datenschutzbedenken unbekümmerte Einsatz digitaler Überwachungstechniken wird mit beispiellosem Elan vorangetrieben, das Gesellschaftsmodell dagegen entfernt sich zusehends von westlichen Ideen. So böte sich eine Perspektive auf Fernost als Auftakt an. Worauf auch die Asiaten hindeuten, die vor der Tür auf ihren Termin warten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMMKHans Hollein