Shoppen in Corona-Zeiten

Luxus für den Lockdown

Von Matthias Trautsch, Frankfurt
03.11.2020
, 13:58
Eingelagert: Die Wirte an der Zeil haben ihre Stühle bis auf weiteres aus dem Betrieb genommen.
Keine Spur vom zweiten Lockdown? An der Zeil und der Fressgass’ in Frankfurt geht der Konsum mit kleinen Einschränkungen weiter.
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Corona ändert alles, heißt es. Das ist natürlich Unsinn. Es gibt Dinge auf diesem Planeten, die so resistent sind, dass sie jede Pandemie und vermutlich auch den Tag des Jüngsten Gerichts überleben werden. Dazu gehört die Warteschlange in der Postfiliale im Karstadt an der Zeil. Auch am Montag, 2. November 2020, dem ersten Tag des bundesweiten „Lockdowns light“, stehen die Kunden bis weit in die benachbarte Kofferabteilung hinein – und hielten sie alle den vorschriftsmäßigen Hygiene-Abstand ein, ginge die Schlange durch die Parfümerie bis auf die Zeil hinaus. Aber auch dann, so viel ist sicher, würde die Post nicht auf den Gedanken kommen, einen weiteren Schalter aufzumachen.

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Anders stellt sich die Lage ein Stockwerk höher bei der Damenbekleidung dar. Keine Kundschaft weit und breit, was jetzt aber auch nicht mit dem Virus zusammenhängt, sondern schlicht damit, dass wir Montagvormittag haben. Immerhin: So nimmt sich die freundliche Verkäuferin Zeit für einen Plausch über die verschärften Corona-Regeln. Die maximale Kundenzahl sei gesenkt worden, sagt sie, lässt den Blick über die verwaisten Flure schweifen und meint dann mit strahlendem Lächeln: „Momentan haben wir noch Potential.“ Gut zu wissen.

Alles wie immer

Ziemlich genau Null Potential hat derzeit das zu Karstadt gehörende „Le Buffet“-Restaurant, dessen Eingang mit Tischen und rot-weißem Flatterband verbarrikadiert ist. „Bis auf Weiteres geschlossen“ informiert ein Schild die Gäste, die es in der Hoffnung auf ein Kabeljaufilet oder eine vegane Brokkoli-Nuss-Ecke bis unter das Kaufhausdach geschafft haben. Wenn es hier, so das Pandemiegeschehen und das Corona-Kabinett es zulassen, Anfang Dezember wieder losgeht, dann darf sich das Schlemmer-Publikum auf blitzblanke Edelstahltresen freuen: Schon am ersten Lockdown-Tag wurden die Buffets einer Grundreinigung unterzogen.

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Draußen auf der Zeil ist unterdessen alles wie immer: Ein adretter junger Mann mit weißem Hemd und schwarzer Fliege klimpert virtuos auf einem Xylophon, ein Obdachloser schreit wirres Zeug, reißt ein paar Mülleimer um, die Passanten gaffen routiniert. Ein Jugendlicher zückt sein Handy und – nein, er filmt nicht, sondern ruft die Polizei, die einen Augenblick später um die Ecke biegt und sich der Sache annimmt. Der adrette Fliegenmann klimpert weiter.

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Gute Geschäfte trotz Schlange stehen

Ein für die Jahreszeit geradezu obszön warmer Wind geht durch die Fußgängerzone, die Sonne strahlt, als ob sie sich im Kalender vertan hätte. Vermutlich würden die Inhaber der Gastro-Pavillons auf der Zeil ohne Corona-Schließung prima Geschäfte machen. So aber stapeln sich die Stühle hinter den Glasfronten. Die Angestellten aus den umliegenden Büros kommen auch so zu ihrem Lunch: Sie holen sich am Imbiss eine Sushi-oder-was-auch-immer-Box und setzen sich auf eine Bank in die Novembersonne.

Nicht ganz so spontan läuft es im „Lockdown Light“ mit einem Besuch im Apple-Store auf der Fressgass’. Wer sich ein Paar neue AirPods gönnen will, sollte sich rechtzeitig vorher anmelden. Ansonsten bekommt man es mit einer Security zu tun, die gar nicht so egalitär-bubihaft wirkt wie man es sonst von Apple kennt. Anscheinend nimmt sich der I-Phone-Hersteller ein Beispiel an den Luxusläden aus der benachbarten Goethestraße. Dort hat sich vor Louis Vuitton – trotz Anmeldepflicht – eine stattliche Schlange gebildet. Erstaunlich, dass Kunden, die 4000 Euro für eine Handtasche ausgeben, das mit sich machen lassen.

Vielleicht steckt aber auch ein tieferer Sinn dahinter. Ein Aristokrat soll einmal gesagt haben, dass Bürgerliche in Zeiten der Not – und als eine solche gilt die Corona-Krise weithin – zum Sparen neigten, während der Adel wisse, dass man das Geld gerade dann heraushauen sollte, wenn es knapp wird. Mit anderen Worten: Nur wer sich so verhält, als habe er ein Problem, der hat auch eins. So gesehen ist ein Petite-Malle-Handtäschchen vielleicht doch systemrelevanter als angenommen. Und: Wer ordentlich ausgibt, bekommt über den Mehrwertsteuer-Bonus auch wieder ordentlich was herein. Genug für ein paar AirPods. Aber bitte nur mit Termin.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trautsch, Matthias
Matthias Trautsch
Koordination Reportage Rhein-Main.
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