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Öffentliche Bücherschränke

Bibliotheken, vom Zufall bestückt

Von Stefanie Sippel
 - 11:02
Ein Mann sucht sich Bücher in einem öffentlichen Bücherschrank in Sachsenhausen an dem Schweizer Platz aus. zur Bildergalerie

Verkehr und Franzen

Der Bücherschrank an der Taunusanlage im Frankfurter Bahnhofsviertel ist ein Protz. Seine gläsernen Schiebetüren erinnern an eine Vitrine. Wuchtig, grau, massiv steht er vor dem English Theater. Autos rauschen vorbei, Passanten hetzen vorüber. Sie tragen Aktentaschen oder ziehen Rollkoffer hinter sich her. Sie haben keinen Blick für den Bücherschrank. Dessen Inhalt sieht so aus, als bekomme er nicht viel Zuwendung. Die fünf Bretter sind halbleer, in der untersten und obersten Etage sind die Bücher umgekippt und liegen übereinander. In der Ebene in der Mitte steht heute Jonathan Franzens „Freedom“ neben „Global Challenge of Global Finance“.

In der Etage darüber finden sich Kraftfahrzeug-Ratgeber: „Begleitung rund ums Auto“ und das „Auto Bordbuch“. Eine Frau nähert sich dem Bücherschrank und schiebt vorsichtig die Tür auf. Sie bückt sich und betrachtet die Bücher in der untersten Reihe. Dann schließt sie die Tür wieder, läuft einmal um den Schrank herum und öffnet die Tür auf der anderen Seite. Sie greift nach „Und doch lacht mir die Sonne“, der Biographie der Schriftstellerin Lotte Bormuth. Stellt es aber nach kurzer Zeit wieder zurück. „Ich arbeite ganz in der Nähe und komme jede Mittagspause her“, sagt sie. Manchmal auch nach der Arbeit, so wie heute. Doch viel Zeit bleibt nicht, auch sie hat nur fünf Minuten Zeit, dann eilt sie weiter zum Bahnhof, um ihren Zug zu bekommen.

Frauenromane, Sachbücher

Im Frankfurter Nordend stehen zwei Lesende am Bücherschrank an der Ecke von Bornwiesenweg und Oeder Weg. Praktisch, dass die Bücherschränke immer von zwei Seiten geöffnet werden können. Trotzdem wartet hier an manchen Tagen schon der nächste Büchersuchende und schaut dem bereits blätternden Vordermann über die Schulter. Heute finden sich in dem leicht angerosteten Schrank sogar Schallplatten. Die hat eine Frau erst vor wenigen Minuten hineingelegt. Klassiker wie „Anatevka“ und „Welt der Oper“ sind darunter. Eigentlich habe sie die im Second-Hand-Laden verkaufen wollen, erzählt die Frau. Stattdessen landen sie jetzt im Bücherschrank. Sie selbst schaue vor allem nach Büchern.

„Ich bin ein haptischer Mensch und fasse gerne die Seiten an.“ Wenn sie in einen Bücherschrank schaue, sei sie auf der Suche nach Fach- und Sachliteratur, zum Beispiel zum Thema Psychologie. Da sie in der Nähe wohne, komme sie jeden Tag vorbei, auch vor dem Urlaub. „Hier stehen häufig veraltete Kunst- und Kulturreiseführer“, sagt sie. Die Restauranttipps seien dann nicht mehr aktuell, aber das sei ja egal. Auf der anderen Seite durchforstet ein Mann im Tweed-Sakko den Bücherschrank. Doch er blickt skeptisch drein. „Zu viele Frauenromane“, sagt er. Wie er beobachtet hat, stehen genau diese Bücher Wochen und Monate im Schrank. Doch er weiß auch: „Das ist der Schrank mit den meisten Sachbüchern.“

