Plastische Chirurgie

Vergrößern, straffen, optimieren

Von Michael Kelber, Frankfurt
13.03.2011
, 16:24
Hygiene:Ronald Batze desinfiziert ein Brustimplantat, bevor er es einsetzt. Größe und Form sind genau auf die Patientin abgestimmt.
Nasenkorrekturen, Fettabsaugungen und Brustvergrößerungen: Der Tagesablauf des Plastischen Chirurgen Ronald Batze wird von Schönheitsidealen seiner Kundinnen bestimmt.
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Mit zwei aufeinandergestapelten Boxen, voll mit Brustimplantaten, steigt Ronald Batze die Treppen zu den Operationssälen der Maingauklinik am Scheffeleck hinauf. Es ist Viertel vor sieben am frühen Morgen. Die Pakete lassen erahnen, wie sein weiterer Tag verlaufen wird. Batze ist Facharzt für Plastische Chirurgie. Zwei Brustvergrößerungen wird er heute machen, eine verbunden mit einer Bruststraffung. Der Achtundvierzigjährige rauscht durch die Sicherheitsschleuse der Chirurgie, man kennt ihn, direkt in die Umkleide. Montags und dienstags operiert er in dem Belegkrankenhaus; seine Praxis befindet sich in der Innenstadt.

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Während der schlanke gepflegte Mann die blaue Kleidung für den Operationssaal anlegt, diskutiert er mit Kollegen den Fall „Cora“, der in den vergangenen Wochen ein großes Medienecho hervorrief. Die 23 Jahre alte Cora Wosnitza, die einem begrenzten Publikum aus Reality-Fernsehserien bekannt war, starb Anfang Januar an den Komplikationen ihrer sechsten Brustvergrößerung. Batze meint, er würde keine übergroßen Implantate einsetzen. Damit warb der behandelnde Arzt von Cora Wosnitza im Internet.

Schwarzer Filzstift markiert die Schnittlinien

Batze eilt zu seiner ersten Patientin, bespricht sich vor der Narkose noch einmal mit ihr. Vor vier Wochen kam sie das erste Mal in seine Sprechstunde. Unter den buschigen Brauen betrachten seine grünen Augen ihren Körper. Seine fülligen, braunen Haare trägt er nach hinten geföhnt, streicht sich die Strähnen, die in die Stirn hängen aus dem Gesicht. Mit schwarzem Filzstift zeichnet er Striche und Bögen auf die Brust der Patientin, markiert, wo die Einschnitte erfolgen werden.

Präzision: Mit einem elektrischen Skalpell wird ein Einschnitt unterhalb der Brust gesetzt.
Präzision: Mit einem elektrischen Skalpell wird ein Einschnitt unterhalb der Brust gesetzt. Bild: Cornelia Sick

Keine zehn Minuten später wird die Patientin narkotisiert. Batze vertreibt sich die Zeit im Aufenthaltsraum, der wie der Rest der Räumlichkeiten steril wirkt: weißer Boden, weiße Wände, weiße Schränke. Auf dem runden Tisch in der Mitte des Raumes finden sich offene Teepackungen, mit Namen beschriftete Kaffeetassen und zwei Brötchenhälften mit Schinken und zerlaufenem Käse darauf.

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„Nicht jede Brustvergrößerung ist eine Schönheitsoperation“

Es ist kurz vor acht. Im weiß gekachelten Operationssaal drei spielt die Musikanlage einen Song von Robbie Williams. Die narkotisierte Patientin liegt auf dem Behandlungstisch mit einem Beatmungsschlauch im Hals und Infusionen in den Armen. Fünf Ärzte und Schwestern assistieren Batze bei der Operation, huschen um EKG, Beatmungsgerät und andere Gerätschaften. Eine Schwester hilft ihm den grünen Operationskittel anzulegen und sterile Handschuhe überzustreifen. Die Musik wird leiser gedreht.

Batze desinfiziert die Brustpartie und injiziert ein Gemisch aus Kochsalzlösung und Betäubungsmitteln in die Brust, um diese zu dehnen. Er setzt das Skalpell an – etwas Druck braucht er, um die Haut unterhalb der Brust zu durchtrennen. Anschließend hebt er mit seinen Fingern den Brustmuskel von den Rippen ab und formt eine Tasche, in die später das Implantat eingesetzt wird.

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Jetzt nimmt der Chirurg den „Klitschko“ zu Hilfe, so nennt er den gebogenen Metallhaken, mit dessen Hilfe er die Tasche unter dem Brustmuskel formt. Obschon die Prozedur martialisch anmutet – mit einer breiten Metallklammer hält sein Assistent den Einschnitt offen – blutet die Wunde überraschend wenig. „Frauen, die gar keinen Busen mehr haben, fallen für mich unter die Kategorie Rekonstruktion. Nicht jede Brustvergrößerung ist eine Schönheitsoperation“, sagt Batze, während sein Finger an der offenen Wunde vorbeigleitet.

