Schule erinnert an Holocaust

Rote Rosen für die Enkelin der Überlebenden

Von Alexander Jürgs
22.05.2022
, 20:06
Wo ihre Großmutter zur Schule ging: Sophie Ullin (rechts) besucht den Kurs, in dem Comics über ehemalige Schülerinnen der Schillerschule entstehen.
Die Erinnerung an den Holocaust wird sich verändern, wenn Überlebende fehlen, die von ihrem Leid berichten können. An der Frankfurter Schillerschule wird nun früheren Schülerinnen gedacht, die in der NS-Zeit verfolgt wurden – mit Comics und einer Performance.
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Ada und Lucie haben einen Blumenstrauß mitgebracht, rote Rosen. Und aufgeregt sind sie auch. In wenigen Minuten werden sie Sophie Ullin treffen, eine Frau aus dem australischen Melbourne, die als Kunstberaterin arbeitet. Beinahe ein halbes Jahr ist es her, seit sie Ullin über das soziale Netzwerk Instagram eine Nachricht geschickt haben. Als sie darauf nicht antwortete, haben sie nicht aufgegeben, sondern weitergesucht und eine Mail­adresse von Ullin aufgespürt. Auf die zweite Nachricht reagierte die Australierin.

Seitdem stehen die drei – die Frankfurter Zehntklässlerinnen Ada Kremer und Lucie Sameith und die australische Kunstberaterin Sophie Ullin – im Austausch, schreiben sich, schicken Fragen und Antworten hin und her. Nun, an einem sonnigen Freitagnachmittag Anfang Mai, treffen sie zum ersten Mal persönlich aufeinander.

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Was die drei verbindet, ist die Großmutter der Australierin: Elinor Ullin, geboren am 24. Februar 1905 in Frankfurt, Mädchenname Wertheim, genannt Lorli. Ihr Vater war ein bekannter und erfolgreicher Geschäftsmann, der mit Getreide handelte. Seine Tochter besuchte von 1919 bis 1922 die Schillerschule im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, nur ein paar Schritte vom Mainufer entfernt, damals eine reine Mädchenschule.

Kulturfonds Rhein-Main fördert das Projekt

13 Jahre später musste sie fliehen – weil sie Jüdin war. 1935 brach sie auf nach Mailand, schutzsuchend vor den Repressionen der NS-Herrschaft. 1938 zog sie weiter. Eigentlich wollte sie, gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich, ins Exil in die Vereinigten Staaten. Doch weil ein Schiff in Richtung Aus­tralien ein paar Tage früher ablegte, landeten sie am Ende in Melbourne. So hat Elinor Ullin den Holocaust überlebt. Ihre älteren Schwestern hatten dieses Glück nicht. Beide wurden ermordet.

Aufbewahrt: Das Abgangszeugnis von Elinor Ullin aus dem Jahr 1922 befindet sich noch immer im Schularchiv.
Aufbewahrt: Das Abgangszeugnis von Elinor Ullin aus dem Jahr 1922 befindet sich noch immer im Schularchiv. Bild: Stephan Lucka

Ada und Lucie haben sich in die Biographie von Elinor Ullin vertieft – im Schulunterricht, in einem Workshop mit dem Titel „Gegen das Vergessen“, im Wahlpflichtunterricht, abgekürzt WPU. Dort haben die 15 Jahre alten Schülerinnen versucht, so viel wie nur möglich über Elinor Ullin herauszufinden, die vor hundert Jahren auf die Schule ging, die sie heute besuchen. Dafür haben sie im Internet recherchiert, haben alte Telefonbücher durchgesehen, sich in Schifffahrtsdaten und digitale Archive vertieft. Und dabei sind sie auf Sophie Ullin, die Enkeltochter von Elinor, gestoßen.

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Mit Figuren und Strichmännchen

Den Kurs, in dem sich Ada, Lucie und ein gutes Dutzend weitere Zehntklässler mit den Geschichten von verfolgten Schillerschülerinnen auseinandersetzen, hat eine Künstlerin, die Zeichnerin Leonore Poth, initiiert. Sie will die Jugendlichen dazu bringen, sich nicht nur mit den Biographien der früheren Schülerinnen zu befassen, sondern sich auch künstlerisch damit auseinanderzusetzen. Zusammengetan hat sie sich dafür mit der Theaterregisseurin Liora Hilb. Der Kulturfonds Rhein-Main fördert das Projekt.