„Sonntags ist der beste Tag“

Bücherschränke verändern sich mit der Zeit. Das sagt ein älterer Mann, der den Bücherschrank am Malvenweg im Stadtteil Frankfurter Berg nach eigenen Angaben schon seit Jahren beobachtet. Früher habe man regelmäßig Autoren wie Henning Mankell oder Charlotte Link entdeckt, die heute nur noch selten zu finden seien. An Weihnachten hätten Weihnachtsliteratur und Gesangbücher im Schrank gestanden, auch mehr Schallplatten als heute. „Aber das macht nichts, vielleicht kommt das wieder.“

Wie häufig sich das Literaturangebot im Schrank ändere, hänge davon ab, wie viele Menschen in der Umgebung umzögen. Dann nämlich würden häufig neue Bücher vorbeigebracht. „Sonntags ist der beste Tag, da wird am meisten ausgetauscht.“ Im Malvenweg gibt es in der untersten Etage ein Bücherfach für Kinder. Die Titel sind sehr unterschiedlich: Vom Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller und Knaurs großem Schauspielführer über „Biss zum Abendrot“ von Stephanie Meyer bis zu Bridget Jones „Helen Fielding“. Der ältere Mann hat heute nichts gefunden. „Vielleicht morgen wieder.“

Über Kochen und Nahost

Verlassen wirkt der Bücherschrank an der Kennedyallee in Sachsenhausen. Im Schrank riecht es nach alten Büchern, als ob er nicht häufig geöffnet würde. Ein Nachbar erzählt, hier kämen nicht viele Menschen zufällig vorbei. Vielleicht wäre es besser, wenn der Schrank an der nächsten Bahnhaltestelle, am Otto-Hahn-Platz, stünde. Doch wer in Ruhe stöbern will, der ist hier richtig. In der untersten Etage sind literarische Küchenhelfer aufgereiht: „Das große Garten- und Kochbuch“ oder „Das italienische Kochbuch“. Neben Eltern-Ratgebern finden sich Klassiker wie Daphne du Mauriers „Rebecca“ oder Werke von Thomas Mann.

Ganz anders wirkt der Bücherschrank am Schweitzer Platz, der etwa dreihundert Meter entfernt ist. Ein Radfahrer nach dem anderen hält auf dem Nachhauseweg kurz an. Eine junge Frau freut sich heute besonders über ihren Fund. Sie hält „Das Alphabet des Juda Liva“ von Benjamin Stein in der Hand. Im Hebräischen habe jeder Buchstabe eine andere Bedeutung. „Ich lerne gerade Hebräisch, das ist unglaublich spannend“, sagt die Frau. „Ich habe hier schon so viele Bücher über Politik in Israel gefunden, auf die ich niemals gekommen wäre, wenn ich nachts auf Amazon danach gesucht hätte.“

Die Geschichte der Schränke

Erstmals in den neunziger Jahren sind in Deutschland Bücherschränke aufgestellt worden. Unter den ersten Kommunen, in denen das geschah, war zum Beispiel Darmstadt. In Frankfurt gibt es heute etwa 70 öffentliche Bücherschränke, davon allein sechs im Stadtteil Sachsenhausen. In ganz Hessen stehen mehr als 160 Bücherschränke, von Kassel bis Michelstadt, von Wiesbaden bis Hanau. Meistens sind es zu diesem Zweck aufgestellte Vitrinen, oft werden aber auch ehemalige Telefonhäuschen zu Bücher-Tauschbörsen umfunktioniert oder Anhängerwagen mit Literatur beladen. Der erste Frankfurter Bücherschrank wurde im November 2009 am Merianplatz im Nordend eröffnet. Unterhalten werden sie vom städtischen Amt für Straßenbau und Erschließung; in Sachsenhausen ernennt der für den Stadtteil zuständige Ortsbeirat Paten, die sich um die Bücherschränke kümmern. Die Standorte aller offenen Bücherschränke sind auf der Internetseite der Stadt Frankfurt (www.frankfurt.de) zu finden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Sippel, Stefanie
Stefanie Sippel
Volontärin.
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