Eine Dreiviertelstunde nach dem ersten Schnitt ist die erste Brust fertig

Er führt das Probeimplantat ein und füllt es mit Hilfe einer Spritze mit Wasser, um zu sehen, ob die vereinbarte Größe des Implantats passt. „Die Form der Tasche ist entscheidend, ob die Brust später gut aussieht oder nicht“, sagt er und lugt unter der Lampe hervor, die auf seiner Stirn sitzt. 1995 begann Batze mit seiner Ausbildung zum Facharzt für Plastische Chirurgie. Seit elf Jahren ist er selbständig, hat nach eigenen Angaben mehr als 1000 Brustoperationen gemacht.

„Man muss auf gewisse Art und Weise perfektionistisch veranlagt sein in diesem Beruf, denn es darf nichts schiefgehen. Perfektion versuche ich im Privatleben allerdings zu vermeiden, denn Perfektion ist langweilig“, sagt Batze hinter dem grünen Mundschutz, während er mit beiden Zeigefingern in kräftigen Stößen das Implantat in die geformte Tasche hinein drückt. Das sei zwar ironisch, weil er sich tagein, tagaus mit der Optimierung von Oberflächlichkeiten beschäftige, aber auch Äußerlichkeiten dürften nicht zu perfekt sein. Sie bräuchten etwas Charakteristisches, um auf andere wirken zu können. Batze dreht das Implantat in der Brust leicht hin und her, bis es seine genaue Position eingenommen hat.

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Eine Dreiviertelstunde nach dem ersten Schnitt ist die erste Brust fertig. Bevor er die Wunde vernäht, operiert Batze die andere Brust der Patientin – es sei wichtig, die Form beider Brüste zu vergleichen, bevor man die Wunden schließt.

„Die Konkurrenz kümmert mich wenig“

Um zwanzig vor zehn macht er zum ersten Mal an diesem Tag Pause, nimmt sich einen Teller im Aufenthaltsraum und füllt ihn mit Suppe, welche die Krankenhauskantine in den OP-Trakt gebracht hat. „Die Konkurrenz, die innerhalb der Plastischen Chirurgie herrscht, kümmert mich wenig.“ Ihm sei sein Privatleben wichtiger. Batze ist verheiratet und zeigt in der Pause gerne die Bilder seines dreijährigen Sohnes.

„Dieser Drang nach wiederkehrender Vergrößerung und ständiger Optimierung, so wie es im Fall ,Cora‘ in Hamburg war, ist bei keinem meiner Patienten wiederzufinden“, sagt Batze und beißt in ein Brötchen. Beide Patientinnen, die er an diesem Tag behandelt, hätten zwei Schwangerschaften hinter sich, wodurch die Brüste erschlafft seien. Die Ehemänner beider Patientinnen meinten, dass die Operation nicht notwendig sei, aber die Frauen wollten sie für ihr eigenes Selbstbewusstsein.

Um Viertel vor elf beginnt Batze mit der zweiten Operation des Tages. Sie ist aufwendiger als die erste, weil das Brustgewebe verkleinert und gestrafft werden muss. Mit dem elektrischen Skalpell, das bei jedem Stromstoß einen dumpfen Ton abgibt, trennt er Hautgewebe von der Brust ab. Es riecht leicht verbrannt.

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Alle sozialen Schichten vertreten

„Die Patienten kommen mittlerweile aus allen sozialen Schichten, vom Manager bis zur Supermarktkassiererin“, sagt Batze und löst den letzten Teil des abzutrennenden Hautgewebes ab. Auch eine der Krankenschwestern, die ihm während der Operationen zur Seite stehen, hat sich die Brust von ihm vergrößern lassen. Sie habe nicht wirklich unter ihrem Mangel an Oberweite gelitten, sagt sie. Es sei vielmehr ein Luxus gewesen, den sie sich gegönnt habe.

Erst um Viertel vor zwei ist auch die zweite Operation des Tages vorbei. Beide Brüste sind straffer und voluminöser. Nur die kleinen Operationsnarben zeugen davon, dass diese Körperteile noch vor zwei Stunden schlaff nach unten hingen. Nach zwei Operationen fühle er sich schon etwas schlapp, sagt Batze. Es brauche eben viel Konzentration. Er gesellt sich kurz zum Rest des Personals, zieht einen Stuhl bei und setzt sich.

„Ein übermäßiger Optimierungswille ist gerade bei Menschen aus der Szene extrem, die nur schwer zufriedenzustellen sind, weil sie oft über die Grenzen des Machbaren hinauswollen.“ Die „Szene“, so nennt Batze Kunden aus der Erotikbranche, für die solche Operationen für die berufliche Tätigkeit wichtig sind. Wenn sie die Grenzen des Machbaren nicht akzeptierten und die Gefahr eines körperlichen Schadens bestünde, müsse er sie wegschicken.