Gezeichnetes Schicksal: Die Schüler des Sachsenhäuser Gymnasiums haben sich mit den Lebenswegen der verfolgten Schülerinnen auseinandergesetzt. Nun zeichnen sie dazu Comics, und im Juli gibt es eine Ausstellung.
Gezeichnetes Schicksal: Die Schüler des Sachsenhäuser Gymnasiums haben sich mit den Lebenswegen der verfolgten Schülerinnen auseinandergesetzt. Nun zeichnen sie dazu Comics, und im Juli gibt es eine Ausstellung. Bild: Stephan Lucka

Eine Gruppe des Kurses entwickelt aus den recherchierten Biographien der Schillerschülerinnen Comicerzählungen. Mit Bleistift und Tusche bringen die Schüler die Schicksale zu Papier. Leonore Poth hilft ihnen dabei. Sie nimmt ihnen die Angst vor der Aufgabe, vor dem Perfektionsdruck. Sie zeigt ihnen Beispiele, wie andere Comickünstler, in sogenannten „Graphic Novels“, Biographisches nacherzählen.

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„Meine Aufgabe ist es vor allem, Blockaden zu lösen“, sagt Poth. Sie will den Schülern vermitteln, dass es unterschiedlichste Wege gibt, um beim Zeichnen ans Ziel zu gelangen, dass sie sich keinen strengen Regeln unterwerfen müssen. „Einen guten Comic kann man mit ausgefeilten Figuren zeichnen – aber auch mit Strichmännchen.“

„Der persönliche Bezug ist wichtig“

Die Theatermacherin Liora Hilb arbeitet mit der zweiten Schülergruppe, unter ihnen sind auch Lucie und Ada. Hilb erschafft, gemeinsam mit den Jugendlichen, eine Performance, die sich den Lebenswegen der früheren Schülerinnen widmet. Kein klassisches Theaterstück mit fest verteilten Rollen wird dabei entstehen, stattdessen sollen die Schüler auf die Bühne bringen, wie sie sich mit den Biographien der Schülerinnen auseinandersetzen, was die Geschichten der Verfolgten in ihnen auslösen. „Der persönliche Bezug ist wichtig“, sagt Lucie.

Die aus Australien angereiste Sophie Ullin und die beiden Schillerschülerinnen brauchen nicht lange, um miteinander warm zu werden. Sie lachen, sie reden, sie nehmen sich in den Arm. Dann zieht es sie durchs Schulhaus. Leo Wörner, der an der Schillerschule Kunst und Geschichte unterrichtet, zeigt Ullin die Schautafeln im Schulflur, die von der Historie des Sachsenhäuser Gymnasiums erzählen. In der Aula sieht sie die Bühne, auf der das Theaterstück, in dem das Leben ihrer Großmutter eine Rolle spielen wird, Anfang Juli aufgeführt werden soll. Und auf einem Tisch wird die alte Schulakte von Lorli Wertheim, die erhalten geblieben ist, ausgebreitet. Ein Entschuldigungsschreiben, unterschrieben von ihrem Vater, liegt darin, eine Gesundheitsbescheinigung, ein Personalbogen, eine Kopie ihres Abgangszeugnisses. „Mit den besten Wünschen für ihre Zukunft“ wird die Schülerin, so steht es in dem Zeugnis, entlassen.

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Die Schüler wollen viel wissen

Auch Sophie Ullin sagt, dass sie vor dem Treffen nervös und aufgeregt war. Es ist zwar nicht ihr erster Besuch in Frankfurt, doch ihr erster in der früheren Schule ihrer Großmutter. Sich der Vergangenheit zu stellen, das fällt ihr nicht leicht, es geht nicht ohne Schmerz – doch Ullin ist es wichtig, mehr über die Stadt zu erfahren, aus der ihre Vorfahrin flüchten musste.

