Neugestaltung der Paulskirche

„Demokratie à la Frankfurt“

Von Rainer Schulze
26.11.2020
, 17:36
Welche „Aura“ soll künftig durch die Paulskirche wehen? Und wer betreibt das nebenan geplante Haus der Demokratie? Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann nimmt Stellung.

Vor einem Jahr haben die Stadtverordneten beschlossen, dass die Paulskirche im Bild der Nachkriegszeit saniert wird. Von einer „historisierenden Sanierung“ sei abzusehen, heißt es in dem Beschluss. Historische Rekonstruktionen könnten zwar identitätsstiftend wirken. Gleichwohl erscheine es bei der Sanierung der Paulskirche aus geschichtlichen, baulichen und ideellen Gründen angezeigt, ihre äußere und innere Gestalt zu respektieren, denn die Kirche stehe nicht nur für die Deutsche Nationalversammlung von 1848, sondern sei auch ein Symbol für den demokratischen Neubeginn nach dem Nationalsozialismus. Nun forderte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in einem Gastbeitrag für die F.A.Z., dass die „Aura des authentischen Ortes“ wiederhergestellt wird, und bietet im gleichen Atemzug an, eine Bundesstiftung in Frankfurt zu installieren, die sich um Erinnerungsorte der Demokratiegeschichte kümmert.

Grütters' Angebot lässt sich so verstehen, dass diese Stiftung auch das neben der Paulskirche geplante „Haus der Demokratie“ betreiben soll. Sie beansprucht zudem, dass das gesamte Projekt unter Federführung des Bundes vorangetrieben wird. Der Bund beteiligt sich zwar an den Sanierungskosten, allerdings gehört die Kirche der Stadt.

Für die Sanierung wurde eine Stabsstelle im Baudezernat von Jan Schneider (CDU) angesiedelt. Wie der Oberbürgermeister will auch Schneider am beschlossenen Weg festhalten, das demokratisch legitimierte Verfahren sei für ihn verbindlich. „Bei aller Freude über das Engagement von Bund und Land habe ich die Sorge, dass uns das Heft des Handelns aus der Hand genommen wird“, sagt er. Um Verzögerungen zu vermeiden, will Schneider die Sanierung der Kirche von der Debatte um Form und Inhalt des „Hauses der Demokratie“ trennen. Würden die Arbeiten heute ausgeschrieben, könne die Sanierung der Kirche wegen der Vergabefristen frühestens Anfang 2024 beginnen, also ein Jahr nach der Feier zum 175. Jahrestag der Paulskirchenversammlung. Auch Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) lobt höflich die Berliner Initiative, hält aber am Plan der Stadt fest: Er begrüße es, dass sich der Bund aktiv in die Ausgestaltung der Überlegungen zur Zukunft der Paulskirche einbringe. „Neben dem von der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung bereits beschlossenen Rahmen zur Renovierung der Paulskirche in der Erscheinungsform des Wiederaufbaus von 1948 ist die beabsichtigte Schaffung eines Hauses der Demokratie gerade in der heutigen Zeit des Auseinanderdriftens unserer Gesellschaft ein wichtiger Schritt.“ So könne aus der Wiege der deutschen Demokratie gleichzeitig auch ein Jungbrunnen für die Demokratie in Deutschland werden.

Kulturstaatsministerin Grütters hat in einem Beitrag in der F.A.Z. vorgeschlagen, eine Bundesstiftung zu gründen und in Frankfurt anzusiedeln, die sich um Orte der Demokratiegeschichte kümmern soll. Herr Oberbürgermeister, ist das ein Angebot, das neben der Paulskirche geplante „Haus der Demokratie“ zu betreiben?

Es ist ein ganz klares Signal dafür, dass sich der Bund in dieser Frage nicht nur finanziell, sondern auch inhaltlich einbringen will. Das ist doppelt spannend, weil wir nicht nur Mittel für die Sanierung der Paulskirche und das Haus der Demokratie brauchen, sondern auch Frankfurt als Zentrum für die Entstehung der deutschen Demokratie betrachten.

Soll die Bundesstiftung das Haus der Demokratie betreiben? Die Römer-Koalition hat ja gefordert, dafür eine Stiftung zu gründen. Kann man als Stadt das Angebot von Frau Grütters nicht dankend annehmen?

