Rainer Johne, Jugendgerichtshelfer

„Keine Verschärfung, sondern mehr Prävention“

Von Katharina Iskandar
07.01.2008
, 11:35
Rainer Johne, Leiter der Frankfurter Jugendgerichtshilfe, spricht aus Erfahrung gegen eine Verschärfung
Die hessische CDU will einen härteren Jugendstrafvollzug. Fachleute argumentieren dagegen. Das derzeitige Modell sei ausreichend, meint auch Rainer Johne - er spricht aus Erfahrung.
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Die hessische CDU will einen härteren Jugendstrafvollzug. Fachleute argumentieren dagegen. Das derzeitige Modell sei ausreichend, meint auch Rainer Johne - er spricht aus Erfahrung.

Sie kümmern sich um jugendliche und heranwachsende Straftäter. Brauchen wir ein verschärftes Jugendstrafrecht, wie es von Ministerpräsident Koch gefordert wird?

Nein. Wir denken, dass das keine Lösung sein kann. Die Formel "Härtere Strafen gleich weniger Kriminalität" funktioniert nirgends auf der Welt, das bestätigen zahlreiche Statistiken. Warum sollte das also ausgerechnet bei uns funktionieren?

Was schlagen Sie stattdessen vor?

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Wir brauchen mehr Gewaltprävention und eine bessere "Nachsorge" sowie mehr Freiheiten, die jetzigen Möglichkeiten des Strafvollzugs und der Sozialpolitik ausschöpfen zu können. Die Vereine und freien Träger, die sich um straffällige Jugendliche kümmern, haben ja gerade von der Landesregierung, die jetzt alles ändern will, sämtliche Landesmittel gestrichen bekommen. Ich erinnere nur an den Verein Kinder- und Jugendhilfe, der Anti-Gewalt-Seminare und Soziale Trainingskurse durchführt. Die Landeszuschüsse wurden um 100 Prozent gestrichen. Dann darf man sich auch nicht wundern, dass man hinterher bei der Behandlung des Themas nicht weiterkommt.

Gleichzeitig ist ja in diesen Tagen vermehrt auch von "kriminellen ausländischen Jugendlichen" die Rede. Beobachten Sie in Frankfurt eine Zunahme dieser Straftäter?

Das ist schwer zu sagen. In Frankfurt haben wir ja ohnehin einen großen Anteil ausländischer Jugendlicher und Heranwachsender. In unserer Statistik haben wir verzeichnet, dass der überwiegende Teil der Straftaten von Jugendlichen ausländischer Herkunft oder mit Migrationshintergrund begangen wird. Dass das in der Tendenz aber steigend ist, kann ich nicht bestätigen.

Ist Gewaltkriminalität denn nur ein Thema der ausländischen Heranwachsenden?

Nein. Man muss sich dem Thema für alle nähern. Gleichwohl muss man berücksichtigen, dass kulturelle Hintergründe bei jungen Straftätern oft eine entscheidende Rolle spielen, das fängt beim Familienbild und in der Erziehung an. Kulturelle Werte und deren Ausprägungen, die bei vielen jungen Migranten vorherrschen, muss man erst einmal aufknacken, um überhaupt zu verstehen, was sich dahinter verbirgt.

Der hessische Innenminister hat von "multikultureller Verblendung" gesprochen. Sehen Sie die auch?

Ich kann mir nicht vorstellen, was er damit gemeint haben soll.

Er bezog sich darauf, dass seinen Berechnungen zufolge mehr als ein Viertel der 4300 Strafgefangenen in Hessen Ausländer sind und von den rund 1000 Untersuchungshäftlingen mehr als 600 nicht Deutsche sind.

Dann kann ich nur antworten, dass wir in Frankfurt alles sind, nur nicht "multikulturell verblendet". In Frankfurt ist die Vielfalt der Einrichtungen, die sich um junge Migranten kümmern, wahnsinnig groß. Wir haben zahlreiche ausländische Vereine, freie Träger und Hilfsorganisationen, das ist enorm. Das Problem ist, dass man dem Thema generell zu spät Aufmerksamkeit geschenkt hat. Jugendkriminalität, ganz gleich, welcher Nationalität die Täter sind, gab es immer schon. Das Thema ist nicht neu.

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Wenn nun aber das Jugendstrafrecht verschärft würde, wäre das angesichts der Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher nicht eine notwendige Anpassung?

Nein. Viele verstehen unter Jugendstrafrecht etwas Falsches, weil das Wort vielleicht so klingt, als würden die Straftäter gestreichelt oder milde behandelt.

Den Vorwurf des "Kuschelvollzugs" teilen Sie also nicht?

Nein. Tatsache ist, dass das Jugendstrafrecht viel differenzierter als das Erwachsenenstrafrecht ist. Würde man junge Straftäter nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilen, wäre der Sache nicht gedient. Dort gibt es nämlich nur einen Strafenkatalog, und es werden zum Beispiel mehr Geldstrafen verhängt. Im Übrigen werden Erwachsene auch nicht häufiger in die Gefängnisse gesteckt. Fakt ist, dass das Jugendstrafrecht mit all seinen Maßnahmen viel differenzierter darauf eingehen kann, weitere Straftaten zu vermeiden. Und darum soll es ja auch gehen. Und als letztes Mittel hat man immer noch freiheitsentziehende Maßnahmen wie den Arrest oder die Jugendstrafe. Auch das gehört zur Erziehung.

Was geben die Jugendlichen Ihnen gegenüber für Gründe an, warum sie kriminell geworden sind?

Einer der Hauptgründe sind die berühmten "falschen Freunde" und dass sie in einem schlechten Umfeld aufgewachsen seien und sich auch während der Schulzeit nie jemand um sie gekümmert habe.

Glauben Sie das?

Ob diese Gründe immer so stimmen, weiß man nicht. Wir weisen aber in unseren Gesprächen darauf hin, dass man sich das so einfach nicht machen kann. Da sehen wir uns als Erziehungsinstanz. Im Übrigen sind inzwischen auch die meisten Richter dazu übergegangen, bei Körperverletzungsdelikten gleich einen Arrest auszusprechen, um klarzumachen, dass es so nicht geht. Gleichzeitig versucht man aber auch eine Aufarbeitung der Tat. Man will ja nicht, dass der Straftäter nach vier Wochen aus dem Arrest kommt und gleich in die nächste Schlägerei gerät.

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Und wie hoch sind die Chancen, dass die Jugendlichen doch wieder auf den richtigen Weg kommen - dass also die Mechanismen, die man jetzt zur Verfügung hat, auch greifen?

Bei dem überwiegenden Teil greifen die Erziehungsmaßnahmen. Statistisch gesehen wird "nur" jeder Fünfte zum Wiederholungstäter. Erfolgreich sind vor allem Anti-Gewalt-Seminare und soziale Trainingskurse oder etwa das sehr aufwendige Anti-Gewalt-Training, davon könnte es viel mehr in Hessen geben. Die kosten natürlich Geld, aber da muss man eben investieren. Das predigen die Fachleute seit Jahren. Die Früchte sieht man dann ein paar Jahre später. Aber dafür meistens auch dauerhaft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Iskandar, Katharina
Katharina Iskandar
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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