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Zerstochene Autoreifen

Das Werk eines Wahnsinnigen

Von Katharina Iskandar
 - 18:55

Am Tag danach ist die Straße wie leergefegt. Die Wohnhäuser in der Straße Am Dorfgarten reihen sich aneinander wie in vielen Teilen Preungesheims. Autos stehen dicht an dicht. Irgendwann kommt ein Mann vorbei und blickt auf die Fahrzeuge, die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag heimgesucht worden sind. Sein Auto sei nicht dabei, sagt er. Der Mann hat Glück gehabt.

Die Taten der Nacht sehen am nächsten Morgen aus wie das Werk eines Wahnsinnigen. 27 Autos hat der Täter heimgesucht und dabei 31 Reifen zerstochen. Selbst die Polizei sagt, das müsse man erst einmal hinbekommen. Offenbar ist der Täter von einem zum nächsten Wagen gezogen und hat vom Bürgersteig aus mit einem größeren scharfen Gegenstand die Reifen aufgeschlitzt. Wie im Rausch. Als Anwohner aus dem Schlaf gerissen wurden, weil sie ein lautes Zischen vor ihrem Haus hörten, sahen sie den Täter gerade noch um die Ecke rennen. Sie riefen die Polizei. Doch die Fahndung blieb erfolglos.

Es ist nicht das erste Mal, dass in einer Nacht mehrere Fahrzeuge beschädigt werden. In Frankfurt passiert das zurzeit ziemlich oft. Zerstochene Reifen, abgetretene Spiegel und zerkratzter Lack sind noch die „mildere Version“ solcher Zerstörungswut. Auch Autobrände hat es in den vergangenen Monaten in Serie gegeben.

Zerkratzte und auch brennende Autos

Kurz vor Jahresende wurden vier Autos in Heddernheim in Brand gesteckt, die Flammen griffen auf weitere Autos über. Zwei Wochen zuvor brannten mehrere Fahrzeuge in Hausen. Anfang November hatten Unbekannte im Nordend 38 Autos an unterschiedlichen Straßen zerkratzt. Ebenso gingen Vandalen im September in Sachsenhausen vor, sie beschädigten ein Dutzend Autos in kurzer Zeit. Am selben Wochenende wurden Luxuskarossen im Westend beschmiert. In diesem Fall schließt die Polizei eine politisch motivierte Tat nicht aus.

Zerkratzt wurden im vergangenen August auch Autos in Heddernheim. Mit einem spitzen Gegenstand hatten die Täter ihre Spuren an Türen und Kotflügeln hinterlassen. Ein Randalierer tauchte im Juli in der Altstadt auf, ein weiterer im selben Monat in Preungesheim. Ebenfalls im Juli nahm die Polizei in Niederrad einen Reifenstecher fest – nur Wochen nachdem in Sachsenhausen reihenweise Spiegel abgetreten worden waren.

Autos zu beschädigen scheint eine Art Volkssport geworden zu sein. Und die genannten Fälle sind nur jene, die die Polizei der Presse mitgeteilt hat. Die Zahl der Fälle aus dem vergangenen Jahr liegt viel höher, wie sich aus den Statistiken früherer Jahre erahnen lässt. So wurden 2016 in Frankfurt 2936 Sachbeschädigungen an Autos registriert. 2015 waren es 2899. Die Zahl für 2017 gibt die Polizei erst im Februar bekannt, wenn die offizielle Kriminalstatistik vorgestellt wird. Aber dass sie ähnlich hoch sein wird wie in der Vergangenheit, ist anzunehmen.

Eine Polizeisprecherin sagt, man habe die Taten im Blick. Die Beamten aus den Revieren würden vor allem nachts ein Augenmerk auf die Wohnsiedlungen haben. Einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Streifzügen der Kriminellen sähen die Ermittler nicht. „Dazu sind die Taten zu unterschiedlich.“ Das gelte sowohl für die Tatorte als auch für die Ausführungen. Allenfalls bei den Bränden könnte es sich um denselben Täter handeln. Aber auch das sei eher unwahrscheinlich.

Die Frage, was das für Menschen sind, die ihren Frust oder ihre Wut nachts an geparkten Autos auslassen, ist nicht nur für Polizisten, sondern auch für Kriminologen schwer zu beantworten. Es könnte jeder sein, sagt die Polizeisprecherin, das lehre die Erfahrung. Mitglieder einer Jugendbande kämen genauso in Frage wie wutentbrannte Rentner, wie sich erst vor wenigen Tagen an einem Fall in Bornheim gezeigt habe.

Die Kriminalpsychologin Michaela Schätz vom Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung rät zu einem Blick in die Statistik. Die zeige einen auffällig hohen Anteil tatverdächtiger Kinder und Jugendlicher bei der sogenannten Straßenkriminalität. Bezogen auf Sachbeschädigungen an Fahrzeugen, seien mit Blick auf ganz Deutschland Heranwachsende zwischen 18 bis 21 Jahre überrepräsentiert. In Frankfurt wurden insgesamt 299 Tatverdächtige im Jahr 2016 ermittelt. Unter ihnen waren 27 Jugendliche, die zwischen 16 und 18 Jahre alt waren. Erheblich höher lag der Anteil der Dreißig- bis Vierzigjährigen: In diesem Altersspektrum wurden 71 Tatverdächtige gezählt.

Welche Motive stecken hinter dem Vandalismus?

Dass immer wieder Autos beschädigt werden, erklärt Schätz damit, dass das „Tatobjekt leicht verfügbar ist, jederzeit und überall“. Es sei „ein Wertgegenstand, bei dessen Zerstörung man durchaus einiges an Energie aufwenden muss und man sich dadurch sehr leicht seiner Stärke und Potenz versichern kann“. Hinter Streifzügen, in denen gleich eine ganze Reihe von Autos innerhalb kurzer Zeit beschädigt wird, vermutet sie eher eine Gruppe von jungen Männern als einen Einzeltäter.

Aus dem einfachen Grund des Wettbewerbs. „Aus der Gruppe heraus begangen, können sich die Einzelnen beweisen, indem man wie in einer Art Wettkampf miteinander konkurriert. Wer zerstört mehr?“ Oft habe die Zerstörung an einem Auto etwas mit einer „Spannungsabfuhr“ zu tun. „Man will seine aufgestauten Energien loswerden will, meistens geht das einher mit Aggression.“

Offenbar war das auch bei dem 67 Jahre alten Rentner so, den die Polizei am Dienstag festgenommen hat, weil er abermals die Reifen eines Autos in Bornheim zerstechen wollte. 23 Taten werden dem Mann zugerechnet. Er hat sie freimütig zugegeben und als Grund genannt, er habe einen Hass auf Falschparker. Ob das der alleinige Grund ist, wird nun ermittelt.

Der Mann soll einen generell verwirrten Eindruck gemacht haben, heißt es bei der Polizei – „mit einer gewissen Grundaggression“. Seine Taten beging er jedenfalls mit Vorsatz. Als Waffe hatte er sich einen „Körner“ besorgt, einen Metallstab mit Spitze, den er beim Gassigehen mit seinem Hund in einem Kot-Beutel versteckte. „So fiel er niemandem auf“, sagt die Polizeisprecherin und fügt hinzu: „Der Fall zeigt eigentlich nur die Schwierigkeit bei den Ermittlungen. Ein einheitliches Täterprofil gibt es nicht.“ Es könne ein Jugendlicher bei einer Mutprobe sein, aber auch ein politisch motivierter Straftäter. „Oder eben der Rentner von nebenan.“

Quelle: F.A.Z.
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