Die Bundesstiftung bezieht sich auf alle Orte der Demokratie in Deutschland vom Hambacher Schloss bis nach Rastatt. Im Stadtparlament haben wir beschlossen, dass wir im Haus der Demokratie verschiedene Formen von Beteiligung fördern wollen – vom Stadtschülerrat über das künftige Jugendparlament bis zu Bürgerinitiativen. Das braucht eine Verortung neben der Paulskirche. Wir wollen, dass das, was wir als radikale Demokratie à la Frankfurt verstehen, mit den Bestrebungen auf nationaler Ebene in ein Verhältnis gesetzt wird. Wir diskutieren zwischen Bund, Land und Stadt auf Augenhöhe, in welcher Gestalt das geschieht. Insgesamt steht das Haus der Demokratie für einen breiteren Ansatz: Erinnern, Lernen und Ausprobieren. Erinnern an die deutsche Demokratiegeschichte, lernen, was Demokratie heute bedeutet, erproben und ausprobieren, welche Möglichkeiten für jeden von uns im demokratischen Beteiligen und Engagement stecken.

Das heißt, die Bundesstiftung ist losgelöst vom Haus der Demokratie eine zweite Stiftung?

Ja, das ist eine zweite Stiftung. Der Bund hat entschieden, der richtige Ort dafür sei die Stadt der Paulskirche: Frankfurt. Es passt gut, wenn diese Stiftung ins Haus der Demokratie zieht. Das ergänzt sich wunderbar.

Schafft man damit nicht eine Doppelstruktur? Die Bundesstiftung einerseits und das Haus der Demokratie andererseits? Muss man das noch einmal voneinander trennen?

Es ist richtig, dass Berlin seine Aktivitäten zu den unterschiedlichen Orten der Demokratiegeschichte an einem Platz zusammenfasst. Dabei ist die Paulskirche natürlich der zentrale Ankerpunkt. Aus Frankfurter Sicht kann man die Entscheidung für Frankfurt nur begrüßen, und das macht mich stolz. Der nationale Einfluss der Demokratie à la Frankfurt von 1848 bis 1968 spielt dabei eine herausragende Rolle.

Frau Grütters will, dass man in Frankfurt in und mit der Paulskirche „mehr Demokratiegeschichte wagt“ und spricht davon, dass die „Aura des authentischen Ortes“ im Zuge der Sanierung wiederbelebt werden soll. Widerspricht das dem Beschluss der Stadtverordneten, die Paulskirche im Erscheinungsbild von 1948 zu sanieren?

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Die Stadt hält an den Beschlüssen fest, die Paulskirche in der von Rudolf Schwarz und anderen in der Nachkriegszeit geschaffenen Form zu sanieren. Das ist die Aura, die wir uns vorstellen. Nüchterne Formsprache, aus der eine neue Bescheidenheit spricht, als bewusster Gegenentwurf zum Gigantismus der Nazi-Diktatur. Das wird parteiübergreifend von fast allen Fraktionen getragen. Wir merken aber, dass auf nationaler Ebene noch Sortierungen und Positionierungen stattfinden. Auch wir haben eine Zeit diskutiert bis zu der Einsicht, dass es die große Empore nicht mehr braucht. In einem Punkt bin ich mit den Berlinern völlig d’accord: Man muss die Paulskirche besser erklären. Das Gebäude versteht man nicht von selbst.

Ihre Aura ist also nicht Frau Grütters’ Aura? Wünscht sie sich eher eine historisierende Sanierung?

Diese Diskussion hat sie mit uns nicht geführt.

Berlin beansprucht die Federführung bei der Erarbeitung konkreter Vorschläge für die Sanierung und das Haus der Demokratie. Sind Sie einverstanden?

Alles läuft auf Augenhöhe. Wir teilen uns als Stadt mit Bund und Land die Kosten, wir bringen immerhin die Paulskirche ein, das ist neben dem notwendigen Geld der zentrale Schlüssel. Mit unseren Förderanträgen haben wir die Debatte erst ausgelöst. Wir wollen gemeinsam mit Berlin und Wiesbaden dieses Projekt stemmen.

An welchem Standort soll das Haus der Demokratie entstehen?

Vier Standorte sind in der Diskussion: Der Parkplatz zwischen Paulskirche und Kämmerei, das Obergeschoss und Dach der Kämmerei, die Kämmerei selbst und der Standort der Alten Börse auf dem Paulsplatz. Da gibt es keine Vorentscheidung. Mir ist wichtig, dass es ein würdiger Ort wird. Fest steht, das Haus der Demokratie muss in räumlicher Nähe zur Paulskirche entstehen.

Bis zum 175. Jahrestag der Paulskirchen-Revolution 2023 soll ein Gesamtkonzept erarbeitet werden. Wer sitzt für Frankfurt mit am Tisch?

Es wird drei Arbeitsstrukturen geben: Erstens eine Expertenkommission, die von Bund, Land und Stadt besetzt wird. Zweitens die bauliche Expertise aus dem Bauministerium und unserer Stabsstelle im Baudezernat. Drittens die Steuerungsgruppe von Bund – mit Staatsministerin Grütters –, Land und Stadt.

Wer spricht in dieser Gruppe für die Stadt?

Der Oberbürgermeister.

Quelle: F.A.Z.
Rainer Schulze - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Rainer Schulze
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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