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Verzerrte Selbstwahrnehmung

Während Patienten aus der „Szene“ bewusst Grenzen überschreiten wollten, wiesen andere Patienten eine verzerrte Selbstwahrnehmung auf. So gebe es extrem dünne Menschen, die eine Fettabsaugung verlangten. Eine Operation würde sie nie wirklich zufriedenstellen. Ihnen würde eine Psychotherapie eher weiterhelfen, meint Batze. Aber auch in anderen Fällen hat der Schönheitschirurg schon mit Psychotherapeuten zusammengearbeitet. „Ich habe schon einige Male jungen Müttern zu einer begleitenden Psychotherapie geraten, weil sie nicht nur unter einer hängenden Brust, sondern auch unter Depressionen litten.“ Er mache dann seinen Teil der Arbeit, die Therapeuten den ihrigen.

Zu Mittag isst Batze an diesem Tag nicht. Er fährt direkt in seine Praxis. Es stehen noch Kontrolltermine und Beratungsgespräche an. Auch die Botox-Injektionen zur Faltenmilderung warten.

Seelisches Leiden oder Körperkult - die Sicht eines Therapeuten

In der Öffentlichkeit werden Schönheitsoperationen kontrovers diskutiert. Oftmals wird die Frage gestellt, ob die Steigerung des Selbstwertgefühls nicht effektiver wäre als die Veränderung des Äußeren. Immerhin stellt die Vollnarkose, die für viele Schönheitsoperationen notwendig ist, eine definitive Grenze zwischen dem alltäglichen Zurechtmachen und der Schönheitschirurgie dar. Doch selbst in der Psychotherapie wird nicht zwingend von Schönheitsoperationen abgeraten.

Gerrit Grahl, Geschäftsführer des Frankfurter Therapiezentrums und Therapeut, unterscheidet in dieser Frage zwischen drei Gruppen von Menschen: „In der Gruppe eins fassen wir Menschen zusammen, die einen offensichtlichen, gesellschaftlich anerkannten Makel haben, wie beispielsweise abstehende Ohren oder bleibende Verletzungen durch Unfälle.“ Solche Menschen gewännen durch Schönheitsoperationen oft langfristig an Selbstvertrauen. Wo die Grenze zwischen subjektivem und objektivem Makel verlaufe, lasse sich nicht genau bestimmen. Im Regelfall stimmten Therapeuten aber in solchen Fällen dem operativen Eingriff zu.

„Oft kommen sehr gutaussehende Menschen zu uns in die Praxis“

Eine zweite Gruppe seien die Operationswilligen, die eine verzerrte Selbstwahrnehmung aufwiesen. Diese verhindere einen objektiven Blick auf den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse. „Oft kommen sehr gutaussehende Menschen zu uns in die Praxis, die eigentlich keine weitere Verschönerung nötig hätten, aber trotzdem ihren eigenen Körper als abstoßend wahrnehmen“, sagt Grahl. Meist bestehe bei diesen Menschen - vor allem Jüngeren - gar kein Grund nachzubessern. Bei solchen Patienten werde nach einer Schönheitsoperation das Selbstbewusstsein nicht steigen.

Wenn das Ergebnis nicht genauso ausfiele, wie sie es sich vorgestellt hätten, seien sie wieder nicht mit sich zufrieden. „Oft ist der Körperkult bei diesen Menschen Ausdruck des eigenen Elitedenkens. Kratzt man dann aber an dieser Fassade, stößt man oft auf ein sehr niedriges Selbstbewusstsein“, sagt Grahl. Es sei vor allem ironisch, dass in vielen Fällen eine attraktive Erscheinung hergestellt würde, um soziale Zuwendung zu erfahren, die sozialen Kompetenzen dieser Menschen aber meist wenig ausgeprägt seien. Ihnen fehle es an Einfühlungsvermögen und Problemlösungsstrategien. In extremen Fällen seien solche Patienten psychotherapeutisch ähnlich zu behandeln wie Magersüchtige, damit sie ein gesundes Selbstbild zurückerlangten. Eine dritte Gruppe bildeten Menschen fortgeschrittenen Alters, die den eigenen Alterungsprozess verlangsamen wollen. Diese handelten meist sehr verantwortungsvoll.

„Allgemein ist eine Welle der Körperlichkeit festzustellen“, sagt Grahl. Für das eigene Wohlbefinden sei es allerdings effektiver, sich über seine Situation und individuellen Bedürfnisse Gedanken zu machen, seinen Körper liebevoll fit zu halten und nicht zu überfordern. (makb.)

Quelle: F.A.Z.
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