Über ihre Frankfurter Jahre, über den Aufstieg der NS-Ideologie, über Vertreibung und Flucht hat Elinor Ullin nicht viel gesprochen, berichtet ihre Enkelin. Gute Erinnerungen teilte ihre Großmutter gern, das Grausame nicht. Doch die Verbindung zu ihrem früheren Leben hat die Frau, die 1998 gestorben ist, trotzdem nie gekappt. Sie schwärmte viel von der europäischen Kultur, von Kunstwerken, von Theaterbesuchen, von Opern. Sie lud Künstler und Musiker zu sich ein, zu ausgelassenen Festen und zum Dialog.

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In dem Raum, in dem Leonore Poth mit den Schülern die Comics zeichnet, ist eine lange Tafel aufgebaut. Auf einem der Tische daneben stehen Brezeln, Streuselkuchen, Kaffeekannen. Sophie Ullin kommt kaum dazu, etwas zu essen oder zu trinken, weil die Schüler so viel von ihr wissen wollen.

Nähe zu den Verfolgten aufbauen

Sie erzählt von ihrer Großmutter, davon, dass sie ihr Leben lang gern Italienisch sprach, von ihrer Lebensfreude, von ihrer Lust, Neues zu entdecken, von ihrer Begeisterung fürs Reisen, davon, dass sie ihr niemals wie eine alte Dame vorkam. Und groß war sie, groß wie ein Mann, wohl mindestens einen Meter achtzig.

Dass die Jugendlichen an der Schillerschule sich intensiv und über einen langen Zeitraum mit den Biographien verfolgter Schülerinnen auseinandersetzen, sei enorm wichtig, sagt Leonore Poth, die Zeichnerin. Indem sie selbst es sind, die die Biographien erforschen, bauen sie eine ganz andere Nähe zu den Verfolgten auf. So werden die Dimensionen der Unterdrückung deutlicher.

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Und auch die künstlerische Beschäftigung, das Zeichnen und das Theaterspielen, macht, so Poth, das Leid anschaulicher. Der Satz etwa, dass jemand deportiert wurde, bleibe meist abstrakt. Doch wenn man versucht, eine solche Deportation zu zeichnen, wenn man sich damit auseinandersetzt, wie es in den Zügen zuging, wie brutal die SS-Leute waren, dann wird es konkret.

Nachkommen der Zeitzeugen

„Dieses Projekt ist etwas anderes als der normale Geschichtsunterricht“, sagt auch Ada Kremer. Den verfolgten Schülerinnen fühlt sie sich durch die Beschäftigung mit ihren Lebenswegen „emotional verbunden“. „Zu wissen, dass sie hier waren, in unserer Schule, das stellt eine persönliche Beziehung her.“

Die eindringlichste Form der Erinnerungskultur, das waren lange die Gespräche mit den Überlebenden. Ehemals Verfolgte wie die im Januar verstorbene Trude Simonsohn kamen in die Schulen, sie berichteten vom Terror in den Lagern, von der Brutalität der Unterdrückung, der Stigmatisierung. Doch mittlerweile gibt es kaum mehr Holocaustüberlebende, die solche Gespräche noch führen könnten. Die Erinnerungskultur wird sich verändern müssen, ganz zwangsläufig. Angebote wie das Projekt in der Schillerschule, die über die reine Wissensvermittlung hinausgehen, bei denen sich darum bemüht wird, die Leiderfahrung anschaulich werden zu lassen, könnten helfen, eine Lücke zu schließen.

„Es hat mich sehr berührt, dass Schülerinnen aus dem Land, das meine Großmutter verlassen musste, sich nun für sie interessieren“, sagt Sophie Ullin. „Es hätte sie sicherlich gefreut, zu wissen, dass man sich an ihrer alten Schule wieder an sie erinnert.“

Und auch Lucie und Ada merkt man an, dass dieser Nachmittag in der Schillerschule etwas ganz Besonderes für sie war. Erst waren sie etwas besorgt, erzählen sie. Sie wussten ja nicht, wie sich diese fremde Frau aus Australien verhalten werde. Und sie hatten auch großen Respekt davor, sich mit ihr auf Englisch zu unterhalten. Doch nun sind alle Sorgen verflogen. Der Besuch von Sophie Ullin in ihrer Schule war „wahnsinnig schön“, sagen sie. Schon bald wollen sie sich wieder treffen, Sophie Ullin ist noch ein paar Tage in der Stadt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jürgs, Alexander
Alexander Jürgs
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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